Eine Lesung wie eine Literaturkursstunde

Von: ptj
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Das „Overbach Special“ bereitete der Autorin und ihrem zumeist jungen Publikum viel Freude. Foto; Jagodzinska

Barmen. Alles fing mit der Parabel „Der Aufbruch“ von Kafka an: Für die Autorin Sylvie Schenk aus Stolberg, „in einem anderen Leben“ Lehrerin, Autorin für Lehrbücher und Betreuerin des Euregio-Literaturpreises, war sie die Grundlage für ihr neues bewegendes Buch „Der Aufbruch des Erik Jansen“.

 Ihr sechstes Werk stellte sie nunmehr beim 24. „Overbacher Special“ einem mehr als 60-köpfigen Publikum vor, darunter viele Schüler und einige Lehrer des Gymnasiums Haus Overbach. Sehr zur Freude des veranstaltenden Fördervereins und des Oberstufenkoordinators und Deutschlehrers Stefan Wouters, der Kafkas Parabel vortrug und das „hohe Ziel“ der Veranstaltung benannte: „Junge Leute mit Literatur in Verbindung zu bringen“.

Die gebürtige Französin, die seit mehr als 40 Jahren in Deutschland lebt, „mag die Hürden der deutschen Sprache“ und möchte ihre Bücher „mit den Menschen hier teilen“. Deshalb schreibt sie nicht in ihrer Muttersprache.

Der Aufbruch ihres Protagonisten, des Lehrers Erik Jansen, begann also mit dem Aufbruch Kafkas: Schüler der katholischen St.-Theresa-Schule in Aachen sollen ihn aus verschiedenen Perspektiven interpretieren. Die 17-jährige Schülerin Johanna, sonst eher zurückhaltend, diskutiert mit ihrem Lehrer in der Midlife-Crisis vor ihren Mitschülern darüber. Sie moniert, der Parabel würde nur deshalb ihre enorme Wichtigkeit zugeordnet, weil sie von Kafka stamme. Daraufhin gibt Jansen dem Literaturkurs die Hausaufgabe, einen „Terminus“ aus dieser Parabel zu wählen und ihn beliebig auszuarbeiten. Johanna wählt den Terminus „Tor“ und interpretiert ihn kreativ und intelligent – nicht ohne unterschwellige Zweideutigkeiten. So beginnt ihre Art der Verführung ihres Lehrers, der kontinuierlich in ihren Bann gerät.

Doch der Roman und somit auch die Lesung beginnt mit dem Abschiedsgeschenk des Kollegiums wie des Beirats, des Reinigungspersonals bis hin zu Johannas Leistungskurs: Sie „schicken ihn in die Wüste“, schenken ihm aber eine Reise mit selbst zu wählendem Ziel. Nachdem Jansen den ganzen Sommer braucht, „entmutigt und depressiv seine Lage zu realisieren“, wählt er im Herbst sein Reiseziel, Jordanien. Die Handlung wechselt nun zwischen seinem Aufbruch zu neuen Perspektiven – wie Kafkas Reiter – und dem Rückblick auf seinen Ausbruch in der Schulzeit mit seiner verbotenen Liebe, die ihn nicht nur seine Anstellung, sondern auch gleich seine Ehe kostete.

„Von einem gewissen Punkt gibt es keine Rückkehr“, zitierte Schenk in diesem Zusammenhang Kafka. Der Roman sei deshalb so gut gelungen, weil er nicht nur geschickt auf einer der großen Miniaturgeschichten Kafkas aufbaut, sondern die Kunst literarischer Ausführungen, gewürzt mit unterschwelligen Provokationen, in den dramaturgischen Aufbau integriert. So ist etwa „das Schauspiel der Ehe nach dem Fußballsport die zweitbeste Methode, sich selbst zu vergessen“. Ferner wird in einer katholischen Schule von der „Macho-Welt der Bibel und dem Image Gottes als Diktator“ geschrieben.

Im anschließenden Gespräch mit ihrem Publikum, das sich mehr und mehr zu einer Literaturkursstunde entwickelte, gestand Schenk, wie sehr sie Textinterpretationen in der Schule geliebt habe. „Man sollte auch die Schüler dazu bringen, originell zu denken“, lautete ihre Anregung. Als die Autorin den Kafka-Text gefunden hatte und mit ihrem Mann nach Jordanien gereist war, hat sich die Geschichte, die sie „immer schon schreiben wollte, ganz schnell im Kopf geordnet“. Studiendirektorin a.D. Annette Marquardt hatte im Übrigen das Buch lektoriert und Wouters darauf aufmerksam gemacht. Schenks nächstes Buch wird ein Krimi, bei der Namensfindung schwankt sie noch zwischen „Alter Ego“ und „Blauer See“.

Der Roman „Der Aufbruch des Erik Jansen“ von Sylvie Schenk ist im Picus-Verlag erschienen und zu einem Preis von 19,90 Euro in der Buchhandlung Fischer erhältlich.

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