Linnich - Eintauchen in die Welt kleiner gläserner Kostbarkeiten

Eintauchen in die Welt kleiner gläserner Kostbarkeiten

Von: Otto Jonel
Letzte Aktualisierung:
Roundel Augustinus
Von 1611 stammt das Roundel Augustinus, Abt von Einsiedel.

Linnich. Im Deutschen Glasmalerei-Museum in Linnich ist man gewohnt, mit Größe umzugehen. Und auch der Betrachter muss mitunter den Kopf leicht in den Nacken legen, um ein mächtiges Werk an Glaskunst in Gänze zu erfassen. Das wird bei der bevorstehenden Ausstellung „Goldene Geschichten auf Glas“ ganz anders sein.

Dann wird sich der Blick auf vergleichsweise Kleines fokussieren müssen. Der Untertitel der Schau gibt bereits den entscheidenden Hinweis. Es geht um „Kabinettscheiben von Gotik bis Barock“. Wenn bisher der Begriff Kleinode im Glasmalerei-Museum eher selten bis gar nicht verwendet, wurde – bei dieser Ausstellung ist er so passend wie kaum ein anderer.

„Kabinettscheiben“ heißen die kleinen Kunstwerke, das Museum im Frühjahr und Sommer zeigen wird. Betagt sind sie alle, eine sogar ein halbes Jahrtausend alt, Unikate allesamt, Teil der Geschichte und mit einer eigenen Geschichte zudem. Kabinettscheiben, erklärt Museumsleiterin Dr. Myriam Wierschowski, schmückten einst die Prunkzimmer wohlhabender Menschen. Diese Räume, Kabinette, gaben den gläsernen Schmuckscheiben ihren Namen.

Typisch für Kabinettscheiben war, dass sie in bestehende Scheiben als Schmuckelement eingebaut wurden. In Friesland war es Brauch, einem frisch vermählten Paar als Hochzeitsgabe eine solche Schmuckscheibe zu schenken. Sie bilden als „Bierfensterscheiben“ quasi eine Untergattung der Kabinettscheiben.

Eine weitere Sonderform sind die Roundels. Der Name ist Programm. Es handelt sich um monolithe Rundscheiben, Gezeigt werden schließlich auch einige Schweizer Scheiben, hochrechteckige, mit Blei zusammengesetzte, meist besonders farbenprächtige Motivscheiben.

Farbe, erklärt Myriam Wierschowski, ist im Übrigen auch ein Altersmerkmal, Die frühen Exponate sind in den beiden schmelzbaren Farben gehalten, die man im Mittelalter kannte: Schwarzlot und Silbergelb. „Erst nach 1550 kamen Emaillefarben auf wie sie bei den Schweizer Scheiben zu sehen sind.“

Es gibt allerdings auch einige andere Merkmale, die auf das Alter einer Kabinettscheibe schließen lassen.

Motiv und Gestaltung etwa. Frühen Darstellungen fehlt es an Tiefe und Perspektive. Vielfach wurden biblische Motive, später Motive aus der Anatomie umgesetzt.

Manche Themen zu einer Serie verarbeitet. „Wir haben beispielsweise einen Zyklus vom Gleichnis des verlorenen Sohnes“, erzählt Myriam Wierschowski. Aber auch Allegorien. Symbolik und Mythologien wurden umgesetzt. „Manches davon verstehen wir gar nicht mehr“, sagt die Museumsleiterin. Da sei dann Recherche und Quellenstudium notwendig, was im Zeitalter weltweiter Vernetzung per Datenabruf weit weniger aufwändig ist als noch vor einem halben Jahrhundert. „Wir erhoffen uns deshalb, dass sich die Besucher auf eine Reise begeben, um die Ikonographie und Symbolik des Mittelalters und der Neuzeit kennen zu lernen.“

Die frühesten Roundels, die in Linnich zu sehen sind, stammen aus dem 15. Jahrhundert. „Das ist eine ganz wunderbare Sache“, umarmt Myriam Wierschowski die rund 100 Exponate begeistert. Billig ist „die Sache“ auch nicht. Die kleinen Pretiosen wollen gut geschützt sein. „Der Versicherungsaufwand ist schon sehr hoch.“

Und wie kommt man überhaupt an so eine große Ausstellung kleiner, aber kostbarer Scheiben? Per Zufall! Die in Linnich zu sehenden Kabinettsscheiben sind Teil einer umfangreichen Sammlung eines Privatmannes aus Heidelberg, der sich eines Tages an die Museumsleitern gewandt hatte. Myriam Wierschowski fuhr nach Heidelberg, um sich einen Eindruck zu verschaffen, ob die Werke eine Ausstellung lohnen – und betrat eine andere Welt: „Das war ein Privathaus und gleichzeitig ein Museum. Es war einfach fantastisch.“

Wie man sich in einer solchen Umgebung fühlt, wird bei der Ausstellungseröffnung Professor Dr. Klaus Tiedemann mit seinem Vortrag unter dem Titel „Legende von glücklichen Sammler“ vermitteln. Vom 16. März bis 4. August wird ein kleiner Ausschnitt dieser fantastischen Welt eines glücklichen Sammlers im Linnicher Glasmalerei-Museum leuchten.

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