Einführung im Poetry Slam: Schnell das weiße Blatt besiegen

Von: ptj
Letzte Aktualisierung:
7627803.jpg
„Poetry Slammer“ Helge Goldschläger ermuntert Achtklässler zum Selbstversuch und gibt ihnen Tipps. Foto: Jagodzinska

Jülich. Absolut keine „Wasserglas-Lesung“ hatte die Gemeinschaftshauptschule Ruraue für ihre Achtklässler vorbereitet. Mit Helge Goldschläger aus Düsseldorf hatte die Jülicher Einrichtung einen „Poetry Slammer“ zu Gast, der es bereits bis ins Halbfinale der Deutschen Meisterschaft geschafft hat.

Beim „Poetry Slam“ handelt es sich um eine aus den USA kommende publikumsbezogene Literaturperformance, „für die Bühne geschrieben“, sie diene also vor allem der Unterhaltung. „Ihr könnt schreiben, was ihr wollt, es gibt aber zwei Regeln“, ermunterte der 26-jährige Junglehrer für Deutsch und Spanisch sein junges Publikum zum Selbstversuch. Der kurze Text müsse selbst geschrieben sein, und Requisiten seien nicht erlaubt.

Selbstverständlich „versucht man zu überraschen, es soll interessant sein“, regte er an. Das erste seiner erstklassigen Textbeispiele hatte er für die Kulturstiftung des Deutschen Fußballbundes geschrieben: „Der innere Béla Réthy“. Denn es sei „total ungerecht, dass es keine Literatur über den Profi-Fußball gibt.

„Es sind Momente, in denen Sekunden Tage werden, in denen Lunge und Herz still stehen. Die Kugel trifft das Metall an der Innenseite und prallt in den Kasten, ein Luftholen, ein Aufatmen, Stille...“, beginnt die moderne Form der Lyrik, die von der ersten bis zur letzten Zeile nichts von ihrem Einfallsreichtum einbüßt. Protagonist des „inneren Bela Rhéthy“ war Sparkassenmitarbeiter und Fußballfan Hartmut. „Es war oft laut in Hartmut, es war oft leise um ihn herum“, beschrieb Goldschläger etwa das brennende Herz eines Fußballfans.

Der zweite „auf die Bühne“ der Bücherei gebrachte Text „Die Büffeteröffnung“ war im Kreuzreim verfasst, denn dem Poetry Slammer lag es am Herzen, die „sehr verschiedenen Textformen“ vorzustellen. „Vor Kopf an einer langen Tafel saß ein Mann in dem Geschwafel seiner sämtlichen Verwandten, die laut lachten und die tranken und beim Gehen schon leicht schwankten“, brachte Goldschläger den Kern mancher Familienfeier auf den Punkt. Er verzichtete in seiner Ausarbeitung, die ebenfalls kräftig beklatscht wurde, nicht auf einige wenige Ausdrücke aus der Fäkalsprache.

„Oh Müslischale“

Nun kam der spannende Moment der Aufgabenstellung an die Schüler mit der Übung, die der Poet mit „Oh Müslischale“ überschrieb. Mit genau zehn Wörtern sollten die Achtklässler sich bei einem lieb gewonnenen Gegenstand bedanken. Das Schwierige am Schreiben sei stets der Anfang, betonte Goldschläger und riet dazu, „ganz schnell das weiße Blatt zu besiegen“. Während die Schüler nun zu Stift und Blatt griffen, mischte sich der Autor unter sein junges Publikum und gab Tipps.

Auf Anfrage meldeten sich im Anschluss zwei Achtklässler, die ihre Schreibleistung für „totalen Mist“ hielten und zwei, die mit ihrem Werk rundherum zufrieden waren. Allerdings hatte nicht jeder etwas zu Papier gebracht. Hier einige gelungene Beispiele: „Meine Fußballschuhe sind von Cristiano Ronaldo, ich danke dem Erfinder“ oder „Danke, Fußball, dass ich gut mit dir Fußball spielen kann“.

Ein anderes Beispiel war: „Danke, liebe Arbeitshose, hast viele Taschen und nicht nur große“. Die nächste an die Schüler gestellte Aufgabe mit Wahloption war ungleich schwieriger. „Was wäre euer perfekter oder schlechtester Tag?“ Ziel der ungewöhnlichen Lesung war es „Achtklässler zu motivieren, mit Sprache zu spielen“, wie Karin Stobbe es ausdrückte.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert