Bund und Land streiten um 2285 Kugeln

Von: Georg Müller-Sieczkarek
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So sehen sie aus: Rudolf Printz, Leiter des Bereichs „Nuklear-Service” im Forschungszentrum Jülich, präsentiert das Modell einer Graphitkugel. Foto: dpa

Jülich/Berlin. In der Diskussion um angeblich verschwundenes Atommaterial im Forschungszentrum Jülich (FZJ) wirft das Bundesforschungsministerium jetzt der Landesregierung Irreführung vor.

Der Verbleib der radioaktiven Brennelementekugeln sei lückenlos dokumentiert, sagte Forschungsstaatssekretär Thomas Rachel (Düren, CDU) am Montag in Berlin. Er halte es für „äußerst unverantwortlich”, dass NRW den Eindruck erweckt habe, 2285 der radioaktiven Kugeln würden vermisst.

Namentlich kritisierte Rachel Svenja Schulze (SPD). Die NRW-Wissenschaftsministerin war vom „Spiegel” mit der Vermutung zitiert worden, die Kugeln seien „allem Anschein nach” ins niedersächsische Forschungsbergwerk Asse gelangt. Es sei „nicht akzeptabel, dass Vertreter der Landesregierung solche Spekulationen verbreitet haben”, sagte Rachel. Das sei „weder angemessen noch korrekt”. Am Verbleib der Kugeln habe sich „seit Jahrzehnten nichts geändert”.

Dementi des Forschungszentrums

Achim Bachem, der Vorstandschef des Forschungszentrums Jülich, kritisierte in Berlin die „Verwirrung”, welche die Spekulationen um die Kugeln ausgelöst hätten: „Es wurden keine Brennelemente je in die Asse transportiert. Das können wir mit Sicherheit sagen.” Zwischen 1968 und 1978 sei zwar schwach- bis mittelradioaktiver Abfall aus Jülich nach Asse gebracht worden, nie jedoch hochradioaktive Brennelemente. Zuvor hatte die „Rheinische Post” in ihrer Online-Ausgabe über zwei Transporte von Jülich ins Atommülllager Asse berichtet. Im November und Dezember 1976 seien mit zwei Bahntransporten insgesamt drei Behälter mit Brennelementkugeln in die Asse gebracht worden. Die radioaktiven Materialien hätten sich in Blechdosen und Fässern befunden, berichtet das Blatt unter Berufung auf Transportlisten der Gesellschaft für Strahlenschutz in München, die auch unserer Zeitung vorliegen.

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) erklärte am Montag, zwar seien 1976 in der Schachtanlage zwei Fässer mit Brennelementkugeln aus Jülich eingelagert worden. Bei diesen Behältern könne es sich aber nicht um die jetzt angeblich vermissten 2285 Kugeln handeln, teilte das BfS am Montag in Salzgitter mit. „Das belegen das relativ geringe Gesamtgewicht und die Aktivität der aus Jülich eingelagerten Abfälle sowie die Tatsache, dass die Anlieferung und der Ort der Einlagerung dokumentiert sind”, berichtete die Behörde.

Bei den in dem einsturzgefährdeten Salzstock Asse bei Wolfenbüttel eingelagerten Brennelementkugeln handelt es sich laut BfS um mittelradioaktive und nicht um hochradioaktive Abfälle. Diese Lieferungen von 1976 seien der NRW-Atomaufsicht auch bekannt.

Das Forschungszentrum (FZ) bestritt am Montag erneut mit Nachdruck, Brennelemente zu vermissen. Der Gesamtbestand an spaltbarem Material, den das FZ von der Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor GmbH (AVR) angenommen habe, sei vollständig im Zwischenlager des Forschungszentrums gelagert, teilte FZ-Sprecherin Anne Rother gegenüber unserer Zeitung mit. Der Bestand sei bis auf das Milligramm genau dokumentiert und werde monatlich an die Atomagentur Euratom und das NRW-Wissenschaftsministerium als Aufsichtsbehörde gemeldet.

Unterdessen schaltete sich Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) in den Streit ein. Die NRW-Atomaufsicht solle die Widersprüche aufklären, forderte er und bestellte das Wirtschaftsministerium als Aufsichtsbehörde des ehemaligen Forschungsreaktors für heute nach Berlin ein.

Morgen wird sich auch der Landtag mit dem Thema beschäftigen. Die FDP kündigte dringliche Anfragen im Wirtschafts- und Umweltausschuss an. „Wir nehmen es nicht unwidersprochen hin, dass die Landesregierung gemeinsam mit den Grünen durch nicht fundierte Aussagen die Ängste der Bevölkerung schürt”, sagte der umweltpolitische Sprecher der Liberalen, Kai Abruszat.

Schulze forderte am Montag am Rande eines Besuchs auf der Hannover Messe erneut eine „lückenlose Aufklärung” des Verbleibs der Brennelementkugeln. Der umweltpolitische Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion, Hans Christian Markert, erklärte, die Angaben des Forschungszentrums seien „keineswegs dazu angetan, die Bevölkerung zu beruhigen”.

Das neue Gremium soll Basis für Atomausstieg legen

Die Ethikkommission zur Atomkraft soll mehr Gewicht erhalten als bislang bekannt: Das am Montag erstmals zusammengetretene Gremium wird auch die Folgen eines beschleunigten Atomausstiegs für den Klimaschutz und Stromimporte beleuchten. „Das alles soll in der Kommission diskutiert und auch bewertet und gewichtet werden”, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Berlin.

Dem „Rat der Weisen” gehören Vertreter von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Kirchen an. Mitte Mai soll das Gremium die Ergebnisse der Reaktorsicherheitskommission bekommen, die sich bei der technischen Sicherheitsüberprüfung der 17 deutschen AKW ergeben haben. Am 27. Mai soll die Kommission dann einen Bericht vorlegen, der Basis für ein mögliches neues Atomgesetz mit weniger AKW und kürzeren Restlaufzeiten sein soll.

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