Die neue Inde macht manchmal die Biege

Von: Marvin Bergs
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Nicht immer hält sich die Inde an die Vorgaben der Planer: Hier verlässt sie das vorgesehene Flussbett nach links und fließt in einem Bogen um dieses herum. Foto: Marvin Bergs
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RWE-Biologe Ulf Dworschak erläutert die Flora und Fauna der noch jungen Auen-Landschaft.

Jülich/Inden. Genau zehn Jahre ist es her, dass die Schaufeln der Braunkohlebagger im Tagebau Inden das nun ehemalige Bett der Inde durchstießen. Seither nimmt der namensgebende Fluss der Gemeinde einen neuen Weg von Lamersdorf bis zu seiner Mündung in die Rur bei Kirchberg.

Bereitet wurde dieser Weg unter anderem von Ulf Dworschak. Der Biologe ist bei RWE seit über 25 Jahren im Bereich der Rekultivierung tätig und hat das Projekt der Inde-Verlegung von Beginn an begleitet. „Die grundsätzliche Planung läuft natürlich schon lange vorher“, sagt Dworschak mit Blick auf politische Entscheidungen in Düsseldorf und Köln.

„An uns ist es dann, diese Planungen möglichst naturnah umzusetzen.“ Mit ihm sind wir per Mountainbike im Bereich des neugestalteten Indelaufs unterwegs. Beim Start in Kirchberg kündigt Dworschak eine Art Zeitreise an: „Hier, kurz vor der Rur-Mündung, liegt der jüngste Teil der Rekultivierung. Auf unserem Weg werden wir dann sehen, wie es hier in drei, sechs, oder zehn Jahren aussehen wird.“ Von einem Flusslauf im herkömmlichen Sinne kann jedoch nicht mehr gesprochen werden, denn die Inde ist hier nun in eine Auen-Landschaft eingebettet: Der Fluss schlängelt sich durch einen ebenen Bereich mit Feuchtbiotopen, der von bewaldeten Böschungen flankiert wird.

„So bekommt die vorher komplett kanalisierte Inde mit ihren von Natur aus schwankenden Pegelständen die Möglichkeit, innerhalb der Aue schadlos über die Ufer zu treten, und erhält ihre ursprüngliche, mäandernde Form zurück“, berichtet Dworschak. Dafür wurde teilweise auf alte preußische und französische Karten des Gebiets zurückgegriffen, um den Verlauf der Flussbiegungen nachzuvollziehen. Doch nicht immer hält sich die Inde an die Vorgaben der Planer: So verlässt der Fluss im Bereich einer von nur drei Brücken über die Inde-Aue das ihm vorbestimmte Bett und fließt in einem weiten Bogen um dieses herum. „Das gehört bei so einem dynamischen Prozess dazu“, sagt Ulf Dworschak.

Ein zentrales Ziel bei der Planung und Umsetzung der Aue sei es gewesen, die neu geschaffene Landschaft nach Fertigstellung soweit wie möglich sich selbst zu überlassen: „Aus diesem Grund führt auch keiner der Wege direkt am Ufer der Inde vorbei, und es gibt so wenig Übergänge wie möglich. So können später nötige Eingriffe in das Biotop, zum Beispiel durch Wartungsarbeiten an Wegen und Brücken, auf ein Minimum reduziert werden.“

Und Tatsächlich ist die Inde an vielen Stellen, insbesondere im älteren Teil der Rekultivierung, aufgrund der Vegetation der Aue und den schon stattlichen Laubbäumen an deren Hängen nur noch zu erahnen. „Den Fluss selbst wird man hier erst in zwei bis drei Jahrzenten wieder beobachten können, wenn man unter den Baumkronen hindurchsehen kann“, erläutert Dworschak am Wegesrand kurz vor Lamersdorf. Um das Inde-Ufer zu erreichen, muss man sich schon durchs dichte Unterholz schlängeln.

Hier schildert Dworschak die aus biologischer Sicht „hervorragende pflanzliche Besiedlung“ der Aue: „Natürlich haben wir versucht, gezielt heimische Arten anzusiedeln. Der Fluss bringt aber auch sehr viel Material mit, das sich durch das Übertreten der Ufer in der Aue verteilen kann.“ Auf diese Weise finden sich in der Inde-Aue mittlerweile viele Arten, die auf der Roten Liste stehen.

„Der Zottige Klappertopf beispielsweise galt im rheinischen Revier als fast ausgestorben, hier in der Rekultivierung findet man ihn aber wieder häufig“, sagt Dworschak über das Sommerwurzgewächs. Auch die Tierwelt hat sich schnell wieder in der renaturierten Auenlandschaft niedergelassen: Brütende Eisvögel und auf ihrem Zug Rast machende Fischadler zeigen an, wie schnell sich die Natur das eigentlich künstliche Biotop wieder zu eigen macht.

Die Landschaftsform Aue begünstige diesen Vorgang besonders, erläutert Dworschak: „Typisch für Auen ist die Verbindung von sehr feuchten und eher trockenen, sandigen Böden. Durch diese Verbindungen von unterschiedlichen Lebensräumen entsteht eine hohe Biodiversität.“

Diese schlage sich auch in der Wasserqualität wieder, die im älteren Bereich der Inde-Aue bereits wieder als „sehr gut“ einzustufen sei, und sich im jüngeren Teil ebenfalls stetig verbessere, so dass schon wieder zahlreiche Fischarten in der rekultivierten Inde nachzuweisen sind. Ein besonderes Exemplar, dass Dworschak im neuen Flussbett begegnete, wurde jedoch nicht heimisch. „Kurz nach der Umleitung der Inde habe ich einen Goldfisch im Fluss gefunden, dem hatte wohl jemand die Freiheit geschenkt“, schmunzelt der Biologe.

Insgesamt sei er mit der Entwicklung der Inde-Aue hochzufrieden. Das Gebiet wurde kürzlich bereits an den Wasserverband Eifel-Rur übergeben, mit dem RWE gemeinsam die weitere Pflege und Dokumentation der Inde-Aue betreibt, bis das Biotop schließlich wieder in den Besitz der angrenzenden Gemeinden übergehen wird.

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