Broicher Schreiambulanz hilft verzweifelten Eltern

Von: Simone Dolfus
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Wenn ein Baby schreit, kann das viele Ursachen haben: beim Hunger angefangen. Manchmal liegen die Gründe tiefer, was sich für Eltern schwer erkennen lässt. Die Broicher Schreiambulanz kann helfen. Foto: Stock/biky
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Stefanie Kleinermanns, Anja Matzerath und Sonja Bertrams (v.l.) bieten Eltern Beratung und Hilfestellung im Umgang mit „Schreibabys“. Foto: Dolfus

Broich. Das Baby schreit und windet sich, Vater und Mutter versuchen alles, um es zu beruhigen, aber nichts hilft. Tag für Tag. Das zerrt an den Nerven, die Eltern machen sich Vorwürfe, fragen sich, was sie wohl falsch machen. Das Schreien verstärkt sich noch. Ein Teufelskreis wird in Gang gesetzt. Solche und ähnliche Schilderungen hören Sonja Bertrams und Anja Matzerath oft.

Die Diplom-Psychologin und die Kinderphysiotherapeutin/Osteopathin bieten im Familienzentrum „Purzelbaum“ in Broich einmal im Monat eine „Schreiambulanz“ an, Anja Matzerath dazu noch eine osteopathische Sprechstunde. „Solche und weitere Beratungsangebote gehören zum Leistungskatalog unseres Familienzentrums“, erklärt dessen Leiterin Stefanie Kleinermanns, selbst Heilpädagogin. Die Angebote sollen dabei vor allem eines sein: niedrigschwellig.

„Wenn Eltern bei mir anrufen und nach einem Sprechstundentermin fragen, müssen sie nicht einmal sagen, warum sie vorbeikommen wollen“, so Kleinermanns, die die Sprechstundentermine koordiniert. Sonja Bertrams fügt an: „Wir sind da. Kommt, wenn Ihr verunsichert seid.“ Die Sprechstunde ist offen für jeden, auch wenn Familienzentren grundsätzlich einen gewissen Einzugsbereich vorrangig bedienen sollen.

Außerhalb von Kliniken und Krankenhäusern im Kreis Düren ist die Broicher Einrichtung eine der wenigen, wenn nicht die einzige Stelle, die eine „Schreiambulanz“ anbietet. „Es ist wirklich gut, dass wir das gemacht haben“, findet Anja Matzerath, die in der angeschlossenen integrativen Kita Purzelbaum auch therapeutisch tätig ist. Sie findet auch, dass „das ruhig mehr Familienzentren anbieten sollten“.

Seit einem Jahr gibt es die Schreiambulanz, und nach zurückhaltendem Start kommen mittlerweile immer mehr Eltern mit so genannten „Schreibabys“, die sich von Bertrams und Matzerath beraten lassen. Denn die Ambulanz ist anders als an Kliniken nur ein Beratungsangebot. Aber oftmals reicht ein erfahrener Blick auf Kind und Familie, um die Ursache(n) des Problems rasch zu erkennen. Häufig hakt es in der Kommunikation zwischen Baby oder Kleinkind und seinen Bezugspersonen.

„Manchmal erzählen mir Eltern, eigentlich verstehen sie sich super mit ihrem Kind, sie wissen gar nicht woher das Schreien kommt“, berichtet Anja Matzerath. Ihre Beobachtung zeigt dann oft, die Eltern reagieren nicht feinfühlig genug auf die Signale ihre Sprösslings. Bei anderen wiederum gibt es ungesunde familiäre Strukturen, beispielsweise gibt es ein eifersüchtiges Geschwisterkind, oder das Baby wird zu sehr mit Aufmerksamkeit überschüttet. „Ich mache dann erst einmal eine ganz normale Säuglingsanamnese“, schildert Matzerath weiter: „Wie war die Schwangerschaft, wie war die Geburt, wie waren die ersten Wochen zu Hause?“

Denn auch eine traumatische Geburt, Ängste in der Schwangerschaft oder eine Mutter, die verkrampft versucht zu stillen, können auslösende Faktoren sein. Und manchmal werden Babys vom Stillen auch einfach nicht satt. Grundsätzlich stellen die Beraterinnen fest: Eltern fehlt oft das Vertrauen in sich, und sie wissen oft zu wenig vom Umgang mit einem Baby.

„Wir müssen das Gespür für unsere eigenen Elterninstinkte wieder entwickeln“, betont daher Sonja Bertrams. Das Gute ist: oft reicht schon ein einziger Besuch in der Sprechstunde, um Ursachen zu entdecken. Durch kleine „Hausaufgaben“ können Eltern rasch lernen schlechte Strukturen aufzubrechen. Es gibt natürlich auch körperliche Handicaps, die Kinder zu Schreikindern machen oder tiefliegende psychische Probleme in der Familie. Aber auch hier bringt der Besuch in der Sprechstunde etwas.

Sonja Bertrams, Anja Matzerath und Stefanie Kleinermanns verfügen über diverse Kontaktadressen für weiterführende therapeutische Hilfe. Natürlich koste es viele Eltern große Überwindung, sich professionelle Hilfe zu holen. „Manche brauchen mehrere Anläufe“, berichtet Sonja Bertrams. Stephanie Kleinermanns fügt hinzu, „man kann Eltern ja nicht in eine Sprechstunde zwingen, das ist alles eine Frage des Leidensdrucks“.

Es sei vollkommen normal, dass die Menschen im Umgang mit diesem Thema schüchtern seien. Die Schwierigkeiten mit Schreibabys oder anderen Regulationsstörungen bei kleinen Kindern ziehe sich durch alle Gesellschaftsschichten, berichten die Drei. „Entlasten, stärken und die eigenen Ressourcen aktivieren“, dafür steht die Tür der Beraterinnen im Familienzentrum Purzelbaum immer weit offen.

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