Rödingen - „Diaspora“: Klezmer-Klänge beim Tag der jüdischen Kultur

„Diaspora“: Klezmer-Klänge beim Tag der jüdischen Kultur

Von: ptj
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Klezmermusik ist der überfüllten Synagoge: Das Duo „Tangoyim“, bestehend aus Stefanie Hölzle und Daniel Marsch, nimmt das Publikum, passend zum Thema „Diaspora“ mit auf eine musikalisch Reise des Klezmer in der alten und der neuen Welt. Foto: Jagodzinska

Rödingen. Unerwartet viele Gäste fanden sich am „Europäischen Tag der jüdischen Kultur“ im LVR-Kulturhaus „Landsynagoge Rödingen“ ein, der dort zum zehnten Mal begangen wurde. Sie nahmen teil am abwechslungsreichen Angebot, darunter die Anfertigung von Buttons mit dem Namen der Besucher in Hebräisch und Führungen durch die Ausstellung und jüdisch geprägte Orte im Dorf.

Zu einigen Besuchern hätte das Motto „Diaspora“ nicht besser passen können. Das beste Beispiel ist Juana Frank, die mit ihrem Ehemann Mario zu Gast war. 1940 in Argentinien geboren, ist sie Kind jüdisch/deutscher Auswanderer. Großvater Hermann Elkat wanderte mit drei Töchtern und zwei Enkeln vor der Inflation Anfang 1938 nach Argentinien aus, wo die Familie das Landjudentum weiterlebte. Die insgesamt 14 ausgewanderten Familien bauten dort eine Landsynagoge. 1970 kehrten die Franks nach Deutschland zurück. Mario Frank war bis 1982 Kinderarzt in Aachen. Das Haus in der Alsdorfer Straße in Hoengen steht heute unter Denkmalschutz.

Das „Duo Tangoyim“, bestehend aus Stefanie Hölzle und Daniel Marsch, nahm die Zuhörer in der überfüllten Synagoge am Nachmittag mit auf eine musikalisch Reise durch Osteuropa bis hin zur versunkenen Welt des jüdischen Schtetl und weiter ins Amerika der 1920er Jahre.

Jiddisch ist die Sprache des wunderschönen Klezmers mit melancholisch-orientalischer Einfärbung und osteuropäischem Flair. Die Geigerin und Klarinettistin und der Akkordeonist starteten mit dem flotten „Mazeltov“, einem jüdischen Hochzeits-Glück-und-Segen-Lied aus der Pionierzeit des amerikanisch-jüdischen Musiktheaters. Es folgte der „Yiddish Tango“, denn „viele Juden waren bei der Entwicklung des Tango maßgeblich beteiligt“, wie Marsch betonte.

„In eigener Sache“ folgte „Der Gasnzinger“, ein Lied auf den Straßensänger. Ein Spottlied aus der „Haskalah“, dem aufgeklärten Judentum in Osteuropa gegen den Wunderglauben des damaligen Chassidismus, hieß „Der Filosof“ von Velvl Zbarzher. Das Lied besingt vordergründig den chassidischen Rebben, der dem aufgeklärten Philosophen alleine durch die Kraft seines Glaubens überlegen ist, was in Wirklichkeit eher umgekehrt der Fall ist.

Als eine Art musikalischer Sketch erwies sich „Lomir zikh iberbetn (Lass uns versöhnen). Mit dem „Yam Lied“, dem „Lied vom Meer“ stieg das Duo in das Thema Auswanderung ein. Diesen Weg hatten im 19. bis 20. Jahrhundert über zwei Millionen Juden gewählt.

Juden auf Wanderschaft

In diesem Zusammenhang las Marsch einen Abschnitt aus dem Buch „Juden auf Wanderschaft“, das Joseph Roth 1927 schrieb: „Meine Liebsten habe ich vergessen und mein Heim zurückgelassen. Ich hab mich dem Meer übergeben. Bring mich, Meer, zu der Mutter Schoß.“ Dazu erklärte der Musiker: Der auswandernde Jude „weiß, dass er sich überall mit Jiddisch verständigen kann. Er hat Geld, fürchtet aber den Ozean. Er ist es gewohnt, sich gen Osten zu wenden. Auf dem Meer weiß er aber nicht, wo Gott wohnt.“

Das Publikum ging begeistert mit und brachte sich besonders im Refrain des Stückes „Vu bistu geven“ (Wo bist du gewesen) wie ein einstudierter Chor ein. Liedthema ist ein Mann, der Zigaretten holte und für 40 Jahre verschwand...

Erwähnenswert ist ein Artikel aus der „Jüdischen Allgemeinen“ vom 3. September über den „Europäischen Tag der jüdischen Kultur“, den Judaistin Monika Grübel stolz präsentierte. Das Blatt stellt heraus, dass der Tag in Deutschland offiziell erst seit zwei Jahren begangen wird. Vorreiter sei der Landschaftsverband Rheinland gewesen, der bereits 2009 im Rahmen des jüdischen Kulturtages das Kulturhaus Landsynagoge Rödingen eröffnet hat, „wo seither unter anderem eine Dauerausstellung über jüdisches Leben in Nordrhein-Westfalen gezeigt wird“.

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