Ein Straßenkampf im buchstäblichen Sinne

Von: Guido Jansen
Letzte Aktualisierung:
15182285.jpg
Die Kölnstraße zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts: Damals begann der Konflikt zwischen Fußgängern und Autofahrern. Foto: Stadtarchiv
15182284.jpg
Mutmaßlich der erste Jülicher mit eigenem Auto: Jacob Reifferscheid nebst Schwester auf einem auf das Jahr 1900 datierten Foto. Foto: Stadtarchiv
15182279.jpg
Stadtarchivar Horst Dienstühler hat sich mit der Geschichte der Jülicher Straßen befasst. Foto: Guido Jansen

Jülich. Im April sind drei junge Leute aus Jülich auffällig geworden, weil sie bei Altenburg ein vorbeifahrendes Auto mit Steinen und Dreck beworfen haben. Ein Mann aus Köln war mit dem Auto von Düren aus in Richtung Jülich unterwegs. Er und weitere Insassen konnten einen der Steinewerfer dingfest machen und der Polizei übergeben.

Wir schreiben das Jahr 1913, in dem das Jülicher Kreisblatt über diesen Vorfall berichtet. „Das war bestimmt nicht der erste Vorfall dieser Art“, sagt Horst Dienstühler, der Leiter des Jülicher Stadtarchivs. „Und es wird auch nicht der letzte gewesen sein.“ Denn vor gut 100 Jahren tobte nicht nur auf den Straßen im Jülicher Land eine Art Krieg.

Es war die Zeit, in der Autos und Fußgänger auf der Straße zusammenstießen – im wörtlichen und übertragenen Sinn. Gewonnen hat das Auto, der Sieg liegt schon lange zurück. Heute würde die geistige Frische von Menschen in Zweifel gezogen werden, blieben sie für einen Plausch mitten auf der Hauptdurchgangsstraße stehen. Damals hatte die Kollision einige Verletzte und noch mehr skurrile Geschichten zur Folge.

„Am Anfang waren die Menschen hier begeistert vom Automobil“, sagt Dienstühler, der sich in seinem Buch „Die Straßen der Stadt Jülich und ihrer Ortsteile“ auch mit den Jahren beschäftigt hat, in denen das Auto ins Jülicher Land rollte. Der vermutliche Erstkontakt der Jülicher mit einem Auto ist im Jülicher Kreisblatt am 4. September 1893 dokumentiert: „Ein Benzinmotor-Wagen, der in der vorigen Woche auf seiner ausschließlich Reklamezwecken dienenden Fahrt Köln, Düren und Aachen passirt, fuhr heute Nachmittag auch die Straßen unserer Stadt ; der leichte, dampflose Landauer wurde vom Publikum gebührend bewundert.“

Zum 1. Juli 1901 berichtete unsere Zeitung von der Mobilfernfahrt Paris-Berlin. Die halbe Stadt sei demnach in heller Aufregung gewesen, der Vormittagsunterricht im Progymnasium ausgefallen. Alle wollten dabei sein, als die „geölten Blitze“ vorbeisausten. Überhaupt der Durchgangsverkehr: Der prägte das Verkehrsaufkommen in Jülich in der Frühphase des Automobils. „In Jülich waren am Anfang nur wenige Autos gemeldet. Das war eine Sache für die Reichen“, erklärt Dienstühler. In seinem Buch nennt er Zahlen aus der ab 1905 geführten Statistik für Motorräder und Kraftwagen.

Zu Beginn gibt es sieben Motorräder und ein Auto, 1907 sind es drei, 1916 dann vier. Die Besitzer sind bekannt: „Landrat Vüllers, Medizinalrat Dr. Heinrichs, der Arzt Dr. Otto Hertz und Wilhelm Burghard“, listet Dien-stühler auf. Nach dem 1. Weltkrieg nimmt die Zahl der Autos in Jülich rapide zu, 1927 sind es 62. „Das war überdurchschnittlich viel. 1927 besaß jeder 245. Deutsche ein Auto, aber jeder 145. Jülicher“, bezieht sich Dienstühler auf eine weitere Meldung aus dem Kreisblatt. Immer mehr einheimische Autobesitzer plus Durchgangsverkehr, der in Jülich schon vor der Autozeit hoch war – den Kampf um die Straße hatte das Auto Ende der 1920er Jahre gewonnen.

„Scandal zur Nachtstunde“

Der erste Jülicher Autobesitzer könnte Jacob Reifferscheid gewesen sein. Im Stadtarchiv existiert ein auf „um 1900“ datiertes Foto. Der zweite war möglicherweise ein Mitglied der Kirchberger Fabrikantenfamilie Eichhorn. Über den beschwerte sich 1901 der Stadtverordnete Joseph Fischer, Gründer der Buchhandlung Fischer. „In der letzten Zeit verursacht Herr A. Eichhorn aus Kirchberg mit seinem Automobil zur späten Nachtstunde einen solchen Scandal, daß ein Theil der Bürgerschaft, namentlich die Anwohner von Hotel Kamp bis Wirtschaft Fikentscher um ihre Nachtruhe gebracht werden.“ Das Auto war die Ursache eines Streits zwischen zwei Jülicher Familienunternehmen, aus denen heute Traditionsunternehmen geworden sind.

Neben dem Lärm war der Staub, den die Autos auf den verschmutzten Straßen aufwirbelten, ein frühes Ärgernis. Am 28. September 1921 berichtet das Kreisblatt, dass ein Motorradfahrer aus Köln an der Römerstraße in eine Schaufensterscheibe gefahren war, weil er wegen des Staubes nicht gemerkt hatte, dass das Auto vor ihm die Fahrt verlangsamt hatte. Der erste Unfalltote war der zehnjährige Peter Martin Kraus, der am 23. April 1913 auf der Straße zwischen Mersch und Jülich überfahren wurde.

Das Automobil als neuer Herrscher der Straße war nicht aufzuhalten, aber es wurde gebremst. Schon 1902 gab es in der Rheinprovinz die erste Polizeiverordnung, die Bremsen, Hupe und Laternen sowie eine Geschwindigkeit innerorts nach Einbruch der Dunkelheit von höchstens zwölf km/h vorschrieb. Ab 1910 war Jülich dann eine „Zone 15“, die mit Rücksicht auf den Rübenverkehr, mit dem es auch Konflikte gegeben haben muss, noch ausgeweitet wurde. 30 Sachen durfte außerhalb geschlossener Ortschaften auf mancher geraden Strecken gefahren werden.

Das war vielen Menschen zu viel. Auch deswegen kam es immer wieder zu Aktionen wie der der Steinewerfer bei Altenburg. Nicht nur im Jülicher Land. Der Straßenkampf tobte in ganz Europa.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert