Die letzten Tage der Hauptschule Jülich brechen an

Von: Volker Uerlings
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„Ich habe die Tür hier aufgemacht, ich mache sie auch wieder zu“: Als Schülerin kam Karin Stobbe in die Hauptschule im 1978 neu gebauten Schulzentrum, als Schulleiterin wird sie sie 2017 verlassen. Das wird keine angenehme Erfahrung, ahnt die 50-Jährige. Foto: Uerlings
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Schwelgen in Erinnerungen: Karin Stobbe und die beiden „Urgesteine“ der GHS: Heinz Krukenberg (65), der hier 40 Jahre Lehrer ist, und Sekretärin Gaby Sauer, seit Jahrzehnten „gute Seele“. Foto: Uerlings
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Schulleiter von 1987 bis 1989: Rainer Averbeck Foto: GHS Ruraue
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Schulleiter von 1989 bis 1998: Dieter Bergrath Foto: GHS Ruraue
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Schulleiter von 1968 bis 1987: Josef Worms Foto: GHS Ruraue
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Schulleiter von 1998 bis 2013: Helmut Lang
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Schulleiterin seit 2013: Karin Stobbe

Jülich. Es ist leer geworden in der Gemeinschaftshauptschule Rur­aue Jülich. Aber wen wundert das, wenn eine Einrichtung schließt? In wenigen Tagen ist das im doppelten Sinne der Fall, und so sieht das nun mal aus. Dann schließen sich die Türen nicht nur für sechs Wochen Sommerferien, sondern für immer.

 Karin Stobbe muss mit einem sicher mulmigen Gefühl genau das machen, was sie vor ein paar Wochen so formulierte: „Ich habe die Tür hier aufgemacht, ich mache sie auch wieder zu.“ Denn die 50-Jährige war 1978 im damals neuen Schulzentrum einer der ersten Schülerinnen und ist 2017 die letzte Schulleiterin einer Einrichtung, die nach einer politischen Entscheidung und einer Neuordnung der Jülicher Schullandschaft eben geschlossen werden muss.

Leere war in der GHS eigentlich immer ein Fremdwort, denn die Schule, die es seit 49 Jahren gibt, zählte in der Spitze 1200 Schüler und 75 Lehrkräfte. Sie galt Ende der 70er Jahre als größte Hauptschule in Nordrhein-Westfalen. Im Vergleich dazu waren die letzten beiden Klassen mit jeweils 23 jungen Leuten und ein fünfköpfiges Kollegium im Schlussschuljahr eine ganz andere Erfahrung.

Alles „irgendwie komisch“

In diesen zwölf Monaten war ohnehin alles „irgendwie komisch“. Das denkt nicht nur Karin Stobbe, sondern auch ihr Stellvertreter Heinz Krukenberg, den man mit Fug und Recht als Urgestein der GHS bezeichnen kann. 40 Jahre war er hier tätig, 20 Jahre davon in der Schulleitung: „Komisch ist es, weil alles zum letzten Mal stattfindet. Das letzte Praktikum, das letzte Weihnachtskonzert, der letzte Elternsprechtag...“

Vorige Woche folgte die letzte Zeugnisausgabe. Die beste Nachricht: Alle jungen Frauen und Männer haben einen Abschluss. Dafür hat sich das GHS-Team mächtig ins Zeug gelegt, um dem Abschlussjahrgang alles zu bieten, was er braucht. Diese 46 Absolventen sollen, wollen und müssen hoffnungsvoll an ihrer beruflichen Zukunft arbeiten.

Die Hauptschule Ruraue hat einigen tausend Kindern und Jugendlichen das Rüstzeug gegeben, auch im Job zu bestehen. Es ist vielleicht eine Besonderheit der Hauptschulen, dass deren Schülerschaft doch in großer Zahl der Heimatregion verbunden bleibt. „Egal wo du hingehst, triffst Du in Jülich auf unsere Hauptschüler“, sagt Gaby Sauer (68), die als Sekretärin und „gute Seele“ Jahrzehnte im Schulzentrum an der Linnicher Straße arbeitete und eigentlich seit 2013 im Ruhestand ist.

