DemenzNetz: Die Krankheit des Vergessens

Von: ptj
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Hält ein locker-humorvolles Referat: Lotta Hülsmeier, Ärztin im „DemenzNetz“ der Städteregion Aachen. Foto: Jagodzinska

Jülich. „In Bewegung bleiben ist das Einzige, was wir präventiv machen können.“ Das betonte Referentin Lotta Hülsmeier, Ärztin im „DemenzNetz“ der Städteregion Aachen, in ihrem locker-humorvollen Vortrag „Demenzen und Gedächtnisstörungen“.

Das medizinische Referat in der Jülicher Schlosskapelle bildete den Abschluss der erfolgreichen Reihe rund um den „Welt-Alzheimertag“, veranstaltet von der Stadt Jülich und Partnern des Aktionsbündnisses „Lokale Allianz für eine demenzfreundliche Stadt Jülich“. Hülsmeier lobte Gastgeberin Beatrix Lenzen vorab für das „ganz tolle Engagement in Jülich“ und nannte beispielhaft die Demenzlotsen.

Ihr Vortrag begann mit den Arbeitsmechanismen im kurzzeitlichen Primärgedächtnis, das sensorisch Eindrücke von außen verarbeitet, und im langzeitlich angelegten Sekundärgedächtnis, wo Erinnerungen eingespeichert, abgerufen und gefestigt werden. Beim konzentrierten Lernen werden Sinneseindrücke in das Langzeitgedächtnis übertragen. Dabei ist „Vergessen kein Unfall, sondern eingeplant. Vergessen schafft Platz für Wesentliches“, so Hülsmeier.

Im Lebensverlauf lassen „fließende Leistungen“ wie neues Lernen, Abruf und Konzentration nach. Hingegen sind „feste“ Leistungen wie antrainiertes Wissen, soziale und lebenspraktische Fertigkeiten langlebig. Bei Demenz (lat: abnehmender Geist), wo Zellen geschädigt werden, Botenstoffe zurückgehen und damit weniger Information weitergeben, seien Merkfähigkeit und Kurzzeitgedächtnis besonders betroffen.

„Demenz ist zurzeit nicht heilbar, aber auch nicht direkt tödlich. Die Wahrscheinlichkeit, an einer Demenz zu erkranken, steigt mit dem Alter.“ Von den insgesamt 1,5 Prozent der Bevölkerung ist jeder Dritte Betroffene über 90. Der größte Risikofaktor ist also ein hohes Lebensalter, gefolgt von Bluthochdruck, Diabetes und Rauchen. Die Referentin sah die Statistik mal von der positiven Seite: „Zwei von drei kriegen keine Demenz, auch wenn sie älter als 90 werden“!

Mögliche Anzeichen

Dauer, Formen und Verläufe der Krankheit sind sehr unterschiedlich. Primäre Demenzen entstehen durch Veränderungen der Nervenzellen, die bekannteste Form ist die Morbus Alzheimer. Als mögliche Anzeichen nannte Hülsmeier unter anderem Stimmungsschwankungen, Lustlosigkeit oder die Schwierigkeit, auf Fragen präzise zu antworten.

Ferner zählen Orientierungsprobleme, untypisches Verhalten und Änderungen in punkto Ordnung und Sauberkeit dazu. Zur Abklärung der Probleme durch den Arzt riet sie bei Auswirkungen auf den Alltag, bei länger andauernden oder plötzlich auftretenden Beschwerden. Der Arzt legt seinen Fokus auf sorgfältige Gespräche mit Patienten und Angehörigen – vor (Labor)untersuchungen und Gedächtnistests.

Demenz-Betroffene haben etwa Probleme bei der Wortfindung oder beim Verstehen von Inhalten. Ihr Erkennen ist gestört, ihr Gesichtsfeld eingeengt, sie haben Probleme bei der Wiedererkennung. Ihnen fällt es schwer, Bewegungen zu kontrollieren oder ihren Körper wahrzunehmen.

Die Bandbreite der Persönlichkeitsveränderung ist genauso unterschiedlich wie die der Erkrankung. „Wir hoffen immer auf Sekundäre Demenzen, da können wir noch was tun“, denn sie entstehen durch Schädigung der Nervenzellen von außen, wie Alkohol, verminderte Durchblutung, Stoffwechselerkrankungen, Infektionen, Vergiftungen oder Vitaminmangel.

Depressionen können sowohl durch die Demenz auftreten als auch einer Demenz ähnlich sein und erhöhen das Demenzrisiko. Zur Demenz-Behandlung eignen sich Physio- und Ergotherapie und Logopädie, vor allem aber die Beratung und Unterstützung der ganzen Familie.

Zu den einsetzbaren Medikamenten zählen Antidementiva, die „für alle Patienten einen Versuch wert sind“. Antidepressiva hingegen „werden zu selten eingesetzt, mit Psychopharmaka sollte man ganz vorsichtig sein. Wer sich mit Ginko besser fühlt, darf es gerne nehmen“, meint Hülsmeier. Körperliche Aktivität verzögert den Krankheitsverlauf.

Positive Akzente setzten auch die Biografiearbeit, die besondere Gestaltung der Umgebung und nicht zuletzt die „Validation“ in der Pflege. Das bedeutet, „jemanden in seiner Gefühlswelt unterstützen, ihm eine sinnvolle Beschäftigung geben“. Das Beste, was man bei Verdacht auf Demenz tun kann, ist „drüber reden“. Kann oder möchte der Betroffene das nicht, sind Angehörige, Freunde, ein vertrauter Arzt oder Mitarbeiter einer Beratungsstelle eine Möglichkeit.

Trost

Im anschließenden Gespräch mit dem Publikum, darunter der besonders interessierte Overbacher Bio-Leistungkurs, fand sich der ein oder andere Trost. So sind erbliche Demenzen verschwindend gering. Ferner leben 65 Prozent der Betroffenen zu Hause, andererseits sind Demenzen aber der häufigste Grund, sie ins Heim zu geben. Deshalb rieten Hülsmeier und Gastgeberin Beatrix Lenzen: „Suchen Sie sich viel Unterstützung, die meisten Angehörigen brauchen mal eine Pause“.

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