Jülich - Bundeskanzler Adenauers Besuch beim Jülicher „Herzog“

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Bundeskanzler Adenauers Besuch beim Jülicher „Herzog“

Von: hfs.
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Bis heute begeisterter Fotograf: Ulrich Pfläging (74), früherer Jülicher. Die Adox-Klappkamera wird wie ein Schatz gehütet. Foto: hfs.
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Winkend verabschiedete sich Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer von den Jülichern auf dem Schlossplatz. Während der Stippvisite immer an der Seite von Adenauer war Landrat Wilhelm Johnen (2.v.r.), bei dem der Kanzler abends privat zu Tisch saß. Foto: Ulrich Pfläging

Jülich. Der erste Namenszug im Goldenen Buch der Stadt Jülich datiert vom September 1930. Da signierte der Dürener Heimatdichter Josef Schregel – geboren am 13. März 1865 hier in Jülich – das erste Blatt.

Ihm folgten bis zum Besuch von Bundespräsident Joachim Gauck im September 2016 insgesamt noch weitere 48, darunter auch Dr. Konrad Adenauer, damals – am 22. Mai 1958 – deutscher Bundeskanzler.

„Zur Erinnerung an den großen Tag in Jülich“, schrieb Adenauer. Der Besuch ist einigen Zeitzeugen lebhaft in Erinnerung geblieben, so dem jetzt 74-jährigen Ulrich Pfläging aus Jülich, leidenschaftlicher Hobbyfotograf, der sich den hohen Besuch aus der Hauptstadt Bonn sozusagen „vor der Haustür“ als 16-Jähriger nicht entgehen lassen wollte.

„Wir wohnten damals in der Bauhofstraße, per Zufall hatte ich erfahren, dass uns der Bundeskanzler besuchen würde. Da stand für mich gleich fest, dass ich dieses Ereignis vor Ort miterleben wollte“, erinnert er sich noch an diesen Donnerstag. Zunächst galt die Aufmerksamkeit dem Jülicher Schlossplatz, denn dorthin sollte sich der Tross von vielen schwarzen Mercedes-Limousinen, in denen Adenauer und die Gäste saßen, über die Kölnstraße hin bewegen. Das hatte Ulrich Pfläging erfahren: im Waffen- und Haushaltswarengeschäft Abels auf der Kölnstraße, wo der Adenauer-Besuch das Gesprächsthema war. „Da arbeitete meine Tante, ich war oft da, habe also viel gehört und erfahren“, schmunzelt der Jülicher, den es über die Kaiserstadt Aachen später nach Stolberg verschlug, wo er nun seit 20 Jahren lebt.

Jülich war zu dieser Zeit, so sagt es Pfläging, im Aufschwung gewesen. Die Bilder von einer total zerstörten Stadt, die er persönlich noch in Erinnerung hatte, waren mit den Jahren in den Hintergrund gerückt, „obwohl wir als Kinder jeden Tag in der Zitadelle und den Kasematten gespielt hatten.“ Herausgeputzt sei er gewesen, der Schlossplatz, umringt von vielen Zuschauern. „Es hatte den Anschein, als ob die ganze Stadt auf den Beinen gewesen sei“, blickt er zurück.

Er konnte mit seiner Adox-Klappkamera mühelos bis in die vordere Reihe vordringen. „Es waren zwar viele Polizisten da, die die Leute hinter einem Absperrband zurückhielten, aber ich konnte problemlos durchgehen, mich ganz vorne zu den Honoratioren stellen und Konrad Adenauer in die Augen schauen.“ Für den jungen Pfläging sei dies schon ein erhabener Moment gewesen, „dem Bundeskanzler so nahe zu sein“.

Der hatte sich in der Herzogstadt anmelden lassen: vom damaligen Landrat Wilhelm Johnen, der zu seiner Zeit zahlreiche Ämter und Mandate kommunal-, regional- und landespolitisch innehatte und als „Herzog von Jülich“ hochverehrt wurde. Er galt als „Königsmacher“ der CDU-geführten Landesregierungen. Und Johnen, in seinem Politikstil Konrad Adenauer ähnelnd, gehörte zu dessen engen Vertrauten.

So kam es nicht von ungefähr, dass der Kanzler seinem Parteifreund – Johnen war damals Vorsitzender der NRW-CDU – einen Privatbesuch in seinem Haus in der Herzogstadt abstattete, sondern auch am Abend die Gelegenheit für einen „Wahlkampfauftritt“ in der Aula des jetzigen Mädchengymnasiums nutzte. Denn es standen Landtagswahlen an. Ulrich Pfläging hätte an diesem Maiabend liebend gerne zu jenen rund 400 geladenen Gästen gezählt, die Konrad Adenauer in der Aula des Gymnasiums zuhörten.

Lautsprecherwagen lockt Bürger

Dass Dr. Adenauer den Jülichern auch für den gezeigten Wiederaufbauwillen dankte, dies erfuhr Pfläging wenige Tage später aus der Zeitung, wo selbstverständlich ausführlich über den hohen Besuch berichtet wurde. „Dass der Kanzler aber zuvor den Gedenkstein für die Toten des 16. November auf dem Schlossplatz eingeweiht hatte, wurde zwar auch kurz im Bericht erwähnt. Aber davon stand kein Foto in der Zeitung“, wunderte sich der Jungspund damals wie heute. Und er ist stolz, dass er dieses Ereignis auf Fotos festgehalten hat.

Doch bevor er damals am späten Nachmittag sehr oft auf den Kamera-Auslöser drückte – der Film wurde gleich am anderen Tag zum Entwickeln zur Jülicher Drogerie Freialdenhoven gebracht – hatte er erlebt, wie in den frühen Nachmittagsstunden Arbeiter der Stadtverwaltung damit beschäftigt waren, die öffentlichen Gebäude zu beflaggen und große Blumenkübel auf den Verkehrsinseln des Marktplatzes aufzustellen. „Und es fuhr ein Lautsprecherwagen durch die Stadt, die Jülicher wurden gebeten, dem Bundeskanzler einen würdigen Empfang zu bereiten.“ Überall sah Pfläging Kinder mit schwarz-rot-goldenen Fähnchen in der Hand.

„Die meisten Menschen hatten sich an der Kölnstraße eingefunden, denn dort stand ja der Gedenkstein“, hat der Zeitzeugen-Fotograf die Szene noch immer genau vor Augen. Und erinnert sich, wie der Bundeskanzler „unseren damaligen Bürgermeister Karl Knipprath und den Kreisdirektor begrüßte. Nicht umgekehrt“.

Danach ging es laut Pfläging schnell, Adenauer legte einen Orchideen-Kranz nieder, verweilte einige Minuten in schweigendem Gedenken, um sich dann mit einem Handwinken von den Zuschauern zu verabschieden. Dann bog der schwarze Mercedes 300 mit dem Kennzeichen 02 von der Kölnstraße auf den Marktplatz, um über die Kleine Rurstraße in Richtung Gymnasium davon zu rauschen.

Dass der Bundeskanzler erst spät abends gegen 22.30 Uhr von seinem Privatbesuch bei Wilhelm Johnen in Richtung Bonn-Rhöndorf aufgebrochen war, erfuhr Ulrich Pfläging anderentags von seiner Tante. Für Ulrich Pfläging war das die erste und letzte Begegnung mit Adenauer. Die aber unvergessen blieb.

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