Ein Schema reicht für Sicherheit nicht aus

Von: Sarah Sillius
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Sanitäter sind nicht nur dort
Sanitäter sind nicht nur dort, wo ihre Präsenz vom Ordnungsamt angeordnet wurde. Immer mehr Veranstalter gehen auf Nummer sicher - und buchen sie auch bei Festen und Events, bei denen mit weniger als 1000 Besuchern gerechnet wird. Foto: S. Sillius

Jülich. Die Tropical-Beach-Party der SV Teutonia Niedermerz steigt am Samstag. Sie ist ein großes Event für alle Party-Freunde - und ein noch größerer bürokratischer Aufwand für das Ordnungsamt Aldenhoven. Wilfrid Thelen, dem Sachbearbeiter des Ordnungsamtes und Gemeindebrandmeister der Freiwilligen Feuerwehr Aldenhoven, fällt nach dem reibungslosen Ablauf einer solchen Veranstaltung ein Stein vom Herzen.

Vor allem seit der Loveparade-Katastrophe in Duisburg. Thelen ist froh, dass er eine dicke Akte unterm Arm hat, in der die Sicherheits-Checkliste „peinlich genau” geführt und geprüft wurde. „So kann uns im Nachhinein niemand etwas vorwerfen”, sagt er. „Wir sind erleichtert, dass wir mittlerweile die Checkliste haben, aber ob sie der Weisheit letzter Schluss ist, wissen wir nicht.”

Für Großveranstaltungen gibt es vonseiten des NRW-Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales einen Erlass. In dem wird die Gefahrenanalyse den anzeige- und genehmigungspflichtigen Behörden, also den Ordnungsämtern der Städte und Gemeinden, übertragen. Sie müssen die Risiken abwägen und entscheiden, ob die Veranstaltung genehmigt werden kann und ob eine Auflage zum Schutz der Gesundheit nötig ist.

Wenn ja, ist der Veranstalter dazu verpflichtet, einen Sanitätsdienst zu beauftragen. „Eine genaue Handlungsempfehlung vom Ministerium fehlt”, bemängelt Thelen. „Da fühlt man sich schon ein bisschen hilflos und allein gelassen.”

Eine Orientierungshilfe stellt das Maurer-Schema dar - ein Verfahren, nach dem Risiken von Großveranstaltungen bewertet werden. Nicht alle vertrauen dieser Methode blind. Maximilian Jankowski, Einsatzleiter der Malteser in Jülich, hält es für falsch, dass sich „alle ans Maurer-Schema klammern”.

Dem Verfahren liegen zwar grundsätzliche Erfahrungswerte zugrunde, doch die müssten an die örtlichen angepasst werden. „Wir verlassen uns nicht nur darauf, sondern auch auf unsere eigenen Erfahrungen”, sagt Jankowski.

Bei der „Kölschen Nacht” in Jülich, die regelmäßig stattfindet, wisse man zum Beispiel, mit welchen Gefahren zu rechnen ist. Auch bei Abitur- oder Karnevalsfeiern könne man auf Erfahrungswerte vertrauen. „Eine Gefahrenanalyse ist unter vielen Gesichtspunkten zu betrachten”, sagt Jankowski. „Spielt zum Beispiel Alkohol eine Rolle? Gibt es Besucherströme?”

Für Sportveranstaltungen gelten wiederum eigene Regeln. Wenn zum Beispiel Karin Sonnefeld als Chefin des Tanzsportclubs Aldenhovener Mädchen wie im vergangenen Juni eine Europameisterschaft im Garde- und Showtanz ausrichtet, dann ist sie dazu verpflichtet, für medizinisches Personal oder einen Sanitätsdienst zu sorgen.

„Der ist zwar heute teurer als früher, aber im Leistungssport geht es nicht ohne”, sagt sie. „Es kann schnell passieren, dass bei hohen Temperaturen jemand umkippt, weil die Nerven blank liegen oder er zu wenig getrunken hat.”

Empfiehlt das Maurer-Schema bei einer Veranstaltung mit 800 zu erwartenden Besuchern keinen Sanitätsdienst, dann bedeute das nicht gleichzeitig, dass der Veranstalter keinen beauftragt - oder dass der Sanitätsdienst einen Einsatz ablehnt, sagt Jankowski. „99 Prozent der Veranstalter kontaktieren uns nicht, weil es eine Auflage für die Veranstaltungen vom Ordnungsamt gibt, sondern aus Eigeninitiative.” Seit Duisburg seien auch die Veranstalter vorsichtiger.

Eine Auflage zum Schutz der Gesundheit erteilen die Ordnungsämter Jülich, Linnich und Aldenhoven und Linden in der Regel dann, wenn es sich um eine Großveranstaltung mit über 1000 Personen handelt. Neben der Größe komme es auf die Art der Veranstaltung und das Klientel an, sagt Ordnungsamtsleiter Hans Pinell.

„Die Bewertung erfordert Fingerspitzengefühl.” Auch ihm wäre es lieber, wenn es klare Vorschriften für die genehmigenden Behörden geben würde.

„Die Ereignisse um die Loveparade haben zu einer deutlichen Sensibilisierung hinsichtlich der Sicherheit von Veranstaltungen geführt”, sagt Uwe Palmen, Geschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Jülich. „Hierzu sollten Handlungsrichtlinien erarbeitet werden, die Inhalt und Struktur eines Sicherheitskonzepts vorgeben und an denen sich Veranstalter und Genehmigungsbehörden orientieren können.”

Palmen denkt dabei an das Maurer-Schema und die Checkliste zur Aufstellung eines Sicherheitskonzeptes, die von der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren des Bundes 2008 erarbeitet wurde. Für fortschrittlich hält Palmen, dass für das Stadtfest in Jülich inzwischen ein schriftliches Sicherheitskonzept existiert, in dem unter anderem der Einsatz von Sanitätern geregelt ist.

Es wurde im Arbeitskreis Sicherheitskonzept erarbeitet. „In Besprechungen haben wir die Gefahren und Maßnahmen zwar schon immer erfasst”, sagt Palmen, „doch eben nicht in schriftlicher und nachprüfbarer Form.”

Ein solches Konzept existiert ebenfalls für den Indeland-Triathlon oder den Crosslauf „Laufen, aber härter” im Tagebau Inden am 16. Oktober. Eine Auflage wird vom Ordnungsamt Inden auch für Disco-Veranstaltungen wie die Sommernachtsfete auf dem Kirmesplatz Driesch erteilt.

In Jülich gelten gleiche Vorschriften für die Jugend-Disco, ebenso für Stadt- und Erntedankfeste sowie Abiturfeiern. Ausnahmen ohne Sanitätsdienst bilden Traditionsveranstaltungen wie Schützenfeste. „Davon gibt es alle zwei Wochen eins. Dass könnten die Sanitätsdienste zeitlich gar nicht stemmen”, erklärt Martin Richards vom Ordnungsamt Inden, der diese Feste wie seine Kollegen der anderen Ordnungsämter für ungefährlicher hält als andere Veranstaltungen.

In Linnich wird für den Andreasmarkt seit Jahren ein Sanitäts- und Rettungsdienst angeordnet. „Wir haben im vergangenen Jahr unseren Plan noch mal überarbeitet”, sagt Norbert Krafft vom Linnicher Ordnungsamt, der auch Veranstaltern kleinerer Feste dazu rät, sich abzusichern.

Erstmals sei in diesem Jahr auch ein Sanitäts- und Rettungsdienst für die Einschulungsfeier der Grundschulen in Linnich angeordnet worden. „Der Personenkreis dort ist zwar kleiner, aber man muss trotzdem von Gefahren ausgehen”, sagt Krafft.

Jankowski würde es für sinnvoll halten, wenn die eine oder andere Auflage mehr vergeben würde, auch bei Veranstaltungen unter 1000 Besuchern. Allerdings sagt er auch, dass sich die Veranstalter und das Ordnungsamt meist kooperativ zeigten und auf die Erfahrung der Sanitäts- und Rettungsdienste eingingen. „Und wenn wir sagen, wir brauchen acht Kräfte, der Veranstalter will aber nur fünf, dann übernehmen wir den Auftrag nicht.”

Letztendlich, sagt Palmen, könne ein 100-prozentiger Schutz nie garantiert werden. „Nicht jeder Fall kann eingeplant werden.” Maurer-Schema und Sicherheitskonzept hin oder her.

Das Maurer-Schema wurde von Klaus Maurer entwickelt. Es dient dazu, Risiken bei Großveranstaltungen zu bewerten.

Mithilfe eines Algorithmus wird das Gefahrenpotenzial ermittelt und daraus geschlossen, wie viele Einsatzkräfte des Sanitätswachdienstes vor Ort sein sollten.

Das Verfahren dient in Deutschland und in Österreich kommunalen Ordnungsbehörden dazu, Großveranstaltungen zu genehmigen und Auflagen anzuordnen.

Grundlage der Berechnungen sind die Anzahl der maximal zulässigen und der erwarteten Besucher, die Art der Veranstaltung und besondere Umstände, wie die Anwesenheit von Prominenten oder Erkenntnisse der Polizei über erhöhte Gewaltbereitschaft der zu erwartenden Besucher.

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