Jülich - Dem Gründungsmythos der BRD nachgespürt

Dem Gründungsmythos der BRD nachgespürt

Von: ptj
Letzte Aktualisierung:
13348434.jpg
Das Publikum in der Buchhandlung Fischer hängt bei der lebendigen Lesung an Peter Pranges Lippen. Foto: Jagodzinska

Jülich. „Ich habe das Buch wie im Rausch geschrieben, bis zur emotionalen Erschöpfung. Wenn ich jetzt vom Schemel falle, ist das in Ordnung.“ Solchermaßen euphorisch stellte Peter Prange, der zumindest bezüglich der Gesamtauflage seiner Romane Millionär ist, sein Buch „Unsere wunderbaren Jahre“ vor.

So sucht die Autorenlesung in der Buchhandlung Fischer in ihrer Lebendigkeit und Informationsfülle ihresgleichen. Schon Eva Behrens-Hommel, die in ihrer Einführung „nur zwei Sätze sagen“ wollte, geriet in einen intensiven und humorvollen Austausch mit dem Bestsellerautor.

„Schon immer“ wollte Prange einen Roman schreiben, der in seiner Heimatstadt Altena im Sauerland spielt, die er „aus dem Herzen heraus kennt“. Weil er aber „für einen Heimatroman zu arrogant“ sei, fehlte lange Zeit der entscheidende Anstoß. Die Grundidee wurde mit der Einführung der Euro-Starterkits 2002 in einer „schönen Situation an den Ladenkassen“ geboren. Ein zweiter Anstoß waren Liebesbriefe seiner Eltern im Nachlass der Mutter, ein „anrührendes Erlebnis“. Zudem hatten seine Eltern „immer viel erzählt aus der schön-schaurigen Nazizeit“.

In seinem dreiteiligen, knapp 1000-seitigen Roman, verfolgt Prange die Lebenswege junger Menschen und den Gründungsmythos der BRD, und zwar vom ersten bis zum letzten Tag der DM. Grundstimmung im ersten, fast märchenhaft anmutenden Teil ist der Charme der Wirtschaftswunderzeit: „Komm, wir legen jetzt noch mal los, mit dem Kopfgeld bekommen wir eine zweite Chance.“ Teil zwei behandelt den „Status quo“ ab 1967 mit der ersten Rezession und Studentenrebellionen. Part drei umreißt die Zeit der Wende, die „Wiedergeburt. Eine spannende Zeit, die noch so nah ist, dass wir sie noch gar nicht als historisch betrachten“, sagte Prange.

Im Mittelpunkt seines authentischen Romans in atmosphärischer Dichte steht der Mensch, den zu erfassen für den Autor das Wichtigste ist. Seine fiktiven Protagonisten sind sechs Freunde und ihre Familien, deren von Träumen und Schicksalen geprägte Lebenswege durch drei Generationen führt: Die drei völlig verschiedenen Schwestern Ruth, Ulla und Gundel aus der kultivierten Fabrikantenfamilie Wolf, „Bastard“ Tommy als charmantes Improvisationstalent, der ehrgeizige Jung-Kaufmann Benno und der sicherheitsliebende Bernd.

Viele Versatzstücke aus echten Schicksalen webt der Autor in anderen Zusammenhängen in die Handlung ein. Etwa einen Hund, der sich gierig auf ein Stück Fleisch stürzen will, aber plötzlich stoppt, als er mit dem Satz: „Das ist vom Jüd (Juden)“ den Befehl zum Ablassen vernimmt. Diese Geschichte nutzt der Autor, um den Bürgermeister aus Altena zu entlarven.

Der Autor spielt auch mit

Als einzige Person der Handlung spielt Prange unter eigenem Namen eine Rolle in einer Kiffer-Szene, er nennt sich in der dritten Person. Detailreich wird das Schützenfest in Altena beschrieben, um dessen Wiederaufnahme die Bürger während der britischen Besatzungszeit kämpfen, und das noch heute frenetisch gefeiert wird – aus Kostengründen indes nur alle drei Jahre. Denn: „Der Schützenkönig kommt in Altena direkt hinter dem lieben Gott.“ Apropos: Noch vor der Vorbemerkung im Roman wird das Gleichnis von den anvertrauten Talenten aus dem Lukas-Evangelium zitiert – eine weitere Verbindung zur Währungsreform.

Während der Lesung stimmte der Autor die im Roman angerissenen Liedzeilen mit seiner schönen Baritonstimme an. So erklang etwa: „Komm, wir machen eine kleine Reise, in ein Land so wunderschön...“ Abschließend gab der Schriftsteller mit Herzblut seinen begeisterten Zuhörern etwas zum Nachdenken mit auf den Weg: „Ein bisschen was von diesem Geist des Aufbruchs würde uns auch heute guttun.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert