Eine Nacht in der demenzgerechten Musterwohnung

Von: ptj
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BU1: Rollenspiel „Wie fühlt sich Demenz an?“: Links im Bild ist Arnd Wader zu sehen, ausgestattet mit Simulationsbrille und Tremor-Handschuhen, rechts Christian Heerdt, der Tinnitus-Simulationskopfhörer trägt. AOK-Servicestellenleiterin Stefanie Froitzheim reguliert die Tremor-Handschuhe. Foto: Jagodzinska

Jülich. Christian Heerdt trägt Tinnitus-Kopfhörer und eine Simulationsbrille der Augenerkrankung „Glaukom“, Arnd Wader Tremor-Handschuhe und eine Brille, die den „Grauer Star“ simuliert. Mit solcherlei Beeinträchtigungen ausgestattet, schlüpfen die Männer in die Rolle eines Demenzkranken, bei dem die Pflegeschwester an der Türe klingelt und für Orientierungslosigkeit sorgt.

Das gelungene Rollenspiel, das dem anwesenden Fachpersonal augenscheinlich viel Spaß bereitete, war Teil einer Führung durch die „Musterwohnung Demenz“ der Gesundheitskasse AOK Rheinland/Hamburg in einem Nebengebäude der Jülicher Servicestelle. Leiterin Stefanie Froitzheim führte durch die Ausstellung, die etwa pflegenden Angehörigen, Alten- oder Krankenpflegeschülern leicht umsetzbare und kostengünstige Hilfen und kleine Tricks für die Gestaltung eines demenzgerechten Wohnraumes aufzeigt. Dieser ist auf Orientierung, Sicherheit und Wohlbefinden des Demenzkranken ausgerichtet, der in den eigenen vier Wänden gepflegt wird.

Die gut einstündige Führung diente als Einleitung in ein Premieren-Rollenspiel, für das sich Christian Heerdt, Mitarbeiter der Koordinierungsstelle der Landesinitiative Demenz, freiwillig gemeldet hatte. Er übernachtete in dieser gemütlichen Wohnung, ausgestattet mit Möbeln und passenden Accessoires aus Omas Zeiten und technischen Unterstützungssystemen. Ein Beispiel dafür ist der „Dementen-Wegläuferschutz“, ein Türkontakt oder eine Matte mit Funküberwachung. Genauso wichtig sind aber etwa ein Schaukelstuhl, der bei vermehrtem Bewegungsdrang hilft, oder eine Beschäftigungsecke.

Diese soll dazu anregen, gemeinsam mit dem Erkrankten verschiedene Aktivitäten auszuüben, um eine geeignete Tätigkeit zu finden, wobei Froitzheim auf die Wichtigkeit der Biographie der Person hinwies. Immer gelte jedoch: „Fordern, fördern, aber nicht überfordern“. Wichtiger als das Ergebnis sei die Wertschätzung der Tätigkeit. Einfachste Hilfsmittel wie Zettel mit den Symbolen „Hemd“ oder „Hose“ an Schranktüren, farbig abgesetztes Geschirr oder Farbstreifen auf der Toilettenbrille bieten dem Demenzkranken Orientierung, ohne Strukturen zu verändern, die für ihn so wichtig sind.

Für Rollenspielkollege Arnd Wader handelte es sich ebenfalls um den Vorabend einer Premiere, nämlich der landesweit ersten, 700 Kilometer langen „Tour Demenz“. Diese hat mit der „Tour de France“ nichts gemeinsam, obwohl der 50-jährige Ausdauersportler und Mitarbeiter des Demenz-Servicezentrums Region Bergisches Land mit dem Rad fährt. Wader symbolisiert einen allein lebenden Demenzkranken, in Anlehnung an das Themenjahr der „Landesinitiative Demenz-Service NRW“, die diesmal die Situation und Bedürfnisse dieser Menschen in den Blick nimmt.

In drei Tagen fährt Wader mit Begleitfahrer und Tour-Bus alle 13 Demenz-Servicestationen in NRW ab. Die Tour startet in Alsdorf und führt am ersten Tag über Köln und Siegen nach Remscheid. Von dort geht der zweite Tag über Dortmund, Aalen und Bielefeld bis nach Münster. Tag drei führt über Gelsenkirchen, Wesel und Duisburg bis nach Düsseldorf zum „Ministerium für Gesundheit, Pflege und Alter“.

In der symbolhaften Umsetzung „Social Media mal anders“ sammelt Wader auf dem Weg mit Botschaften gefüllte Pfandflaschen als „Flaschenpost“, die vor dem Ministerium ausgekippt werden. Ihr Inhalt wird wünschenwerterweise ausgewertet. Der Erlös aus den Pfandflaschen kommt Projekten der Alzheimer Gesellschaft zugute.

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