Ein blühendes Testprojekt soll das Insektensterben stoppen

Von: Otto Jonel
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Das Gemeinschaftswerk von Ortsvorsteherin Anja Tangerding, Bauhofleiter Rene Paffrath und Landschaftswart Karl-Heinz Johnen (v.l.) ist prächtig gediehen. Die Blumenwiese ist unüberhörbar ein Tummelplatz für Insekten. Foto: Jonel
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Die Insekten haben die Tetzer Blumenweide angenommen. Bienen und Hummeln fliegen von Blüte zu Blüte. Foto: Jonel

Tetz. Der Unterschied könnte krasser nicht sein: Hier eine riesige Rasenfläche, gerade frisch auf Meckischnitt getrimmt. Leben? Nicht erkennbar. Da eine Blumenwiese, Oberschenkelhoch bewachsen. Und es summt und brummt vor Bienen und Hummeln. Natürlich fällt diese ungezügelte Blütenpracht ins Auge. Die Blumenwiese in Tetz muss man nicht suchen. Jeder weiß, wo sie ist. Und selbst der Ortsunkundige fände sie ohne Hinweis. So außergewöhnlich ist sie.

Das Attribut trifft gleichermaßen auf ihre Entstehung zu. Landschaftswart Karl-Heinz Johnen, selbst Tetzer, und Rene Paffrath, Leiter des Linnicher Bauhofs, hatten schon im Herbst 2016 die Köpfe zusammengesteckt. Ihnen ging es damals weniger um hübsche Blümchen. Sie trieb etwas Ernsteres um: „Das Insektenaufkommen ist dramatisch zurückgegangen. Da habe wir uns gefragt: Wie können wir da was machen?“, erklärt Johnen. Die Lösung lag auf der Hand. Wenn das fehlt, was Insekten brauchen, muss man es ihnen geben. Beispielsweise eine Blumenwiese. „Deswegen haben wir uns nach Rücksprache mit der Ortsvorsteherin entschlossen, hier ein Testprojekt anzulegen“, verweist Paffrath auf blühende 600 Quadratmeter. Anja Tangerding hatte zuvor abgeklärt, dass auf dem ausgedehnten Grünbereich zwischen Weberstraße und Tennisanlage beziehungsweise Rurauenhalle genügend Fläche bleibt, um den Aktivitäten beispielsweise der Schützen mit ihrem Festzelt Raum zu geben.

Anfang April wurde eingesät. Ausgewählt wurde eine Samenmischung alter Gartenblumen. Hauptsächlich Korbblüter. „Da gehen die meisten Insekten dran“, erklärt Landschaftswart Johnen. Und das war‘s auch schon an Schubser ins Leben. Fortan blieben Ringelblume, Kornblume, Margeriten und Co. sich selbst überlassen, wuchsen und gediehen prächtig. „Das ist pflegeleicht“, bestätigt die Ortsvorsteherin anerkennend. Während drumherum das Gras gemäht wurde, blieb die blühende Wiese unangetastet. Zumindest von Menschenhand. In den Blütenkelchen und auf den Stängeln herrscht derweil unübersehbar reger Insekten-Betrieb.

Die Idee ist also aufgegangen. Das Optimum wäre erreicht, wenn die Wiese sich selbst erhalten könnte. „Wenn die Pflanzen abtrocknen, sollten sie eigentlich aussamen und im nächsten Frühjahr wieder austreiben.“ Allerdings ist Rene Paffrath etwas skeptisch. Die Samenmischung für 100 Euro war als „einjährig blühend“ klassifiziert worden. Man darf gespannt sein, ob die blühende Pracht sich an den Beipackzettel hält.

Bilanz

Doch nicht nur Insekten sollen Nutznießer der Blumenwiese sein. Der städtische Bauhof wird das Testprojekt auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten bewerten. Stichwort Pflegeaufwand. Da aber dürfte das Blumensortiment jetzt klar auf der Gewinnerseite sein. Die „Nachbarschaft“, das Rasengelände, „müssen wir 25 mal im Jahr bestellen“, rechnet Paffrath vor. „Bestellen“ heißt mähen und bedeutet den Einsatz von Mann und Maschine. Zur Erinnerung: Die Blumenwiese hat seit April keine regulierende Hand, keine Sense gesehen.

Sollten weitere Blumenwiesen angelegt werden, will Paffrath darauf achten, dass die Fläche mit Maschinen bearbeitet werden kann, um den Arbeitsaufwand möglichst niedrig zu halten.

Reaktionen auf die ungezügelt blühende Wiese hat Anja Tangerding nur verhalten bekommen. „Es gibt aber keine Einwände.“ Wie es scheint, lieben nicht nur Insekten den kleinen Blütendschungel, sondern auch etliche Hunde aus dem Ort.

Alternative Einsatzbereiche

Karl-Heinz Johnen und Rene Paffrath feilen derweil schon an einer Fortsetzungsidee. Rund um Windkraftanlage, fiel dem Landschaftswart auf, ist ein vegetationsarmer Raum. Der ließe sich floral aufwerten.

Paffrath richtet den Blick des Bauhoffachmanns auf andere Lokalitäten: „Denkbar wäre auch, Ortseingänge so zu gestalten.“ Und beide gehen gedanklich schon über die Stadtgrenzen hinaus. „Wir versuchen, die Kontakte mit Kollegen auszubauen.“ Das Tetzer Testprojekt werde schon von anderen Bauhöfen und Landschaftswarten mit Interesse beobachtet.

Das schleichende Insektensterben

Das Insektensterben, auch als Insektenarmut bezeichnet, ist ein Phänomen, dessen Tragweite immer deutlicher erkennbar wird. Der Naturschutzbund (NABU) NRW zitiert Untersuchungen, wonach sich von 1989 bis heute die Biomasse an fliegenden Insekten in Nordrhein-Westfalen mancherorts um 80 Prozent verringert hat.
Augenfällig ist beispielsweise das Verschwinden von Schmetterlingen und Tagfaltern.

Es wird vermutet, dass neben dem Verlust von Lebensräumen der Einsatz von hochwirksamen Insektiziden ursächlich für den Arten- und Individuenschwund ist.

Das Ausmaß des schleichenden Insektensterbens verdeutlichen ernüchternde Zahlen. Von den 33.000 nachgewiesenen Insektenarten in Deutschland stehen laut NABU 7800 auf der Roten Liste. Fast die Hälfte davon gilt als in ihrem Bestand gefährdet. In Nordrhein-Westfalen sind bereits 70 Prozent aller Tagfalter ausgestorben oder massiv im Bestand gefährdet.

Unmittelbar vom Insektensterben betroffen sind nachweislich jene Vogelarten, die auf Insekten als Nahrungsgrundlage angewiesen sind. Deren Population wiest im Vergleich zu anderen Vogelarten den stärksten Rückgang auf.

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