„Der Besucher“: Ein fesselndes Stück Dialogtheater

Von: Britta Sylvester
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Der schon vom Krebs gezeichnete Psychoanalytiker Siegmund Freud (Henning Achenbach) versucht seine Tochter Anna (Anna Ligerzowska) zu beruhigen. Foto: B. Sylvester

Barmen. Beklemmend beginnt er, dieser Theaterabend in der Aula des Barmener Gymnasiums Haus Overbach. Vor der Bühne hängt eine Leinwand, Schreibtisch, Sofa und sonstige Requisiten sind nur zu erahnen, von Schauspielern keine Spur.

Aus den Lautsprechern dringt eindeutig Nazi-Liedgut, plötzlich wird es dunkel im Saal, die Musik verstummt, Propagandareden von Hitler und Goebbels dröhnen aus den Lautsprechern, auf der Leinwand reißen Abertausende die Hände zum Hitlergruß empor.

Wir schreiben das Jahr 1938 und es ist gerade das passiert, was in Schul- und Geschichtsbüchern der „Anschluss Österreichs“ genannt wird.

„Der Besucher“ heißt das Stück, das der Theater begeisterte Lehrer Henning Achenbach gemeinsam mit drei Abiturienten an diesem Sonntagabend zur Premiere und einzigen Vorstellung auf die Bühne brachte.

Siegmund Freud (Henning Achenbach), Wiens berühmter Psychoanalytiker und bekennender Atheist, ist in eine intensive Diskussion mit der geliebten Tochter Anna (Anna Ligerzowska) vertieft, durch das Fenster dringen die Schritte marschierender Horden, als es an der Tür klopft. Eine Gestalt im schwarzen Ledermantel betritt die Szenerie. Der junge Gestapo-Offizier (Lars Schmitz) bedroht, erpresst und drangsaliert den Juden Freud.

Die Situation eskaliert, Freuds Tochter Anna muss dem Nazi zur Gestapo folgen. Freud, allein gelassen, durchlebt heiligste Ängste, als ein erneuter Besucher im Raum steht. Ohne Klopfen, ohne Schritte, vollkommen geräuschlos steht er da. Einen Namen habe er nicht, und träumen würde er nie, gibt der Besucher (Björn Honings) zu Protokoll.

Zwischen den beiden entspinnt sich ein hitziges Wortgefecht über Gott und den Glauben, über Allmacht und Ohnmacht, das Gute und das Böse in der Welt. Und die ganze Zeit über bleibt unklar, sowohl für Freud als auch für den Zuschauer, wer dieser geheimnisvolle Besucher nun wirklich ist. Freuds Unterbewusstsein, ein Traum, ein entlaufener Irrer oder doch Gott? Freuds atheistische Überzeugungen werden zumindest zeitweilig in ihren Grundfesten erschüttert: „Das Tier in mir will glauben... ich glaube nicht an Gott, weil ich glauben möchte!“

Intensiv und eindringlich leidet Henning Achenbachs Freud auf der Theaterbühne, während sein Besucher eher zurückhaltend agiert, fast ein wenig überheblich in seinem Allwissen scheint.

Etwa eine Stunde und 15 Minuten lang fesseln die vier Darsteller ihr Auditorium in der leider nicht voll besetzten Overbacher Schulaula, begeisterter Applaus inklusive standing ovations sind der verdiente Lohn.

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