Auf Wunsch der Schulleitung hat sie nun noch einmal wöchentlich ein paar Stunden ausgeholfen. Sie hatte immer auch ein offenes Ohr für die Schülerschaft und hat viele Erfahrungen gesammelt. Heute sagt sie: „Wie viele tolle Menschen aus unseren Schülern geworden sind! Sie prägen das Jülicher Stadtbild. Das gilt auch für die, die wir noch als kleine Halunken oder Chaoten erlebt haben.

Jetzt sind das Unternehmer oder auch gestandene Handwerker.“ Heinz Krukenberg pflichtet ihr in Sachen Heimatverbundenheit voll und ganz bei. Lachend erzählt er, wie oft er in der Innenstadt erkannt wird: „Ich brauche manchmal drei Stunden vom Beginn bis zum Ende der Kölnstraße.“

Das ist für den langjährigen Hauptschullehrer auch ein Ergebnis einer fast familiären Verbundenheit, denn: „Bei uns hatten die Kinder in der Regel von der Fünf bis zur Zehn einen Klassenlehrer. Das hat uns gut getan – und den Schülern.“ Auf die Frage, ob sie noch mit der Jülicher Schulentscheidung hadern, in der Haupt- und Realschule der Stadt durch die Sekundarschule ersetzt werden, blicken sich die beiden Lehrer an.

Heinz Krukenberg sagt zu „seiner“ Schulform: „Ich meine, dass es noch weiter funktioniert hätte. Viele Hauptschulen hatten ihren schlechten Ruf zu Unrecht.“ Karin Stobbe macht das vom Standort abhängig: „Im ländlichen Raum auf jeden Fall. Aber nicht an jedem Standort. Ich bin ein Fan von kleinen Schulen.“

Angeeignete Knowhow

Das in Jahrzehnten angeeignete Knowhow in der GHS Ruraue war notwendig, als die über 20 Millionen Euro teure Sanierung des riesigen Komplexes Schulzentrum anstand. Da waren Karin Stobbes Vorgänger Helmut Lang und der technische Leiter Franz-Josef Schiffer wichtige Ratgeber, weil sie wirklich jeden Winkel kannten. Dennoch brachten die Arbeiten skurrile Situationen trotz größter Planungsbemühungen hervor. „Im laufenden Unterricht kam die Spitze des Bohrers plötzlich durch die Wand“, erinnert sich Heinz Krukenberg. Und Karin Stobbe hatte bei der Rezitation von Goethes Zauberlehrling keine Chance, als ein „muskulöser Bauarbeiter“ in der Klasse stand. Die Schulleiterin: „Wir haben auch mal einen Klassenraum aufgeschlossen, in dem sich kein einziges Fenster mehr befand. Niemand wusste Bescheid.“ Doch sowohl Schüler- als auch Elternschaft hätten das mit großer Geduld und Verständnis ausgehalten.

Elternproteste wurden erst laut, als Real- und Sekundarschule einzogen. „Da gab es wohl das Gefühl, die Hauptschule wird verdrängt und zählt nicht so viel“, erinnert sich Karin Stobbe. Heute pflegen die drei Bildungseinrichtungen ein gutes Neben- und Miteinander.

Am Freitag, 7. Juli, folgt Einmaliges: eine Schließungsfeier um 17 Uhr. Sie soll einen würdigen Schlusspunkt unter ein Kapitel Jülicher Schulgeschichte setzen. Ein gutes Kapitel. Vielleicht denkt Karin Stobbe, wenn sie die Tür ein paar Tage später schließt, dann noch mal an die vielen Menschen in der GHS, ihre geliebte Schulbibliothek, die Projekte und Veranstaltungen. Diese 49 Jahre stecken voller Erinnerungen, obwohl es hinter ihr zunächst leer bleibt.

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