Eine Heilige oder doch eine kranke Frau ?

Von: Daniela Mengel-Driefert
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Prof. Peter Dinzelbacher refer
Prof. Peter Dinzelbacher referierte zur Ausstellungseröffnung in der Schlosskapelle der Zitadelle zum Thema „Persönliches und Zeittypisches im religiösen Erleben der Christina Bruso”. Foto: Mengel-Driefert

Jülich. „Christina von Stommeln war und ist keine einfache Persönlichkeit”, sagte Bürgermeister Heinrich Stommel in seiner Begrüßungsansprache zur Ausstellungseröffnung „Gottesschau & Gottesliebe”. Groß war das Interesse für die Mystikerin und Selige Christina von Stommeln. Kein Wunder, gehört sie doch zu den Bewohnern Jülichs, wenn auch erst nach ihrem Tod.

1592 gelangten ihre Gebeine in die Stadt. In diesem Jahr jährt sich der 700.Todestag und ist Anlass für eine Ausstellung im Museum Zitadelle Jülich „Der Mensch stand für uns im Mittelpunkt”, erklärte Kurator Guido von Büren in einführenden Worten. „Jeder ist aufgerufen sich selbst ein Bild zu machen von der Christina von Stommeln.”

Das Begleitprogramm eröffnete mit dem Festvortag „Persönliches und Zeittypisches im religiösen Erleben der Christina Bruso” referiert von Prof. Peter Dinzelbacher. „Verschiedene Sichtweisen sind möglich, meine ist die eines Historikers und keines Theologen.” Warum er auf diese Klarstellung großen Wert legte, wurde im Verlauf des Vortrages klar. Die notwendigen Quellen stammen aus dem langjährigen Briefwechsel zwischen Christina Bruso - Bruso ist Christinas Familienname, von Stommeln bezeichnet ihre Herkunft - mit dem Dominikaner Petrus von Dacien.

In 20 Jahren schrieben sie 41 Briefe. Der Dominikaner besuchte Christina regelmäßig und erlebte ihre ekstatischen Zustände und sogenannten Angriffe des Teufels. „Ungewöhnlich intensiv erscheint bei Bruso die dämonische Besessenheit”, berichtete Peter Dinzelbacher.

Dinge bewegen sich ohne materielle Ursache, in ihrem Essen sieht sie Schlangen, Kröten, Echsen. Sie hat Brandmale und beschreibt Angriffe des Dämons. Die Dämonenerscheinungen sind rein quantitativ den mystischen Erlebnissen überlegen. In der Mystik kommt es zu einer Vereinigung der Seele mit Gott. Die Leidensmystik steht bei Christina Bruso im Vordergrund, sie erlebte das Leiden Jesu intensiv in ihrer Fantasie. Die Selbstgeißelung lehnte sie jedoch ab.

Doch wie reagierte ihre Umwelt? Die Beginen in Köln, dort lebte sie einige Zeit, verspotteten alles, was Christina tat. Es stellte sich die Frage, ob die auffälligen Phänomene von Gott oder dem Teufel verursacht waren. War sie eine Hexe oder Heilige? So wurden die Trancen und Ekstasen von verschiedenen Gelehrten geprüft. Manche Besucher reagierten positiv und diese Reaktionen sollten schließlich die zukünftige Betrachtungsweise beeinflussen.

Abschließend führte Dinzelbacher aus, dass Erklärungsmöglichkeiten aus unserem heutigen Weltbild heraus auch die Erkenntnisse der Tiefenpsychologie und der Psychopathologie mit einbeziehen müssen. So können kindliche Missbrauchserfahrungen oder eine Borderline-Erkrankung ähnliche Phänomene verursachen. Auch Visionen und Ekstasen können auf eine Krankheit zurückzuführen sein - können, aber müssen nicht. Deutliche Worte über eine besondere Frau, die 1908 von der katholischen Kirche seliggesprochen wurde.

Nach dem Vortrag konnte die Ausstellung erstmalig von der Öffentlichkeit besichtigt werden. Zu sehen sind Reliquien aus dem Schrein der Christina von Stommeln, Informationen über ihr Leben sowie der Verehrung nach ihrem Tod. Nach Untersuchung der fast vollständig erhaltenen Gebeine werden auch die neuesten Erkenntnisse der Gerichtsmedizin veröffentlicht.

Eine zeichnerische Rekonstruktion stellt Christinas Gesichtszüge dar, und in einem fiktiven Gespräch, das an einer Hörstation miterlebt werden kann, unterhält sich Christina mit Petrus von Dacien. Die Texte beziehen sich auf Auszüge aus dem gemeinsamen Briefwechsel.

Die Ausstellung im Südostturm der Zitadelle ist noch bis zum 13.Januar 2013 im Museum Zitadelle zu sehen.

Die Öffnungszeiten: montags bis freitags 15 bis 17 Uhr; samstags 14 bis 17 Uhr; sonntags und an den Feiertagen Allerheiligen, 2. Weihnachtstag und Neujahr 11 bis 17 Uhr.

Eintrittspreise: Erwachsene 4 Euro, ermäßigt 3 Euro, Familien 6 Euro; Schulklassen und Kinder unter 10 Jahren haben freien Eintritt; Führungsbuchung: Tel. 02461/979514; Infos: Tel. 02461/937680.



Zur aktuellen Ausstellung „Gottesschau & Gottesliebe - Die Mystikerin Christina von Stommeln 1242-1312” wurden die reichen Quellen eingehend von Experten erforscht. Ein Teil der Ergebnisse ist für die Ausstellung aufbereitet worden. Einen tieferen Einblick in die teilweise spektakulären Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen gibt Guido von Büren in seiner Kuratorenführung. Ausgehend von der schriftlichen Überlieferung im Codex Iuliacensis geht er vor allem auf die kostbaren kunsthistorischen Objekte ein, die in ihrem Schrein gefunden wurden.

Die Kuratorenführung mit Guido v. Büren am Sonntag, 28. Oktober, beginnt um 11 Uhr. Treffpunkt ist der Infopavillon in der Zitadelle. Die Führung ist öffentlich und kostenlos, lediglich der Ausstellungs-Eintritt (4 Euro/ermäßigt 3 Euro) muss entrichtet werden.

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