Entrechtet und ermordet: Doku erinnert an jüdische Synagogen

Von: gep
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Gabriele Spelthahn, Jülicher Gesellschaft gegen das Vergessen und für Toleranz, und Guido von Büren, Jülicher Geschichtsverein, präsentieren die Dokumentation „Synagogen im Kreis Düren. Foto: gep

Jülich/Kreis Düren. Es war ein Festtag für die Stadt Linnich, als 1913 die neue Synagoge, ein prächtiges kleines Gebäude im geometrischen Jugendstil, eingeweiht wurde. Die Häuser waren geflaggt, alle Honoratioren, darunter die katholische Geistlichkeit und Landrat Friedrich Vüllers, waren beim Festakt zugegen, und „die ganze Kapelle der Königlichen Unteroffizierschule in Jülich“, spielte auf. Drei Tage lang wurde gefeiert.

25 Jahre später während der November-Pogrome brandschatzten Hückelhovener SA-Männer den Sakralbau, ein Augenzeuge sah aber auch Linnicher und Jülicher unter den Brandstiftern. Auch in Jülich beteiligten sich vor 75 Jahren „ganz normale Bürger“ an den Ausschreitungen, die Synagoge, ein schmaler Backsteinbau, brannte aus. In Düren zündelten die Täter, darunter bekannte Dürener Nationalsozialisten zwei Mal, bis die Synagoge, ein auch mit Spenden christlicher Mitbürger errichtetes Bauwerk im neo-islamischen Stil, niedergebrannt war.

In Drove aber weigerte sich, so hat es der Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll bezeugt, die Feuerwehr unter Tilman Hoff geschlossen, die Synagoge in Brand zu setzen. In Gürzenich wurde der Sakralbau abgebrochen, eine Brandschatzung war wegen nahe gelegener Gehöfte zu gefährlich.

In einer Dokumentation hat die Arbeitsgemeinschaft der Geschichtsvereine im Kreis Düren diese und weitere Informationen über die 19 Synagogen und Gebetshäuser im Kreis in „handlicher Form“ auf rund 100 Seiten zusammengefasst, so Guido von Büren, Vorsitzender des Jülicher Geschichtsvereins. Aufgeführt sind in dem Buch die Synagogen oder Betstuben in Aldenhoven, Drove, Düren, Embken, Frenz, Gey, Gürzenich, Güsten, Jülich, Langerwehe, Langweiler, Linnich, Lüxheim, Müntz, Pier, Rödingen, Tetz, Untermaubach und Vettweiß.

Lange Zeit sei mit dem jüdischen Erbe, das die Novemberpogrome von 1938 und die Zerstörungen im Krieg überdauert habe, „nachlässig umgegangen worden“, moniert von Büren.

So sind die beachtlichen Reste der Synagogen in Müntz und in Jülich noch rund zehn Jahre nach Kriegsende beseitigt worden.

Das einzige jüdische Gotteshaus im Kreis Düren, das die Zeit weitgehend im Originalzustand überdauert hat, ist die kleine Hinterhof-Synagoge in Rödingen, heute ein Kulturhaus des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) mit der Dauerausstellung „Jüdisches Leben im Rheinland“.

Vermutlich schon im 13. Jahrhundert lebten Juden etwa in Aldenhoven. Doch erst im 18. Jahrhundert siedelten sich verstärkt jüdische Familien im Düren-Jülicher Land an. Erst zur vorletzten Jahrhundertwende verlor dieses Landjudentum an Substanz, jüngere Gemeindemitglieder wanderten nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen in größere Städte ab, wie sich an der Entwicklung in Frenz oder Langweiler ablesen lässt.

Ein abruptes Ende fand das jüdische Leben in Stadt und Land ab 1933 mit der Entrechtung, Entwurzelung und Ermordung der Juden durch die Nazis. „Synagogen im Kreis Düren“ will ein „weiterer wichtiger Baustein zur notwendigen Erinnerung“ sein, hieß es bei der Vorstellung des Buches im Jülicher Kulturbahnhof.

Gastreferent war Dr.-Ing. Marc Gellert von der TU Darmstadt. Der CAD-Architekt hat bisher 26 große Synagogen in 3D rekonstruiert, es waren imposante Gebäude, die das Stadtbild prägten. Vor der Machtergreifung der Nazis gab es im damaligen Deutschen Reiches etwa 2800 Synagogen und Betstuben. 1938 wurden mehr als 1400 von ihnen zerstört. Nur 900 blieben nach 1945 erhalten, darunter nahezu 200 komplett.

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