Jülich - Coockie: Seit 40 Jahren auf der Durchreise

Coockie: Seit 40 Jahren auf der Durchreise

Von: Christina Diels
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Ein paar Stunden im Warmen, sich frisch machen: Nicht viel mehr will „Coockie”, der seit 40 Jahren auf der Durchreise ist, im Jülicher Obdachlosen-Asyl. Foto: Diels

Jülich. Ein paar Tage relaxen, sich frisch machen, sein Gerödel ordnen. Damit er dafür Ruhe hat, hat sich der Mann, der seit 40 Jahren auf der Durchreise lebt, einen Schlafplatz im Obdachlosen-Asyl in Jülich gesucht. Er trägt einen dicken Strickpulli und Jeansweste, ein schwarz-weißes Tuch um den Hals, einen braunen Vollbart und stellt sich als „Coockie” vor.

„Einfach nur Coockie”, wiederholt der gebürtige Dürener und buchstabiert ganz langsam „C-o-o-c-k-i-e”.

Es sind nicht die Minusgrade der jüngsten Zeit, die Coockie (57) in eines der sechs Betten in dem Heim neben der Feuerwache an der Lorsbecker Straße getrieben haben. „Bei minus zehn Grad geht man doch ins Freibad...”, sagt er. Ein Bad in der eisigen Rur ist ihm zuzutrauen.

Der Mann, der mit 17 Jahren vom Erziehungsheim auf die Straße wechselte, ist abgehärtet. Mit Isomatte und Schlafsack übernachtet er auch im Winter unter freiem Himmel. Kritisch werde es, räumt er ein, wenn die Temperaturen unter minus 15 Grad fallen. Aber das kommt bei uns zum Glück nur sehr selten vor.

Für die Nacht im Bett musste er einen Übernachtungsschein bei der Polizei abholen. „Das ist so eine Art Unbedenklichkeitserklärung”, interpretiert der gebürtige Dürener.

„Wir brauchen den für den Überblick”, sagt Margret Peters, die das Obdachlosenasyl in Jülich betreut. Morgens gegen 7.30 Uhr schließt sie hinter den Gästen die Tür ab. Und abends zwischen 18 und 20 Uhr schließt sie den neuen Gästen wieder auf. Höchstens drei Mal im Monat könne ein Obdachloser hier übernachten, sagt Peters. Dann müssen sie in eine andere Stadt ziehen. Das ist Vorschrift. „Im Winter drücken wir auch mal ein Auge zu.” Und bei klirrender Kälte schließt sie schon am Nachmittag die Tür auf.

„Mal kommt einer, mal kommen drei”, erzählt Peters. In jüngster Zeit habe öfter ein 23-jähriger Mann randaliert. Aber auch den hat sie inzwischen im Griff. Die Frau bringt so leicht nichts aus der Ruhe. Nur zweimal habe sie in ihrer 20-jährigen Amtszeit die Polizei rufen müssen. Neben der Tür ist ein Knopf für den Notruf. „Da ist in zwei Minuten die Feuerwehr da”, sagt Peters.

Coockie und Margret Peters kennen sich schon aus dem Vorjahr. Als Peters den 57-Jährigen begrüßt, lässt sie ihre Hände in der Jackentasche stecken. „Ein bisschen Abstand muss ich halten”, erklärt sie. Aus Selbstschutz ist anfassen tabu.

Coockie sitzt vor einer fast leeren Colaflasche am Tisch und dreht sich eine Zigarette. „Als es so richtig kalt war, habe ich bei meinem Bruder in Düren gewohnt”, erzählt er. Auf Dauer ginge das nicht gut. „Da prallen Welten aufeinander. Mein Bruder ist verheiratet und stocksolide, das will ich nicht werden.”

Coockie liebt sein Leben als Durchreisender. Wegen der Unabhängigkeit. „Wenn ich keinen Bock mehr habe, fahre ich einfach nach Barcelona.” Da sei er schon mal gewesen, sagt er. Coockie ist zufrieden mit seinem Leben. Auf der Reise durch Frankreich und in Spanien habe er sich mit Händen und Füßen verständigt.

In einer Wohnung falle ihm nach ein paar Tagen die Decke auf dem Kopf. „Da kann ich mich gleich in den Knast setzen”, sagt er. Doris Vogel, Leiterin des Sozialamtes Jülich, kennt das Phänomen der Durchreisenden. „Manche wollen gar nicht in eine Wohnung ziehen. Die wollen auf der Straße leben und werden auch dort sterben.”

Auch Margret Peters weiß: „Solche Menschen kann man nicht halten.” Noch eine Nacht in Jülich, dann will Coockie weiterziehen. Mit seiner Isomatte, seinem Schlafsack, seiner kleinen grünen Dose mit Brennpaste, seiner Pfanne und seinem Tabak.

Der Tabak dürfe niemals fehlen, sagt er. Genauso wenig wie feste Schuhe und warme Klamotten, ergänzt er, zieht seinen Anorak an und steht auf. Es ist 8 Uhr. Coockie will sehen, wie es hell wird. Er beobachte gerne, wie eine Stadt erwache. Danach will er sich in Aldenhoven seinen Tagessatz abholen und sich dann in der Jülicher Bücherei mit Lesestoff eindecken.

Abends will er zurückkehren an die Lorsbecker Straße. Nicht zum Aufwärmen. Nur ein bisschen entspannen, sich frisch machen, sein Gerödel ordnen. Und übermorgen? „Ich lebe auf der Straße, das plane ich doch nicht jetzt schon.” Wohin es ihn treibt, weiß er nie. Einmal wollte er nach Langerwehe fahren. Gelandet ist er am Gare du Nord in Paris.

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