Barmen - Eine Bilanz über das schulische Bildungsniveau

Eine Bilanz über das schulische Bildungsniveau

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Pädagoge Lothar Hesse bezieht nicht nur aus Büchern sein Wissen, wie er Formeln mit Leben füllen kann.

Barmen. Lothar Hesse, Mathematiker und stellvertretender Schulleiter des Gymnasiums Haus Overbach (GHO), setzt sich vehement für eine Optimierung der naturwissenschaftlichen Fächer im Unterricht ein.

Der 50-jährige Studiendirektor versucht in einem Gespräch mit unserem Mitarbeiter Ben Schumacher nach dem Ende des „Jahres der Mathematik 2008” Bilanz über das schulische Bildungsniveau zu ziehen.

Sozialpädagogen mahnen kooperatives Handeln, Erforschen und Erproben an. Neugierverhalten, Lernfreude seien der Kern der Bildung. Wie weit ist der Mathematikunterricht davon entfernt?Hesse: Die neuen Lehrpläne sowie die daraus resultierenden Schulbücher sprechen genau diese Aspekte an. Sowohl die genannten Punkte als auch selbst reguliertes Lernen sind wesentliche Kriterien für den Mathematikunterricht.

Laut Pisa-Studie dümpeln deutsche Schulen in Mathematik an 19. Stelle. Die frühere Kolonie Hongkong und die Niederlande führen die Rangliste an. Was machen diese Länder besser als Deutschland?Hesse: Wer die Pisa-Studie untersucht, entdeckt, dass die separate Schulform „Gymnasium” gar nicht so schlecht abschneidet. Bewusst ist uns, dass die Mathematik zu viele Schüler in der Mittelstufe verliert. Kleinere Lerngruppen - ähnlich der Oberstufe - könnten in Kursgruppen, die nach Leistungs- und Selbststeuerungsfähigkeit differenziert wären, sinnvoller gefördert und gefordert werden. Das unterstützt Lernschwächere, bestärkt Leistungsfähigere. Alle gleich zu beschulen, kann nicht die Lösung sein.

Mathematik fasziniert uns durchaus in Beruf und Alltag, ist zudem Basis aller technischen Entwicklungen. Wird dies den Schülern noch zeitgerecht nahe gebracht?Hesse: Anwendungsbezüge aus dem Alltag finden sich aktuell tatsächlich in den Lehrplänen, also auch in den Aufgaben wieder. Dass Schüler kaum mehr wissen, warum sie „Mathe” lernen, befürchte ich keinesfalls.

Ein Großteil der Schüler empfindet „Mathe” als Disziplinierungsfach, das bloß Sekundärtugenden trainiert: Genauigkeit, folgerichtiges Denken. Außer dass man damit Prüfungen besteht: Bleibt den meisten Jugendlichen nicht der Sinn dafür verborgen?Hesse: In der Tat - uns gelingt es nicht immer, die Freude zu vermitteln, die Mathematik bereiten kann. Wir Mathematiklehrer haben da Defizite abzubauen und den Schülern eine positive Erkenntnisgewinnung zukommen zu lassen.

Fänden junge Leute nicht eher Gefallen am mathematischen Denken mittels eines aktualisierten Unterrichtsstoffs? Statt Handys zu verbieten, könnten nicht deren mathematische Funktionen thematisiert werden?Hesse: Klar kann das Handy, der Airbus oder der Mikrochip Thema in der Lehrstunde sein. Wer aber das Handy verstehen will, muss die Grundlagen der Mathematik beherrschen.

Wie verfahren Sie speziell im Gymnasium Haus Overbach? Wird im Hinblick auf das Science College die Lehrmethodik in den Naturwissenschaften anders gestaltet werden müssen?Hesse: Die Ergebnisse der letzten Jahre bei den Lernstandserhebungen, bei der ZAP 10 und dem Zentralabitur belegen, dass wir in Overbach im Landesvergleich einen äußerst erfolgreichen Mathematikunterricht gestalten. Entsprechend brauchen wir da wenig zu ändern.

Die Anbindung vom Science College zur Wirtschaft, zur Forschung, zum Studium eröffnet neue Perspektiven, innovative Angebote für naturwissenschaftliche Interessierte über den Unterricht hinaus zu offerieren.

Der Rechenweltmeister Dr. Mittring sowie der TV-Star Prof. Albrecht Beutelsbacher waren im GHO zu Gast mit Vorträgen und einer interaktiven Ausstellung. Sie demonstrierten Mathematik als lebendige Wissenschaft. Brauchen wir für eine solche Lehrvermittlung nicht eine andere Ausbildung der Pädagogen?Hesse: Die derzeitige Veränderung der Ausbildung sehe ich nicht ohne Sorge. Wir brauchen grundsätzlich Lehrer mit Leidenschaft zum Fach, die mit ihrer Begeisterung die Schüler anstecken. Gewiss ist es ferner förderlich, hin und wieder vergleichbare Highlights wie bei Prof. Beutelsbacher einzuschieben. Freude im Unterricht - ja. Aber nur Spaß halte ich kaum für realistisch.

Zukünftig soll weniger die Rechenfertigkeit, sondern mehr das Verstehen im Vordergrund stehen. Befürchten die Lehrer nicht insgeheim diese Umkehr, weil sich diese Form viel schwerer abprüfen lässt?Hesse: Eine Formel muss mit Leben gefüllt werden. Verständnis war schon immer in der Mathematik ein wesentlicher Aspekt. Das Begreifen der Zusammenhänge genießt Priorität. Immer mehr Aufgaben verlangen von den Schülerinnen und Schülern angemessenes Argumentieren. Dadurch ist die Bewertung nicht komplizierter geworden.

Fächerübergreifender Unterricht vermag „vernetztes Denken” zu fördern. Zum Beispiel: Wie errechneten die Römer, ohne die Zahl Null zu kennen, Kuppelbauten oder romanische Bögen? Wieso finden derartige Aufgaben, die Mathe, Kunst, Geschichte oder Latein verbinden, kaum Berücksichtigung?Hesse: Trotz solcher reizvollen Exkurse können wir nicht alles im Unterricht aufnehmen. Die Lehrpläne umfassen bereits ausreichend Stoff, inklusive den anwendungsbezogenen Aspekten.

Ist es folgerichtig, wenn die deutsche Wirtschaft das Lehrerbeamtentum in Frage stellt, dafür aber Leistungsanreize für eine effektivere Wissensvermittlung anregt?Hesse: Das Beamtentum stellt fraglos auf der einen Seite ein Hemmnis dar. Andererseits: Was passiert, wenn nicht beamtete Lehrkräfte in Streik treten?! Mit Leistungsanreizen zu operieren, hat sich schon mal als Rechentrick der Landesregierung herausgestellt. Leistungshonorare wurden ausbezahlt, an nächster Stelle wieder abgezogen.

Ist das Jahr der Mathematik als Erfolg zu werten?Hesse: Ich wünsche mir, dass dieses Jahr für unsere Schüler zu Highlights geführt hat. Das gilt nicht minder für unsere Mathematiklehrer, die interessante Fortbildungen geboten bekommen haben. Selbst Nichtmathematiker im Kollegium haben sich ein wenig anstecken lassen.
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