Schleiden - Die unendliche Geschichte des Luftschutzstollens

Die unendliche Geschichte des Luftschutzstollens

Von: Antonius Wolters
Letzte Aktualisierung:

Schleiden. Nach dem Einsturz eines Luftschutzstollens im Juni 2013, der in erster Linie sechs Anliegerfamilien der Siersdorfer Straße in Schleiden betroffen hat, war in einer vom Kreis Düren initiierten Sofortmaßnahme zunächst der Stollen verfüllt worden, um weitere Einbrüche zu verhindern.

Der hier vorliegende Bericht versucht die inzwischen dreieinhalb Jahre dauernde Hängepartie nachzuzeichnen, was zwischenzeitlich geschehen ist und warum die Angelegenheiten gerade jetzt eskaliert ist und für die Betroffenen das jüngste Weihnachtsfest überschattet hat.

Als Quellen für den Bericht herangezogen wurden diverse Veröffentlichungen zu dem Fall in unserer Zeitung, die seit Juli 2013 zunächst im Wochentakt oder gar häufiger berichtet hat, sowie die Antworten auf eine aktuelle Anfrage an den Kreis Düren, die Kreissprecher Josef Kreutzer vergangene Woche in Abstimmung mit Kreis-Dezernent Hans-Martin Steins gegeben hat.

Der Erdbruch am 19. Juni 2013 mit einem metertiefen Krater im Garten und einem Teich neben der Terrasse, der mit 25 000 Litern Wasser gefüllt war, das versickerte und elf Kois auf dem Trockenen zurückließ, schafft es erst mit einiger Verspätung in die Schlagzeilen: „Ist ein alter Stollen Ursache für den Erdbruch?“, wird auf der Titelseite erst am 13. Juli gefragt und in Wort und Bild über den Vorfall in dem Neubaugebiet aus dem Jahr 1999 an der Siersdorfer Straße in Schleiden berichtet.

Demnach wird ein Luftschutzstollen aus dem Jahr 1943 als Ursache für die Bodenabsenkung vermutet. So verlaufe der 65 Meter lange Stollen in bis zu zehn Metern Tiefe entlang der rückwärtigen Front von sechs bebauten Grundstücken. Weiter ist zu erfahren, dass die Anwohner sich schon an Bundesbehörden gewandt hätten, die aber ihre Zuständigkeit verneinten.

Trichterförmiger Krater

Zu dem wirtschaftlichen Schaden, der auf rund 10 000 Euro geschätzt wird, kommt die Angst, die bei den Betroffenen immer dann grassiert, wenn es regnet und weitere Absenkungen drohen. Dass es sich um den Luftschutzstollen „Schleiden 2“ handelt, haben die Anwohner in alten Markscheider-Akten des Eschweiler Bergwerks Verein (EBV) recherchiert. Zudem gebe es ein EBV-Schreiben von April 2009, in dem ein Bauherr an der Siersdorfer Straße darauf hingewiesen werde, dass dessen Grundstück „eventuell über einem möglicherweise nicht verfüllten Luftschutzstollen liegt, so dass ein standfester Baugrund gegebenenfalls nicht vorliegt“, wird Ortsbürgermeister Sascha Poullig in dem Bericht zitiert.

In Poulligs Garten hatte sich schon im August 2012 nach einem kräftigen Gewitterguss ein etwa zwei Quadratmeter großer und vier Meter tiefer trichterförmiger Krater aufgetan, wofür zunächst ein Bergschaden der Zeche Emil Mayrisch oder Grundwasserabsenkungen des Tagebaus Inden als Ursache angenommen worden waren. Doch auch über Luftschutzstollen sei im Dorf gemunkelt worden, berichtete Poullig.

Boden abgesackt

Das bestätigten auch Zeitzeugen wie der damals 83-jährige Arnold Greven, der sich konkret an den Bau von insgesamt drei Luftschutzstollen im Dorf konkret erinnerte. Der Stollen an der Siersdorfer Straße sei von EBV-Kumpeln bergmännisch gebaut worden. Eine

Eine Rekonstruktion durch das Aldenhovener Bauamt mit der erwähnten Markscheider Planskizze habe ergeben, dass der Stollen unmittelbar hinter den Terrassen der Häuser verlaufe. In diesem Zusammenhang wurde auch bekannt, dass 2011 vor einer der Terrassen der Boden auf einer Breite von einem Meter einen halben Meter abgesackt sei und sich bei einem anderen Grundstück bereits seit fünf Jahren im Garten immer wieder Dellen gebildet hätten, die mit Erde aufgefüllt werden mussten.

Zudem haben die Anwohner bei ihren Recherchen festgestellt, dass es sich bei „ihrem“ Stollen um einen öffentlichen Schutzbau handeln müsse: Im Rathaus-Protokoll vom 23. Märt 1943 heiße es, dass die Gemeindeältesten angeregt hätten, in Schleiden den dritten Bunker auszubauen.

Gleichwohl bleibt trotz diverser offizieller Anfragen zu diesem Zeitpunkt unklar, welche Behörde für die Schleidener Schadensfälle zuständig ist. Da es keine Unterlagen zu den Schleidener Stollen habe, erklärt sich etwa das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, zuständig für den Unterhalt von Schutzbauwerken, hier für unzuständig, da die Schleidener Stollen offenbar kein Bundeseigentum seien. Schwierig sei die Rechtslage in Schleiden, verlautet es aus der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, die auch ausgediente Bunker vermarktet. Die Schadensregulierung müsse notfalls auf dem Klageweg erstritten werden, unkt die Bundesanstalt bereits zu diesem frühen Zeitpunkt.

Doch zunächst betritt Landrat Wolfgang Spelthahn die Szene, der auf den ersten Blick die öffentliche Hand nicht in der Haftung sieht. Oberstes Ziel sei es, die Sicherheit der dort lebenden Menschen zu gewährleisten. Er hat auch schon eine Lösung parat: So sei die Hochdruckverfüllung des Schutzstollens mit Beton technisch machbar. Die Anwohner fragen sich indes, wie es möglich war, dass bei den Gefahren, die von dem alten Stollen ausgehen, überhaupt eine Baugenehmigung durch den Kreis möglich war.

Wenige Tage später untersucht ein geotechnisches Ingenieurbüro die Standfestigkeit der Häuser in Stollennähe. Nach zwölfstündigen Bohrungen deutet sich an, dass vermutlich nicht um die Standfestigkeit gefürchtet werden muss. Strittig ist aber, wer die Kosten für die Untersuchung übernehmen muss. Der Kreis lehnt die Übernahme zunächst ab.

Schreiben aus dem Jahr 1962

Die betroffenen Anwohner in Schleiden haben einen Anwalt eingeschaltet. Der sieht die Gemeinde Aldenhoven und den Kreis Düren in der Amtshaftung und fordert beide Seiten auf, die Haftung dem Grund nach anzuerkennen. So sei in den Akten der Gemeinde ein Schreiben des EBV vom 15. August 1962 aufgetaucht, in dem die Bergbaugesellschaft auf Luftschutzstollen in Schleiden aus den Jahren 1942/44 hinweist und fordert, Bauherren vor einer Bebauung zu warnen. Der Kreis als Aufsichtsbehörde müsse sich ebenfalls eine Schadensersatzpflicht zurechnen lassen.

Bevor sich alle Betroffenen Anfang August zu einem Runden Tisch treffen, liefern sich die Juristen – auch die Gemeinde hat einen Anwalt hinzugezogen – einen Schlagabtausch. Beim Durchforsten des Aktenbestandes sind im Aldenhovener Rathaus das EBV-Schreiben von 1962 und Hinweise auf Stollen aus der Kriegszeit aufgetaucht. „Die Amtshaftung wird geprüft, auch aus versicherungstechnischer Sicht“, wird der damalige Bürgermeister Lothar Tertel zitiert. Wegen der Regressansprüche könnten auch Voreigentümer der fraglichen Grundstücke in der Pflicht sein, ergänzt er mit Hinweis, dass die Existenz der Stollen in Schleiden ein offenes Geheimnis gewesen sei.

Beim Runden Tisch im Aldenhovener Rathaus, an dem die betroffenen Anwohner und beteiligten Behörden teilnehmen, ist zwar von einer „schnellen und unbürokratischen Lösung“ die Rede, die gefunden werden müsse, wie die genau aussehen soll, bleibt aber weiter offen. Doch die Zeit drängt, denn nach reichlichen Regenfällen hat es an verschiedenen Häusern neue Schäden gegeben.

Mittlerweile liegt auch ein Vermerk der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben vor, die sich bereits 2001 mit dem Schleidener Stollen befasste. Der sei aber nicht als Luftschutzanlage in Bauträgerschaft des ehemaligen Deutschen Reiches errichtet und finanziert worden, sondern laut Zeugenaussagen vielmehr in Eigeninitiative zum Selbstschutz von Anwohnern der Siersdorfer Straße und Bergleuten der Zeche. Laut Bundesanstalt sei den damaligen Grundstückseigentümern mitgeteilt worden, dass erforderliche Maßnahmen zur Gefahrenbeseitigung von ihnen selbst zu treffen seien.

Als weiteres Ergebnis des Runden Tischs im Rathaus hat Landrat Spelthahn das Verfahren an sich gezogen. Somit ist der Kreis als Bauaufsichtsbehörde für den Fall zuständig. Er tritt auch in Vorleistung für die Kosten der Verfüllung des Stollens, nachdem er bereits die Gutachterkosten übernommen hatte. „Dass bei den Anwohnern kein Cent hängen bleiben soll“, wird als Versprechen des Landrats notiert, auch wenn das keine Anerkennung einer Schuldpflicht beinhalte. Und ein weiteres Versprechen gibt Wolfgang Spelthahn, wonach der Kreis die juristische Aufarbeitung vorantreiben werde, um die zu ermitteln, die für den Schaden aufkommen müssten.

Bürgermeister Tertel hat den Schaden zwar dem Gemeindeversicherungsverband (GVV) gemeldet, ob die Gemeinde haften müsse, sei noch zu prüfen. Es gelte aber, dass unwissende Grundstückseigentümer zu schützen seien.

Wann wusste wer vom Vorhandensein der Stollen, lautet die Frage, die in der Folgezeit den Kreis und die GVV beschäftigt, die prüfen muss, ob hier eine Amtshaftung der Gemeinde oder des Kreises vorliegt. Derweil beklagt sich der Anwalt der Anwohner über den Stillstand im Verfahren. Eine Woche vor Verfüllung des Stollens, die Ende August beginnt, wird bekannt, dass der Kreis von 1990 bis 2009 die Baugenehmigungen an der Siersdorfer Straße erteilt habe. Zudem hat es laut Bürgermeister Tertel für den fraglichen Bereich keinen Bebauungsplan gegeben, sondern lediglich eine Innenbereichssatzung.

Als die Gemeinde eine Stellungnahme zu den damaligen Baugenehmigungen abgab, habe kein Hinweis auf Stollen vorgelegen. Um den genauen Verlauf des Luftschutzstollens festzustellen, waren zunächst Sondierungsbohrungen in Abständen von bis zu fünf Metern notwendig, ehe ein Spezialunternehmen aus Bochum die vollständige Verfüllung der Hohlräume begann.

Als der Landrat Anfang September erneut mit betroffenen Anwohnern am Runden Tisch sitzt, ist die juristische Prüfung weiterhin nicht abgeschlossen. Er sei zwar bemüht, dass kein betroffener Bürger finanziell belastet werde, sagt Spelthahn, aber er sei auch verpflichtet, verantwortungsvoll mit Steuergeldern umzugehen. Spelthahn hofft, dass sich unter Umständen Bund und Land auf „Goodwill-Basis“ an der Kostenregelung beteiligen.

Klage gegen den Bürgermeister

Ein Jahr später ist die Haftungsfrage weiter ungeklärt. Die Anwohner fürchten, auf den Folgekosten in Höhe von insgesamt 65.000 Euro sitzenzubleiben. Deren Anwalt „würzt“ den laufenden Bürgermeisterwahlkampf mit einer Strafanzeige gegen Amtsinhaber Tertel, dem eine Woche vor dem Urnengang vorgeworfen wird, nach dem Bruch eines Luftschutzstollens wider besseren Wissens eine falsche Schadensmeldung abgegeben zu haben.

Der Amtsinhaber weist diese Vorwürfe zwar umgehend zurück, muss aber gleichzeitig einräumen, dass es nach wie vor offen ist, wer – rechtlich gesehen – für die Folgen des Einsturzes einzustehen hat. In einem Leserbrief macht ein betroffenes Ehepaar deutlich, dass die Strafanzeige gegen Tertel nach eineinhalb Jahren Unsicherheit und Ungewissheit als Weg gesehen wurde, dass irgendeiner entscheidet, wer für den gesamten Schaden aufkommt.

Auch wenn Alt-Bürgermeister Tertel fünf Monate später von der Staatsanwaltschaft mit einem „Freispruch im Vorverfahren“ vollständig rehabilitiert wurde, war er da sein Amt längst los.

Nun, fast weitere zwei Jahre später, gibt der Kreis Düren an, keinesfalls untätig gewesen zu sein. Nachdem er die Verfüllung des Stollens veranlasst habe, habe er zunächst versucht, eine Kostenübernahme seitens des Bundes oder des Landes NRW zu erreichen. Ohne Erfolg. Die rechtliche Bewertung des Falles habe ergeben, dass ein Grundstückseigentümer grundsätzlich für die Beseitigung von Gefahren verantwortlich sei, die von seinem Grundstück ausgehen, egal, ob er beim Erwerb von den Gefahren gewusst hat.

Eine Absprache, dass sich die Gemeinde Aldenhoven und der Kreis Düren die Kosten für die Verfüllung teilen, sei nicht zum Tragen gekommen. Aus Solidarität mit den betroffenen Familien wollte der Kreistag das Thema mit einem Beschluss am 14. Dezember 2016 beenden.

Demnach sollte der Kreis Düren die Kosten für die Verfüllung komplett übernehmen. Mit Blick auf das Ende der Verjährungsfrist habe die Kreisverwaltung umgehend handeln müsssen, als der besagter Kreistagsbeschluss nicht zustande gekommen war, um rechtlich auf der sicheren Seite zu sein. Die Familien erhielten deshalb vor Weihnachten mit einem Anhörungsbogen eine Einladung zu einem Gespräch zur Erörterung der Sach- und Rechtslage.

Weiterhin wird festgehalten, dass dem Kreis keine Hinweise auf die Stollen im Boden der Grundstücke an der Siersdorfer Straße in Schleiden vorlagen, als er die Baugenehmigungen erteilt hat.

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