Ein Uran-Formstein, viele offene Fragen

Von: Christian Rein
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Ein wenig skurril ist der gesamte Vorgang schon: Im Jahr 2001 haben Privatleute einen Uran-Formstein beim Forschungszentrum Jülich (FZJ) abgegeben, acht Kilogramm schwer und etwa so groß wie ein Backstein.

Bei dem Formstein handelt es sich zwar nicht um einen Kernbrennstoff, aber immerhin um genehmigungspflichtiges, radioaktives Material: abgereichertes Uran. Sie hätten den Stein im Nachlass eines Angehörigen gefunden, berichteten die Privatleute. Die Sache wird heute, zehn Jahre später, öffentlich, weil die Universität Erlangen den Stein für wissenschaftliche Zwecke nutzen wollte und beim FZJ danach gefragt hat.

Das sind die bekannten Fakten. Sie werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten geben.

Wie kann solch ein Uran-Formstein in private Hände gelangen? Warum wurde er ausgerechnet am FZJ abgegeben? Hat der inzwischen gestorbene Mensch, in deren Besitz sich der Formstein befand, etwas mit dem Forschungszentrum zu tun oder mit seiner Vorgängerin, der Kernforschungsanlage Jülich? Wenn die Person etwas mit dem FZJ zu tun hatte: Stammte dann auch der Formstein von dort? Falls ja: Wie konnte er das Gelände verlassen, und wie konnte dies unbemerkt bleiben?

Das FZJ untersucht den Vorfall derzeit. Auch die Staatsanwaltschaft Aachen hat Vorermittlungen aufgenommen, nachdem sie vom NRW-Wirtschaftsministerium als atomarer Aufsichtsbehörde informiert worden ist.

Wegen seiner großen Dichte wird abgereichertes Uran etwa bei wissenschaftlichen Experimenten als Abschirmung eingesetzt. FZJ-Sprecher Jochen Mohr betont aber gegenüber unserer Zeitung: „Das Forschungszentrum Jülich hat in keiner seiner Anlagen und Einrichtungen einen solchen Formstein eingesetzt - weder zu Forschungszwecken noch als Abschirmungsmaterial.” Außerdem bestreitet das FZJ, dass es sich bei der verstorbenen Person, in deren Nachlass der Formstein gefunden wurde, um einen ehemaligen Mitarbeiter handelt. Stattdessen, so mutmaßt FZJ-Sprecher Mohr gegenüber unserer Zeitung, könne es sich um einen Mitarbeiter der Hochtemperatur Reaktorbau GmbH gehandelt haben, die etwa an der Errichtung des AVR-Forschungsreaktors in Jülich beteiligt gewesen sei. Dies sei aber noch Gegenstand interner Untersuchungen.

Nach bisherigen Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Aachen handelt es sich bei der verstorbenen Person sehr wohl um einen Ex-Mitarbeiter des FZJ, wie Oberstaatsanwalt Robert Deller auf Anfrage unserer Zeitung sagt. „In strafrechtlicher Hinsicht ist das aber nicht weiter relevant, weil der Mensch bereits gestorben ist”, sagt Deller. „Gegen Tote ermitteln wir nicht.” Ob ein Fehlverhalten durch andere Personen vorliege, könne noch nicht gesagt werden. Die Vorermittlungen der Staatsanwaltschaft seien noch nicht abgeschlossen. Da es sich allerdings um einen Vorgang aus dem Jahr 2001 handele, könne es gut sein, „dass mögliche Straftatbestände bereits verjährt sind”, sagt Deller.

Die Staatsanwaltschaft stützt sich bei ihren Einlassungen auf Aussagen früherer Mitarbeiter des FZJ. Unterlagen zu dem Vorgang existieren beim Forschungszen­trum nicht mehr, wie FZJ-Sprecher Mohr unserer Zeitung bestätigt - was die Sache freilich noch merkwürdiger macht. Es gebe über den Erhalt des Formsteins keine Belege. Zwar habe es im Jahr 2001 eine schriftliche Meldung an die Bezirksregierung Köln gegeben, doch bedauerlicherweise lägen auch dort keine Dokumente über den Schriftverkehr mehr vor, sagt FZJ-Sprecher Mohr. Nicht minder seltsam ist, dass der Stein anschließend nicht ordnungsgemäß inventarisiert worden ist, wie man im FZJ nun durch die Anfrage der Universität Erlangen feststellen musste. Auch das bestätigt FZJ-Sprecher Mohr.

Das alles wirft wiederum mehr Fragen auf, als es Antworten gibt.

Warum gibt es keinen Beleg über den Erhalt des Uran-Steins? Warum gibt es keine Unterlagen mehr über die Meldung an die Bezirksregierung? Woher weiß die Universität Erlangen von dem Uran-Formstein in Jülich? Wie kann es sein, dass ein genehmigungspflichtiger Stoff nicht ordnungsgemäß inventarisiert worden ist?

Antworten darauf sucht auch das FZJ derzeit. Sprecher Jochen Mohr sagt: „Das Forschungszen­trum untersucht gegenwärtig die Umstände des Vorgangs.”

FZJ: Geringe, ungefährliche Strahlung

Der im Forschungszentrum Jülich abgegebene Formstein besteht aus abgereichertem Uran, erklärt das FZJ auf Nachfrage. Das heißt, es handelt sich nicht um einen Kernbrennstoff. Das als Brennstoff einsetzbare Isotop Uran-235 wurde dem Ausgangsmaterial fast vollständig entzogen. So entsteht abgereichertes Uran, das dann zu einem Stein geformt wird. Der Stein strahlt zwar radioaktiv, aber so gering, dass selbst in unmittelbarer Nähe keine Gefahr für Mensch und Umwelt besteht. Steine, die in der Natur vorkommen, hätten mitunter eine größere Strahlung, heißt es aus dem FZJ. Weil es sich aber um einen industriell gefertigten Stein handelt, ist er genehmigungspflichtig und werde entsprechend im Kontrollbereich des Forschungszentrums aufbewahrt.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert