Die sechsjährige Judith kommt langsam wieder zu Kräften

Von: Guido Jansen
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Zurück in ihrer vertrauten Umgebung: 100 Tage ist Judiths Knochenmarktransplantation her. Foto: Mantel
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Judiths Ausgeh-Outfit: Vor die Tür darf die Sechsjährige nur mit Mundschutz. Foto: Mantel

Jülich. Die erste Etappe auf ihrem Weg zurück ins Leben hat die sechsjährige Judith aus Jülich gemeistert. Es war die schwerste Etappe, die Gefahr, dass das an Leukämie erkrankte Mädchen es nicht schafft, war da. Und sie ist noch nicht gebannt.

So ist das, wenn das Immunsystem eines Patienten abgetötet wurde, damit mit den Stammzellen eines Spenders die Chance auf Leben transplantiert werden kann. 100 Tage ist der Tag 0 heute her, der Tag der Transplantation im Aachener Klinikum. Ende Juni wurde sie nach Hause entlassen. „Es geht Judith erstaunlich gut“, sagt ihr Vater Olaf Mantel heute.

Langsam kehre ein wenig Kraft zurück, manchmal schaffe Judith die Treppe hoch zu ihrem Schlafzimmer schon wieder alleine. Das macht der Familie Mut. Und mit ihr den vielen Menschen, denen Judiths Schicksal nahe geht. Rund 3700 hatten sich im Frühjahr bei drei Aktionen in Jülich und Düren typisieren lassen, um einen Spender für Judith und andere Leukämie-Patienten zu finden.

Ein echter Sonnenschein

Am Ziel ist Familie Mantel allerdings nicht. Das Immunsystem der Tochter ist noch schwach, eine Erkältung kann lebensbedrohliche Folgen haben. Und die Leukämie kann zurückkommen. So wie es bei Judith schon einmal gewesen ist, als eine Chemotherapie die Krankheit nur vorübergehend besiegen konnte. Deswegen war vor 100 Tagen die Transplantation von Knochenmark notwendig geworden, das die Stammzellen enthält. „Aber darüber, dass sie nicht gesund werden könnte, denken wir gar nicht nach“, sagt ihr Vater. Die Familie schaut nach vorne; nicht nur, weil sie keine andere Wahl hat.

Sondern vor allem, weil Judith so ist. Charakterlich sei die Tochter ein echter Sonnenschein, berichtet der Vater. „Sie hat uns mit ihrem Gemüt oft mitgezogen“, sagt er, dass das kleine Mädchen in Momenten voller Angst und Verzweiflung oft diejenige gewesen sei, die ihre Familie ermutigt habe. Zum Beispiel, weil sie schon formuliert hat, was sie will, wenn sie wieder ganz gesund ist: nach Italien in den Urlaub fahren. Das berichtet ihr Vater und lächelt dabei.

Obwohl der Weg noch weit ist, weiß er, was seine Tochter schon geschafft hat. „Wir haben das in der Zeit der Transplantation nicht so wahrgenommen“, berichtet er. „Aber als wir uns danach die Bilder angeschaut haben, haben wir uns erschrocken, als wir gesehen haben, wie schwer krank sie war.“

Sieben Wochen Morphine

Judith musste eine hoch dosierte Chemotherapie plus Bestrahlung überstehen, um das eigene Immunsystem abzutöten, damit ihr Körper die neuen Zellen nicht abstößt. Bestrahlungen unter Vollnarkose, dazu viele Medikamente – so wurde die Transplantation vorbereitet. Das neue Knochenmark erhielt sie aus einem Beutel, wie bei einer Bluttransfusion. „Danach hatte sie mit den Nachwirkungen zu kämpfen. Gegen die Schmerzen hat sie sieben Wochen lang Morphine bekommen“, berichtet ihr Vater aus der kritischsten Phase.

Alles, was die Eltern mit zu Judith ins Klinikum bringen sollten, musste vorher desinfiziert und steril verpackt werden. Auch heute müssen die Hygienestandards im Hause Mantel viel höher sein als üblich. „Ein bisschen kann man das mit Quarantäne vergleichen“, sagt Judiths Vater. Nur die ältere Schwester, die Mutter und er dürfen sich zu Hause ohne Mundschutz aufhalten. „Selbst die Omas müssen einen tragen.“

Überhaupt müssen die Eltern dafür sorgen, dass sie weniger Besuch haben. Viele Menschen – das erlauben die Ärzte erst, wenn Etappenziel zwei bei 180 Tagen ohne Rückschläge erreicht wird. Bisher klappt das gut, wie Olaf Mantel erklärt, Judith sei seit ihrer Heimkehr infektfrei. Das liege vor allem an ihrer großen Disziplin. „Wir haben zwei Kater zu Hause“, erklärt ihr Vater. „Jedes Mal, wenn sie sie angefasst hat, desinfiziert sie sich gründlich die Hände.“

Die Mantels haben sich darauf verlegt, zu schauen, was für ihre Tochter möglich ist, statt sich an Verboten zu orientieren. Judith ist gerne Salami. Das ist aber verboten. „Deswegen backen wir die Salami zuerst im Ofen“, sagt Olaf Mantel. „Wir wollen so wenig wie möglich zu ihr sagen: Das geht nicht.“

Deswegen schließt der Vater auch nicht aus, dass seine Tochter nach den Herbstferien in die Schule zurückkehren kann, vielleicht mit reduzierter Stundenzahl. Das Etappenziel 180 Tage wäre dann erreicht. „Judith will unbedingt zur Schule gehen. Sie liest so gerne.“

Ein weiterer Faktor hat der Familie durch die schwere Zeit zuletzt geholfen: die Hilfe anderer, nicht nur aus dem Familien- und Freundeskreis. „Ich war bei der Typisierungsaktion in Jülich vor Ort. Da waren so viele Menschen, die helfen wollten. Mir fehlen da heute noch die Worte. Wir haben so viel Hilfe erfahren, dass wir es nie schaffen werden, uns für alles zu bedanken.“ Die Familie spürt den Rückenwind aus Jülich. Und sie kann ihn gut brauchen, für die zweite Etappe.

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