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Das Schicksal von Vergewaltigungsopfern am Kriegsende

Von: ptj
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Miriam Gebhardt (l.) in der Diskussion mit dem Publikum. Neben ihr sitzen (v.l.) die Mitveranstalterinnen Maria Brenner (Beratungsstelle) und Mandy Geithner-Simbine (Gleichstellungsbeauftragte). Foto: Jagodzinska

Jülich. Trotz der Schwere des Themas erschienen mehr Gäste als angemeldet zu der in vielfacher Hinsicht außergewöhnlichen Lesung bei Fischer. In ihrem Bestseller „Als die Soldaten kamen“ dringt Prof. Miriam Gebhardt, Historikerin und Journalistin, 70 Jahre nach Kriegsende tief ins bislang sträflich vernachlässigte Thema ein.

Zweitens zeichnet ein Veranstalterinnen-Trio für die Lesung verantwortlich: Die Idee hatte die Jülicher Gleichstellungsbeauftragte Mandy Geithner-Simbine. Die Räume stellte Eva-Behrens-Hommel zur Verfügung. Maria Brenner von „Frauen helfen Frauen“ bietet Betroffenen Beratungstermine an.

Neben den vergewaltigten Frauen zählen auch Kinder und Enkel zu den Opfern. Denn: „Über die transgenerationale Weitergabe sind Traumata bis in die Kriegsenkelgeneration und möglicherweise darüber hinaus wirksam“. Die Autorin stellte ihren Zuhörern mit weiblicher Überzahl die wichtigsten Ergebnisse ihrer Recherche vor, ohne sie mit schockierenden Details zu traktieren – was nicht jedem bei der anschließenden Diskussion gelang.

Als „einseitig und falsch“ entlarvt Gebhardt die meisten Berichte über Vergewaltigungen zum Ende des Zweiten Weltkrieges, weil sie fast ausschließlich die sowjetischen Soldaten als Täter benennen. Die westlichen Alliierten – Amerikaner genauso wie Franzosen und Briten – schändeten ähnlich der Roten Armee in ganz Deutschland – und die deutschen Soldaten vorher im Osten.

Das Ausmaß betreffend, korrigierte die Autorin die kursierenden Zahlen von ein bis zwei Millionen nach unten: 860.000 Opfer, deutsche Frauen und Mädchen sowie auch Jungen, seien zu Kriegsende und in der Nachkriegszeit von alliierten Soldaten und Besatzungsangehörigen vergewaltigt worden. Hunderttausende trugen psychische Langzeitfolgen davon.

Gebhardt nannte Fallbeispiele von traumatisierten Frauen, die sich „auffällig verhielten“ und mehrfach in Psychiatrien eingewiesen wurden. Die Selbstmordquote war hoch, die Psychiater überfordert. Das Trauma war damals unerforscht. Zudem gab es 1956 in Gesamtdeutschland 3200 offizielle „Besatzungskinder“. Haben die Frauen das „in einer Art Opferkollektiv erstaunlich gut weggesteckt“? Das behaupteten Berichte in den 60ern, auch das Tagebuch der „Anonyma“ deute in diese Richtung. Solche zeittypischen Argumente erwiesen sich als Selbstläufer.

Ein Gegenbeispiel ist Gabriele Köpp, die als erste Betroffene unter ihrem Namen über die Vergewaltigungsgreuel berichtete. Gebhardt analysierte damalige stereotype Frauenbilder wie die heldenhafte „Trümmerfrau“ und auf der anderen Seite das moralisch verkommene „Ami-Liebchen“ als „mehr Mythos als Wahrheit“.

Die meisten Frauen schwiegen. Aus Scham, um im „Moraldiskurs der 1950er Jahre“ nicht ihr Gesicht zu verlieren, und zum Schutz des Kindes, denn: „Viele Frauen haben die Kinder behalten.“ Kontraproduktiv für die Opfer sei auch die Familienmoral, der wieder ein hoher Wert eingeräumt wurde. „Emphatie fand sich zu wenig“.

Es gab lediglich zwei „Schutznischen“ für die Opfer: Die Vertriebenenverbände und eine zehn Jahr andauernde Debatte über die Zukunft der Vergewaltigungskinder. Doch die Beweislast für den „Besatzungsschadensfonds“ waren sehr hoch.

Breiten Raum nahmen die Motive der Täter ein. Gab es einen Vergewaltigungsbefehl? „Das scheint nicht zu stimmen“, sagte die Autorin, die unter anderem in zehn Archiven recherchierte. Zwar herrschte eine „sexuelle Verächtlichmachung“ der Frau des Feindes vor, einen Befehl fand sie aber nicht.

Das Motiv der Rache und das Hasses sei zwar nicht so einfach aus der Welt zu schaffen, doch die Amerikaner hätten bei der Landung in England und Frankreich auch Britinnen und Französinnen vergewaltigt. Eine Rolle habe auch die „Gruppendynamik“ bei den Vergewaltigungen gespielt. Auch heute noch „gehen viele Konflikte mit Massenvergewaltigungen einher“, sagte die Autorin zu Problemen der Gegenwart.

Das Schlusswort sprach die Kölner Traumatologin Martina Böhmer – ungeplant im Rahmen der Diskussion: „Wichtig ist, dass wir dem Thema Raum geben und dass wir jetzt emphatisch sind.“

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