Der steinige Weg bis zur ersten jüdischen Volksschule

Von: Kr.
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Stefan Helm, Vorsitzender des Linnicher Geschichtsvereins (l.), und sein Stellvertreter Patrick Schunn (r.) hießen mit Dr. Hermann-Josef Paulißen (Mitte)einen Experten in Bezug auf das jüdische Leben in Linnich willkommen. Foto: Kr.

Linnich. Bereits in der Frühzeit des Judentums spielt Bildung und Ausbildung eine bedeutende Rolle, und schon im Talmud steht geschrieben, dass es die Pflicht eines jeden Vaters ist, für die Bildung und Ausbildung seiner Kinder Sorge zu tragen.

Der Gelehrte Abnimos sagte sogar aus: „Wollt Ihr das jüdische Volk vernichten, so zerstört seine Kinderschulen, denn so lange diese bestehen, werdet Ihr nichts gegen dasselbe vermögen.“ Bildung war also ausgesprochen wichtig für den Fortbestand eines Volkes, das in alle Himmelsrichtungen zerstreut leben musste. Neben dem Thorawissen wurde in den israelitischen Schulen auch Lesen, Schreiben, Sprachen und eine Allgemeinbildung vermittelt, die zur Ausübung eines Handwerks und zum Gelderwerb notwendig waren. Natürlich traf dies nur auf die Jungen zu, die bis zur Bar Mitzwa in ihrem 13. Lebensjahr unterrichtet wurden. Besonders kluge junge Männer besuchten anschließend noch die Thora Schule.

Mädchen wurden im Allgemeinen zu Hause von der Mutter in den Dingen unterrichtet, die zur Haushaltsführung notwendig waren.

Mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht in Preußen änderte sich auch die Schulbildung der jüdischen Kinder, sie besuchten zumeist die öffentlichen Elementarschulen oder wurden, wie auch zuvor in den wohlhabenden Familien von Privatlehrern unterrichtet. Gleichzeitig fand weiterhin der jüdische Religionsunterricht statt, sodass jüdische Kinder täglich wesentlich länger die Schulbank drücken mussten als ihre christlichen Altersgenossen. Außerdem besuchten sie bedingt durch die jüdischen Festtage und dem Sabbat nur an drei Tagen die Woche die Schule. Dies führte dazu, dass viele jüdische Kinder weit hinter ihren Möglichkeiten zurück blieben.

In zahlreichen jüdischen Gemeinden bemühten sich die Eltern daher, eigene jüdische Schulen einzurichten. Da sie alleine aber die Unkosten für Gebäude, Lernmittel und Lehrergehalt nicht aufbringen konnten, versuchten sie, diese Schulen als öffentliche Einrichtungen zu etablieren und Gelder vom Staat zu erhalten.

Auch in Linnich war dies so, und mit den umfassenden Briefwechseln zwischen der jüdischen Gemeinde, der Stadt Linnich, dem Landkreis, ja sogar der Bezirksregierung in Aachen und dem Kultusministerium in Berlin hat sich umfassend Dr. Hermann-Josef Paulißen auseinandergesetzt. So manche Veröffentlichung hat er schon über das jüdische Leben in Linnich verfasst und als ehemaliger Lehrer interessiert ihn das Schulwesen natürlich besonders. Auf umfassende Korrespondenz konnte er bei seinen Recherchen zurückgreifen, die er nun zusammengefasst im Rahmen der Vortragsreihe des Linnicher Geschichtsvereins unter dem Titel „Jüdische Privatschule zu Linnich während des 19. Jahrhunderts und die israelische Volksschule in Linnich 1926-1938 – Ein Beitrag zum Schulwesen einer religiösen Minderheit“ vorstellte.

Gescheiterte Anläufe

Diese Briefe beschrieben nicht nur den Kampf um eine eigene Schule, sie schildern auch ein großes Stück Alltagsgeschichte dieser Zeit. Er berichtete von den Anläufen, die die Gemeinde nahm, um eine Schule zu etablieren und die mehrfach scheiterten. So hätten die Eltern 15 Groschen pro Monat und Kind aufbringen müssen, gegenüber drei Groschen beim Besuch einer öffentlichen Schule.

Der Kampf währte lange und schließlich gelang es den Eltern doch noch im Jahre 1926 eine jüdische Volksschule einzurichten, die jedoch nur bis 1938 Bestand hatte. Den größten Teil seiner Ausführungen widmete Paulißen der Vorgeschichte; die letzten zwölf Jahre streifte er nur kurz. Zahlreiche Zuhörer verfolgten seine Ausführungen im Linnicher Rathaussaal, und natürlich gab es anschließend noch etliche Fragen.

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