Dr. Hans-Werner Sinn: „Junkies fällt der Entzug schwer“

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Hans-Werner Sinn war auf Einladung der Vereinigten Industrieverbände Festredner der Jahreshauptversammlung auf Schloss Burgau. Foto: Johnen

Kreis Düren. Er gilt aus einer der streitbarsten Ökonomen Deutschlands: Dr. Hans-Werner Sinn. Der langjährige Präsident des ifo-Instituts war Gastredner auf der Jahreshauptversammlung der Vereinigten Industrieverbände für Düren, Jülich, Euskirchen und Umgebung.

Im Interview mit Stephan Johnen spricht erüber die Herausforderungen der Zukunft.

Wovor haben Sie mehr Angst: vor dem Brexit, dem Grexit oder dem Häuslebauer, der ohne Eigenkapital dank günstiger Zinsen baut?

Sinn: Ein Austritt Großbritanniens aus der EU wäre fatal. Der Immobilienboom nimmt aber bedrohliche Züge an. Wenn das noch mal fünf Jahre so weitergeht, könnte die Blase so groß sein, dass sie platzt.

Ist es kein gutes Zeichen, dass die Deutschen Vertrauen in die Zukunft haben – und privat investieren?

Sinn: Übertreibungen sind nie gut. Platzende Immobilienblasen können verheerende Wirkungen entfalten. Es wäre besser, jetzt mehr Geld in Ausrüstungsinvestitionen zu stecken, damit das Produktionspotenzial wächst.

Hat nicht der private Konsum das Wirtschaftswachstum stabilisiert?

Sinn: Konsum ist das Gegenteil von Sparen, und aus Ersparnis werden Investitionen bezahlt. Nur Investitionen bauen Kapazitäten auf und ermöglichen nachhaltiges Wachstum. Der Konsum kann bestenfalls den Auslastungsgrad des Produktionspotenzials erhöhen.

Gewerkschaften argumentieren, dass höherer Löhne mehr Konsum ermöglichen, das Steueraufkommen erhöhen, alle profitieren.

Sinn: Ich bin nicht gegen Lohnerhöhungen, wenn die Arbeitsnachfrage der Unternehmen steigt, im Gegenteil. Aber höhere Abschlüsse, die von den Gewerkschaften gegen den Markt erzwungen werden, bedeuten nur kurzfristig steigende Lohneinkommen. Auf längere Sicht fallen sie, weil prozentual mehr Stellen die Wettbewerbsfähigkeit verlieren und verschwinden als der Lohn pro Stelle prozentual ansteigt.

Wie steht es um die Konjunktur?

Sinn: Sie ist gut. Nicht zuletzt wegen der Krise und der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, die beide eine Flucht in das Betongold induzieren.

Die EZB flutet die Märkte mit Geld, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Ist alles unter Kontrolle?

Sinn: Die EZB verteilt Drogen – und weil die Wirkung nachlässt, wird die Dosis weiter erhöht.

Muss es einen kalten Entzug geben?

Sinn: Junkies fällt der Entzug schwer. Aber es ist nie zu spät dafür. Je länger man wartet, desto schwieriger wird es.

Was kommt nach der Party?

Sinn: Der Kater mit Konkursen von Banken, Firmen und Privatleuten. Unter den Euroländern hat nur Irland nach einer substanziellen Abwertung durch Preis- und Lohnsenkungen wieder Tritt gefasst. Die anderen Länder haben die notwendigen Anpassungen noch weitgehend vor sich.

Es ist also trotz aller Rettungsschirme nichts geschehen?

Sinn: Die Rettungsschirme haben Zeit gewährt, schmerzliche Reformen zu unterlassen.

Gibt es Lösungen?

Sinn: Schuldenschnitte und die freiwilligen Austritte aus der Währungsunion könnten eine Lösung sein. Das muss jedes Land für sich selbst entscheiden.

Was macht Ihnen mit Blick auf die deutsche Industrie Sorgen?

Sinn: Der Ausverkauf an die Chinesen. Wer ein innovatives Unternehmen kauft, erwirbt das Know-how der ganzen Branche mit. Wie gut es unseren exportorientierten Unternehmen geht, hängt zudem mit dem Wechselkurs des Euro zusammen. Dank der Unterbewertung laufen die Geschäfte gut, aber das ist kein dauerhafter Effekt. Die Nachlässigkeit, die daraus resultiert, ist gefährlich. Unternehmen müssen innovativ bleiben und ihre Kosten im Griff behalten, um sich auf Dauer behaupten zu können.

Wie bewerten sie den Kurs der Bundesregierung in der Flüchtlingspolitik?

Sinn: Sie kriegt langsam die Kurve. Nur 0,7 Prozent der Anträge wurde 2015 nach den Asylregeln des Grundgesetzes bewilligt. Zuwanderung ist oft eine ökonomische Entscheidung. Wir brauchen eine qualitätsorienierte Migration, damit der Sozialstaat nicht erodiert. Professor Raffelhüschen aus Freiburg hat berechnet, dass die Integration von einer Million Flüchtlingen auf längere Sicht etwa 450 Milliarden Euro kosten wird.

Wie stehen Sie zur Energiewende made in Germany?

Sinn: Zu glauben, dass die Räder einer Industriegesellschaft mit den Propellern von Windrädern gedreht werden können, ist utopisch, aberwitzig und absurd. Ohne über wirksame Speichertechnologien zu verfügen, wird die Integration immer größerer Anteile volatilen grünen Stroms in das Netz nicht gelingen. Das ist eine Energiewende ins Nichts.

Sie stellen grünen Strom in Frage?

Sinn: Ich stellen den Wind- und Sonnenstrom in Frage, weil er viel zu flatterhaft ist, um nützliche Wirkungen entfalten zu können. Zudem: Die Politik möchte der Umwelt helfen, sie ist aber machtlos, weil sie sich den Regeln des europäischen Emissionshandels unterwerfen muss. Wenn wir in Deutschland mit Einspeisetarifen den grünen Strom voranbringen, verdrängen wir zwar Strom aus fossilen Quellen, doch drängen wir auch Emissionszertifikate in andere EU-Länder, was dazu führt, dass dort exakt so viele neue Emissionen stattfinden, wie in Deutschland eingespart werden. Unter dem Strich bleibt der Ausstoß von CO2 gleich, in Deutschland steigen aber die Stromkosten.

Was wäre eine Lösung?

Sinn: Ohne Atomstrom werden wir auf fossile Brennstoffe nicht verzichten können. Ich bin im Übrigen für ein weltweites Emissionshandelssystem, mit dem sich Grenzen durchsetzen lassen. Einen solchen radikalen Schritt halte ich aber derzeit für unwahrscheinlich.

Könnten Sie sich vorstellen, in die Politik zu wechseln?

Sinn: Nein. ich bin Wissenschaftler, kein Politiker. Ich kann nicht so reden wie Politiker.

Wie darf ich das verstehen?

Sinn: Politiker bespielen die Klaviatur der Gefühle. Der Wissenschaftler will gerade dies nicht. Er will nicht gefallen. Er ist der Forschung verschrieben, den Fakten, dem steten In-Frage-Stellen dessen, was wir zu wissen meinen.

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