Der Hexenturm war Gefängnis und Folterkammer

Von: Guido Jansen
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Altes Gemäuer mit blutiger Vergangenheit: Der Jülicher Hexenturm diente bis 1899 als Gefängnis. Im 15., 16. und 17. Jahrhundert sind hier Menschen gefoltert worden, die im Verdacht standen, Hexen zu sein.
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Kennt die Vergangenheit des Hexenturms: der Jülicher Archivar Dr. Horst Dinstühler. Foto: Guido Jansen

Jülich. Am frühen Pfingstsonntag wurde Grete Bogen tot auf dem Misthaufen hinter dem Haus in der Judengasse gefunden. Für ihre Mörder war klar: Grete, die Frau von Hein Bogen, dem Jülicher Aufseher über die Rurbrücken, war eine Hexe. Und weil sie den Schneidermeister Adam Daem mit einem bösen Zauber in eine schwere Krankheit gestürzt hatte, wollten sie Grete prügeln und den Schneidermeister damit heilen.

Das ist nicht der Klappentext eines fiktiven regionalen Historienromans. Der Tod der vermeintlichen Hexe Grete Bogen an Pfingsten des Jahres 1606 wird in der Buchreihe Forum Jülicher Geschichte der Joseph-Kuhl-Gesellschaft erwähnt. Dr. Horst Dinstühler, Historiker und Jülicher Stadtarchivar, ist der Autor des Bandes unter dem Titel „Hexenglaube und Lynchjustiz in Jülich“.

Er hat den kuriosen Fall der Grete Bogen und vieler weiterer Hexen recherchiert. Und deswegen ist sich Dinstühler sicher: „Der Hexenturm heißt Hexenturm, weil hier in der Frühen Neuzeit Menschen eingesperrt und gefoltert wurden, die mit Zauberei oder dem Teufel in Verbindung gebracht wurden.“

Altes Rurtor

Der Fall der Grete Bogen ist da eine Ausnahme. Zwar zeigt er, dass auch in Jülich der Glauben an und vor allem die Angst vor Hexen grassierten. Aber erstens war Grete Bogen nicht von Amts wegen offiziell arrestiert und verurteilt worden. Wäre das der Fall gewesen, dann gäbe es möglicherweise Einträge in den Jülicher Vogteirechnungen. In diesen wurde vermerkt, wie hoch die Kosten für die Unterbringung der Inhaftierten im Hexenturm waren, wie viel Geld aus der Kasse des Herzogs für die Schöffen, für Folterwerkzeuge und für den Scharfrichter eingesetzt werden musste. Eine Reihe von Fällen sind hier für Jülich in Zusammenhang mit Hexerei verzeichnet. Für die Jahre 1505/‘06, 1516/‘17 sowie 1524/‘25 hat Dinstühler solche Fälle gefunden.

„Klar ist, dass das Gebäude, das früher im Volksmund Rurtor oder Altes Rurtor genannt wurde, vom Spätmittelalter bis ins Jahr 1899 als Gefängnis genutzt wurde“, sagt Dinstühler. Und der Name Hexenturm leite sich aus seiner Sicht klar davon ab, dass Hexen zu den Insassen gehört haben, die hier auch gefoltert worden sind. Hinrichtungen haben nicht im Hexenturm stattgefunden.

„Frauen, die der Hexerei für schuldig befunden worden sind, wurden verbrannt, Männer mit dem Schwert gerichtet“, sagt Dinstühler. Wie viele Fälle es in Jülich insgesamt gegeben hat, kann der Historiker nicht mehr rekonstruieren. Denn die alten Akten, entweder die Vogteirechnungen oder die Prozessakten, sind teils verschwunden. Papyrus wurde wiederverwertet, beispielsweise als Bucheinband. Der letzte bekannte Fall einer vermeintlichen Hexe ist der der Anna Weber aus Düren-Merken, die in den Jahren 1667/‘68 im Hexenturm inhaftiert wurde.

Die 80-Jährige soll dort verstorben sein, noch bevor die Folter begonnen hatte. Die Hexenverfolgung von Amts wegen endete auch, weil sie zu teuer wurde. Anfang des 17. Jahrhunderts gab es eine kleine Eiszeit mit Missernten und einer Seuche, die viele Kinder im Jülicher Land hingerafft hat. „Daraus resultierte eine wirtschaftliche Schwäche. Die Landesherren haben sich dann sehr genau überlegt, ob sie weiter Hexenprozesse mit allen Kosten führen“, erklärt Din­stühler.

Der Historiker vermutet, dass der Bau eines zweiten Rurtores im Jahr 1548 – das heutige Aachener Tor – das allmähliche Umbenennen des heutigen Hexenturms zur Folge hatte. Letzterer ist gut 200 Jahre älter. Und weil dort auch Hexen inhaftiert waren und weil die Angst vor Hexen groß war, nahm der neue Name Gestalt an.

Die Menschen damals hätten kuriose Vorstellungen von Hexen gehabt. „Sie dachten tatsächlich, dass die Frauen während des Hexensabbats auf ihren Besen zum zum Hexenplatz fliegen und dort mit dem Teufel tanzen“, erklärt Dinstühler. Unter Folter seien die Verdächtigen dann dazu gebracht worden, zu sagen, wen sie noch beim Tanz auf dem Hexenplatz gesehen haben.

Übrigens ist nicht nur der erste Teil des Namens Hexenturm erklärungsbedürftig. Denn das Gemäuer ist eindeutig kein Turm, sondern ein Tor. „Ein Turm war damals ein Gefängnis“, sagt Dinstühler. So wie in London, wo der Tower das bekannteste Gefängnis war. Und Tower bedeutet Turm.

Im Fall der Grete Bogen sind die Akten erhalten. Sie ermöglichen Einblicke in den Prozess mit vielen kuriosen Details, der nach dem Mord aufgerollt wurde. Die alte Frau soll sich beim Schneider wegen mangelhafter Arbeit beschwert haben, der Schneider hat vermutlich daraufhin einen Schlaganfall erlitten. „Grete Bogen stand vorher schon im Gerede“, sagt Dinstühler.

Und weil die Angehörigen des Schneiders einen angeblich weissagenden Pastor aufgesucht haben, der nach dem Verbrennen eines Haarbüschels des Schneiders diagnostiziert, dass er verhext sei, verfestigte sich das Gerücht von Bogens teuflischen Kräften. Der Pastor riet, dass man die Hexe „nur tapfer prügeln müsse, dann werde der Mann gesund“, beschreibt Dinstühler.

Den Hexenturm hat Grete Bogen vermutlich nie von innen gesehen, ihr wurde nie der Prozess gemacht. Gekannt haben wird sie das Gefängnis und den sich allmählich einbürgernden Namen Hexenturm aber schon. Denn der Misthaufen hinter dem Haus des Schneiders in der Judengasse hat sich zwei Steinwürfe entfernt vom Gefängnis befunden, da, wo heute die Grünstraße beginnt.

Ihre Mörder sind später verurteilt worden. Allerdings ist keiner so hart bestraft worden wie ein Mensch, der im Verdacht stand, mit dem Teufel im Bund zu sein: durch öffentliches Beten oder einen Tag in Ketten. Nicht mal für ein Einsitzen im Hexenturm hat es gereicht.

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