Aldenhoven - Die Sozialarbeiterin: „Autoritär, fair, freundschaftlich”

Die Sozialarbeiterin: „Autoritär, fair, freundschaftlich”

Von: gep
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Auf dem (sauberen) Pausenhof d
Auf dem (sauberen) Pausenhof der Hauptschule Aldenhoven: Selcen Kayan (Mitte) mit Schülern. Foto: gep

Aldenhoven. An ihrem ersten Arbeitstag an der Hauptschule Aldenhoven musste Selcen Kayan (30) zunächst schlucken. Die Sozialarbeiterin führte mit ihrem altgedienten Kollegen Bernd Langenbruch vor Unterrichtsbeginn Aufsicht. Zwei Schüler prügelten sich, die anderen schauten zu.

„Geschluckt und reagiert.” Sie schritt resolut ein: „Hört jetzt auf!” Die Schlägerei hatte sofort ein Ende -denn sie hatte Türkisch gesprochen. „Woher können Sie Türkisch?”, war die erstaunte Frage. Wenn sie Türkisch spreche, sei das immer „recht effektiv”, bilanziert sie. Schließlich besuchen viele Schüler mit türkischem Migrationsgrund diese Hauptschule. So ist sie auch als Dolmetscherin bei Eltern-Lehrer-Gesprächen geschätzt.

Selcen ist zweisprachig aufgewachsen. Nach dem Besuch des Mädchengymnasiums Jülich, wo nicht geprügelt, sondern nur „rumgezickt” wurde, studierte sie Soziologie, Psychologie und Volkswirtschaft an der RWTH Aachen bis zum Magister-Abschluss. Sie sei mittlerweile in Aldenhoven von den Schülern als Ansprechpartnerin akzeptiert worden, erzählt sie. „Ich bin noch nie respektlos behandelt werden.” Man müsse zu den Jugendlichen den „richtigen Draht finden”.

Sie benötigten gerade dann „Zuwendung, wenn die unter Druck stehen” etwa bei Streitereien mit Mitschülern oder wenn sie Versagensängste hätten. Wenn sie eingreife, dann „autoritär, fair und freundschaftlich”. Es gehe darum, Konflikte dadurch zu lösen, dass zwischen den Streithähnen „klare Vereinbarungen getroffen werden, die eingehalten werden. Beispiel: „Ihr werdet euch jetzt eine Woche aus dem Weg gehen.”

Kayan hat aber noch einen weiteren „Heimvorteil” an der Schwanenstraße. Sie ist in Aldenhoven aufgewachsen. Ihre Mutter kam mit sechs Jahren aus der Türkei nach Aldenhoven, ihr Vater zog nach der Heirat an den Merzbach. So kennt sie „viele Eltern” ihrer Schützlinge im Ort. Das hilft ihr auch dabei, dass diese - im Falle der Anspruchsberechtigung - auch Leistungen des „Bildungs- und Teilhabepakets” nutzen.

Im Rahmen dieses Programms wurden im Kreis Düren 17,5 Stellen für Sozialarbeiter geschaffen, die sich an weiterführenden Schulen insbesondere den Problemen beim Übergang von der Schule ins Berufsleben annehmen sollen. Kayan besetzt die halbe Stelle, die der Gemeinde „kostenneutral” vom Kreis zuerkannt worden ist.

Einen Großteil ihrer Zeit beansprucht die Arbeit an der Schnittstelle Schule/Wirtschaft. Die Hauptschule unterhält ein Berufsorientierungsbüro (BOB), Die Schüler ermitteln mit Tests ihre berufliche Eignung. Zudem müssen Praktika oder Ausbildungsplätze akquiriert werden - in den Betrieben oder über die Agentur für Arbeit, die ebenfalls Beratungen anbietet. Auch die Vorbereitung der Schüler auf Vorstellungsgespräche gehört zu Kayans Job. „Sie sind meistens aufgeregt.” Auf welche Fragen sie sich vorbereiten müssen, können sie auf einer Datenbank im BOB-Rechner sehen, die regelmäßig aktualisiert wird.

Was offenbar sehr gut ankommt, ist ein außerschulisches Angebot im „Bereich tänzerischer Gestaltungsfähigkeit durch selbstständiges Finden von Bewegungsformen” (Pädogogen-Deutsch). Im Klartext: Selcen Kayan („Ich tanze sehr gern”) bietet einmal in der Woche für die Klasse 9 zwei Schulstunden lang türkischen Folkloretanz an. Dazu gehört auch Bauchtanz, der ihr persönlich der liebste ist. 15 Mädchen und auch Jungs machen mit. Für die Klasse 5 steht einmal pro Woche Hip-Hop auf dem Stundenplan, auch bei Shakiras Hit „Waka Waka” wird eine heiße Sohle aufs Parkett gelegt.

Die Schüler seien „begeistert”, berichtet sie. So könne sie „Vertrauen schaffen” und Kontakt-Blockaden auflösen. Und die Schüler sollen nicht zuletzt „dabei Spaß haben”

Dass sie nun in Aldenhoven arbeitet, darüber sind auch ihre Eltern „ganz froh glücklich”. So sehen sie ihre vierjährige Enkelin öfter, da Kayan seit ihrer Heirat in Würselen wohnt.

Selcen Kayans Einstellung möglich gemacht hat das „Bildungs- und Teilhabepaket”, mit denen Kindern und Jugendlichen aus Familien mit geringem Einkommen gefördert und unterstützt werden sollen.

So hat sie jetzt „sehr viele Mittagskinder”, schildert die Sozialarbeitern. Denn auch das gemeinsame Mittagessen in der Aula der Hauptschule ist Teil des Teilhabepakets. Dank des Pakets, das zunächst bundesweit unter enormen Anlaufschwierigkeiten gelitten hatte, können die Schüler auch an Klassenfahrten teilnehmen, bei Bedarf „Stützunterricht” am Nachmittag erhalten oder Kurse an der Volkshochschule besuchen, um etwa die Rechtschreibung zu verbessern.

Seit 1. Januar 2011 haben Kinder und Jugendliche aus Familien, die Arbeitslosengeld II, Sozialgeld, Sozialhilfe, Kinderzuschlag, Wohngeld oder Asylbewerberleistungen beziehen, einen Anspruch auf Zusatzleistungen aus dem Bildungspaket. Konkret bedeutet das auch, dass der Mitgliedsbeitrag für den Sportverein oder für Musikschule mit monatlich bis zu zehn Euro bezuschusst wird. Auch erhalten bedürftige Kinder pro Schuljahr einen Zuschuss für die Beschaffung von Lernmaterialien (Hefte, Stifte usw.) von 70 und 30 Euro.

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