Der sterbende Ort Alt-Pier verliert sein Herz

Von: jan
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Langsam  frisst sich der Bagge
Langsam frisst sich der Bagger in das Pierer Kirchenschiff. Anfang nächster Woche soll der Glockenturm abgerissen werden. Foto: Guido Jansen

Alt-Pier. „Da hat früher der Chor gestanden”, erzählte Dimphy Nussbaum. Ein kurzer Ruck und die große Metall-Klaue hat die Holzempore aus ihrer Verankerung gerissen. „Das tut weh, dabei zuzuschauen”, sagten Dimphy und ihr Mann Friedhelm.

Die Zwei waren Augenzeugen, als ein Bagger damit anfing, die Kirche abzureißen. Derzeit frisst sich der blaue Stahlkoloss von Süden aus durch das Schiff der ehemaligen Kirche St. Maria unbefleckte Empfängnis. Kommende Woche ist der Glockenturm fällig. Bis zum 24. Februar wird das Herz des sterbenden Ortes, der dem Tagebau weichen muss, völlig vom Erdboden verschwunden sein.

„Ich war hier früher Messdiener. Und wir haben lange direkt neben der Kirche gewohnt”, berichtete Friedhelm Nussbaum, der mittlerweile mit seiner Frau nach Inden/Altdorf übergesiedelt ist. Beim Abriss ihres Hauses haben die Nussbaums zugeschaut. „Damals habe ich Nächte lang geweint”, bekannte sie. Diesmal gehörten die Beiden zu den vielen ehemaligen Alt-Pierern, die mit andächtigem Blick zuschauten, wie der Bagger ihre Kirche Stück für Stück abbricht.

2008 wurde der letzte Gottesdienst in Alt-Pier gefeiert. Pfarrer Kurth ist im Ruhestand. Die Orgel befindet sich derzeit zwecks Restaurierung bei ihrem Hersteller. Die ehemalige Kirchengemeinde wird entscheiden, wo die Orgel in Zukunft zum Einsatz kommt.

Das sagte Elisabeth Mayers-Beecks, Leiterin der Umsiedlungsabteilung RWE, jetzt. „Alle wertvollen und bedeutungsvollen Dinge aus der Kirche sind aufgeteilt”, so Mayers-Beecks. So auch die vier Glocken. Sie wurden auf die drei Orte verteilt, in die die Pierer umgezogen sind. Das sind Neu-Pier in Langerwehe, Inden/Altdorf und Schophoven. Die vierte Glocke hatten damals die Schützen gespendet. Sie wird im Schützenheim Neu-Pier aufbewahrt.

Drei Wochen lang dauert der Abriss. Archäologen begleiten die Arbeit, um besondere Funde zu registrieren. In Alt-Pier leben derzeit noch etwa 30 Menschen. „Da stehen die letzten Gespräche an”, berichtet Mayers-Beecks. 98 Prozent der Häuser sind unbewohnt, etwa die Hälfte davon bereits abgerissen. In zwei bis drei Jahren sollen alle Gebäude verschwunden sein. Dann wird die riesigen Tagebau- Bagger das ehemalige Ortsgebiet erstmals streifen.
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