Die Kriegslandschaft wird zur Erinnerungslandschaft

Von: Stephan Johnen
Letzte Aktualisierung:
13210085.jpg
„Wurden im Rahmen des Hürtgenwaldmarsches inmitten eines Bodendenkmals neue Schützenlöcher ausgehoben?“, fragt sich der Koordinator.
13205783.jpg
Frank Möller zieht eine Zwischenbilanz, nennt offene Baustellen und Projekte der Zukunft. Foto: Johnen

Kleinhau. Aus der Kriegslandschaft Hürtgenwald wird eine Erinnerungslandschaft. Über die geeigneten Formen des Erinnerns und Gedenkens sowie zeitgemäße Standards wird seit einem halben Jahr im Rahmen eines von der Landeszentrale für politische Bildung finanziell unterstützten Moratoriums debattiert. Koordinator Frank Möller zieht eine Zwischenbilanz, nennt offene Baustellen und Projekte der Zukunft.

„Es muss uns gelingen, ein deutliches Zeichen für Veränderung zu setzen, ohne Bilderstürmer zu sein“, sagt der Historiker Möller. Oder anders formuliert: Der ehemalige Kampfschauplatz Hürtgenwald sei heute so etwas wie ein Freilichtmuseum.

Doch viele Gedenkorte müssten heute selbst erklärt werden, damit jüngere Generationen die Geschehnisse während des Zweiten Weltkriegs in den zeitgeschichtlichen Kontext einordnen können. An der Kriegsgräberstätte Vossenack sei dies mit der Neugestaltung von Informationstafeln gelungen.

Offene Baustellen seien nach wie vor die durch das „Windhund“-Gedenken „überformte Pfarrkirche“ St. Josef, das Vossenacker Museum und die 1966 entstandene „Windhund“-Anlage, die an die getöteten Angehörigen der 116. Panzer-Division („Windhunde“) der Deutschen Wehrmacht erinnert. Dort stehe eine professionelle Einordnung noch aus. „Ein Denkmal hat einen Anspruch auf Schutz und Erläuterung“, betont Möller.

Doch angesichts der „Komplexität der Materie“ sieht er nicht nur private Hände in der Verantwortung: „Es geht darum, lokale und regionale politische Entscheidungsträger zu sensibilisieren und einen wissenschaftlichen Transfer in die Region zu verstetigen.“ Dazu bedürfe es konsequenter Kontaktpflege zu Universitäten und zu seriösen Verlagen.

Teil des Moratoriums sei es daher auch gewesen, mit Verlagen über potenzielle Themen und mit Universitäten über die Vergabe von Bachelor- und Masterarbeiten zu reden, Forscher für die „vielen im Hürtgenwald brachliegenden Themen“ zu interessieren.

Der neue Kölner Lehrstuhl für „Public History“ beispielsweise sei dafür prädestiniert. „Der gesamte Hürtgenwald ist ein überfälliges Forschungsobjekt“, betont Möller. Vorhandene Forschungsergebnisse müssten gesichtet, die privaten Archive systematisch erfasst und ausgewertet werden. Möller geht es darum, ein „historisches Gedächtnis zu pflegen“. Die Gemeindearchive seien zum Teil in einem „erbärmlichen Zustand“ und kaum erschlossen.

„Ein Großteil der Arbeit war Kommunikation und wird es bleiben“, bilanziert Frank Möller. Der Lenkungskreis des Moratoriums versuche, Heimat- und Geschichtsvereine ebenso einzubinden wie Verwaltungen, Behörden, Denkmalschützer, Hochschulen und Vertreter staatlicher Archive.

Ein zentraler Bestandteil sei die Organisation von Bildungsveranstaltungen, Vorträgen und Ausstellungen gewesen, um regionale Themen nach wissenschaftlichen Standards behandeln zu lassen. Ganz bewusst sei der Bogen über das Jahr 1945 hinaus gespannt worden. In der Schmidter Pfarrkirche St. Hubertus wird derzeit die Ausstellung „Operation Heimkehr“ gezeigt, die sich Bundeswehrsoldaten und ihrem Leben nach dem Auslandseinsatz widmet.

Am Freitag, 28. Oktober, hält ab 18 Uhr der Militärhistoriker Dr. Klaus Naumann einen kostenlosen Vortrag zum Thema „Von der Wehrmacht zur Bundeswehr. Stationen und Probleme eines schwierigen Übergangs“. Diese Bildungsarbeit soll über das Moratorium hinaus fortgesetzt werden.

Kein Verständnis hat Möller nach wie vor dafür, dass beispielsweise während des Hürtgenwaldmarsches „Living-History-Akteure“, die Geschichte „nachstellen“, offenbar erneut Schützenlöcher entlang des Kall-Trails ausgehoben haben. „Das ist ein Fall für die Bodendenkmalpflege“, sagt er.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert