Das größte Camp der Region: Für Sabine Günnel kein Problem

Von: Volker Uerlings
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Aus dem Nichts wächst ein Zuhause auf Zeit für 1000 Flüchtlinge in Jülich, das Sabine Günnel managen wird: Zunächst entstehen die 15 Wohnunterkünfte für jeweils rund 70 Menschen. Foto: Uerlings
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Die gebürtige Jülicherin Sabine Günnel war weltweit bei Katastrophen- und Hilfseinsätzen für das DRK tätig. Sie leitet das Jülicher Camp. Foto: Volker Uerlings

Jülich. Sabine Günnel schläft weniger als 100 Nächte im Jahr in ihrer Berliner Wohnung. Die 41-Jährige ist in der ganzen Welt zu Hause, weil sie im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes hilft, wo sie nur helfen kann. Zuletzt war sie eine Zeit lang in Nepal und leitete im Rahmen der Nachsorge nach den schweren Erdbeben eine große Gesundheitseinrichtung mit Operationssaal.

Anfang des Jahres hat sie das Krankenhaus für 20.000 Flüchtlinge eines UN-Camps in Asrak (Jordanien), nur 40 Kilometer vor der syrischen Grenze, technisch und organisatorisch gemanagt. Und jetzt Jülich: Das ist für die rastlose und offenbar mit dem „Hilfs-Gen“ ausgestattete Frau ein Glücksfall: Denn sie kehrt heim in ihre Geburtsstadt, um hier die bislang größte Flüchtlingsunterkunft der Region zu leiten.

Ab Anfang Dezember werden schrittweise insgesamt 1000 Menschen auf der Merscher Höhe einquartiert, wo quasi ein neuer Ortsteil auf Zeit entsteht. Das Camp ist auf drei Jahre befristet. Die riesige Fläche der früheren Sendeanlage der Deutschen Welle soll schon bald ein neues interkommunales Gewerbegebiet werden.

Auch das kann man als glücklichen Zufall bezeichnen, denn aus diesem Grund wurde das Areal erst vor Monaten von einer städtischen Gesellschaft gekauft. Und es ist so groß, dass hier diese kleine Stadt vor der Stadt jede Menge Platz hat: 30 Leichtbauhallen entstehen aus dem Nichts und in atemberaubendem Tempo.

Sabine Günnel als Expertin und der Kreisverband Jülich des Roten Kreuzes als Betreiber, für den sie arbeitet, haben die Gelegenheit beim Schopf gepackt und aus fachlicher Sicht wichtige Bestandteile eines solchen Camps vorgeschlagen und durchgesetzt, für die oft kein Platz ist: große Sozialräume, zwei Gebetsräume, einen Kindergarten und einen speziellen Bereich für Kinder und Jugendliche, die ohne Begleitung geflüchtet sind. Natürlich wird die Leiterin der Einrichtung vorwiegend Menschen aus Syrien begegnen, deren Lage sie ganz gut kennt.

„Die Flucht hat nichts mit dem grundsätzlichen Gedanken an eine bessere Zukunft woanders zu tun. Die Menschen in Syrien fliehen aus Angst um das nackte Leben und aus Angst um die Familie. Vorherrschend ist der Gedanke: Wir sind unseres Lebens nicht mehr sicher“, sagt Sabine Günnel.

Im Camp Asrak hat sie die Erfahrung gemacht, dass die Frauen, Männer und Kinder aus der oberen Mittelschicht stammen, die in diesem Bürgerkrieg aber kaum noch wissen, wer der Feind ist: das Regime oder der IS (Islamische Staat). Die 41-jährige Jülicherin sagt: „Irgendwann hat der Feind keinen Namen mehr und kein Gesicht. Das ist keine politische Flucht von Leuten, die sich für eine Seite entschieden haben. Das ist ein Krieg ohne Schwarz und Weiß.“

Die Bevölkerung fürchte nicht nur die Bomben des Staates, sondern flüchte auch aus Angst, „dass irgendjemand mein Tor eintritt und willkürlich Gewalt verübt“. Günnel: „Viele würden am liebsten morgen wieder zurück, aber sie sehen realistisch keine Chance dazu.“

Der Wunsch, in Europa eine Zuflucht zu suchen, ist nach Günnels Überzeugung durch persönliche Erfahrungen geprägt. „Wer Infos aus erster Hand von Landsleuten aus Frankreich hat, versucht eben, nach Frankreich zu kommen. Gleiches gilt für unser Land.“ Unter den Flüchtlingen seien eine Menge qualifizierter und gebildeter Frauen und Männer.

Syrien hat – inzwischen muss man wohl leider hatte sagen – nach Kenntnis der DRK-Expertin „ein sehr gutes Bildungssystem. Die Menschen wissen viel. Und ich behaupte, dass ein in Syrien ausgebildeter Arzt genauso viel kann wie ein in Deutschland ausgebildeter. Viele sprechen brauchbar Englisch.“ Hier sieht die Campmanagerin, die derzeit einige Dutzend neue Jobs besetzen muss, eine große Chance und eine Brücke zur Integration.

Natürlich werden nicht nur Menschen aus Syrien nach Jülich kommen. „Da muss man sich ganz flexibel drauf einstellen können. Es wird keine Routinen geben.“ Dennoch sind die Jobs in der Einrichtung, die eine Kombination aus Erstaufnahmecamp und Notunterkunft ist, stark nachgefragt.

Sabine Günnel, die das auch für den DRK-Kreisverband Jülich große Projekt mit dem stellvertretenden Geschäftsführer Markus Deiters vorbereitet, macht sich mit Blick auf Ausstattung und Logistik keine großen Sorgen. „Technisch schockt mich da gar nichts. Das kriegen wir schon hin. Und wenn etwas nicht funktioniert, werden wir eine Lösung finden.“

Etwas unsicherer ist sie, wenn es um schwerer greifbare Fragen geht: „Wie nimmt unsere Stadt die Flüchtlinge auf?“ Das DRK als Camp-Betreiber hat sich jedenfalls fest vorgenommen, wann und wo immer möglich Integrationsangebote zu unterbreiten und auf der Merscher Höhe keinen hermetisch abgeriegelten Bereich zu schaffen.

Eines wird sich für Sabine Günnel sicher verändern: Sie ist für einen aus ihrer Sicht längeren Zeitraum ihrer Familie und ihren Freunden wieder ganz nah und kann langfristig das eigene Bett genießen. Auch wenn sie sich in der verantwortungsvollen Position auf eine „Rufbereitschaft an 365 Tagen im Jahr“ einstellt.

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