Broicher holen Lazarus aus der Historientruhe

Von: Simone Dolfus
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Noch vor dem Krieg feierten die Broicher ausgelassen den Straßenkarneval. Danach hat die Lazarus-Tradition in dem Ort lange geruht. Nach fast 50-jähriger Abstinenz wird am Rosenmontag endlich wieder der Lazarus „jepreck”. Foto: Verein

Broich. Lange hat er geschlummert, doch in dieser Karnevalssession hat die KG Stopp dä Mutz Broich ihn wieder ans Tageslicht geholt. Am Rosenmontag wird nach fast 50-jähriger Abstinenz in Broich wieder der Lazarus „jepreck”.

Die uralte Tradition ist tief in dem Jülicher Dorf verwurzelt. Schon bei der Gründung der Karnevalsgesellschaft im Jahr 1903 gehörte das Taufen, Precken und Ertränken der Strohpuppe fest zum närrischen Programm, wie Stopp dä Mutz-Präsident Peter Hintzen erklärt.

Zugegebenermaßen haben sich die Broicher damals ihr Vorbild in der Herzogstadt bei der Historischen Gesellschaft Lazarus Strohmanus und teilweise bei der KG Ulk Jülich gesucht. „Broich war damals ein Dorf, in dem nur arme Bauern und Handwerker wohnten. Prunkvoller Sitzungskarneval war damals einfach zu teuer. Deshalb war von vornherein klar, dass man nur einen Straßenkarneval feiern konnte,” schildert Hintzen die Anfänge seiner Gesellschaft.

Nun hatten die Broicher den unschlagbaren Vorteil, dass sie sich vom traditionsreichen Geschehen im nur wenige Kilometer entfernten Jülich durch pures Zuschauen genügend Anregung für den eigenen Karneval holen konnten.

Es wurde also eine Strohpuppe gebastelt, ein einheitliches Outfit gewählt und schon konnte es am Rosenmontag mit Lazarustaufe und -umzug losgehen. Zum Brauchtum der KG Stopp dä Mutz gehörte seitdem - ähnlich wie im benachbarten Jülich - das „Ri-Ra-Rickelche”, der blaue Kittel und eine Besengruppe.

Im Unterschied zur Historischen Gesellschaft tragen die Broicher jedoch schwarze Hosen zum blauen Kittel. Ähnlich sind wiederum die bunten Kopfbedeckungen. Doch während der Strohmann in Jülich eine recht lange Halbwertszeit hat, lebt er in Broich seit jeher nur einen Tag. „Der Lazarus ist sozusagen eine Eintagsfliege”, lacht Peter Hintzen. Morgens wird er dem Narrenvolk vorgestellt und mit Rurwasser aus „d´r Spröz” (Gießkanne, Anm. d. Redaktion) getauft, abends wird er bereits wieder in einem fließenden Gewässer ertränkt.

Diese ursprüngliche Form des Karnevals ist jedoch mit den Jahren in Broich eingeschlafen. „1961 wurde die alte Dorfgaststätte, in der nach dem Rosenmontagsumzug gefeiert wurde, geschlossen”, erläutert Peter Hintzen. Bis 1973 kam deshalb das jecke Brauchtum fast gänzlich zum Erliegen.

Mit dem Bau der neuen Bürgerhalle begann eine neue Ära bei der KG. Die Trends der Zeit hießen aber nun Prunksitzung und Karnevalsball. „Zu Spitzenzeiten fanden damals in Broich vier Karnevalsbälle statt”, erinnert sich der Präsident. An die Ursprünge ihrer KG dachten die Karnevalisten nicht mehr. Erst Mitte der 90er Jahre fingen einige KG-Mitglieder an, in der Historientruhe zu wühlen.

Heraus kam zunächst das „Hexen- und Möhnentreiben” und auch der Brauch, den Kindergarten in Broich zu besuchen. „Wir machen das nicht mit der Brechstange. Wir hören in den Ort hinein, was die Leute gerne möchten”, sagt Iris Pauli, Literatin der KG. Und in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wenden sich die Jecken wieder dem Straßenkarneval zu.

„Weil der Rosenmontag ja der höchste Feiertag der Jecken ist, wollten wir an diesem Tag wieder etwas anbieten”, schildert Peter Hintzen. Seit einigen Jahren haben die Broicher nämlich den närrischen Umzug auf den Samstag vorverlegt: „Da haben wir mehr Zuschauer.” Einen Rosenmontagszug gibt es nicht mehr, die KG traf sich lediglich zu einer Feier im privaten Rahmen.

Ein Pate für den Strohmann

Eine erneute Verlegung des Lindwurms kommt nicht in Frage. „Uns war es immer wichtig, mit der Zeit zu gehen”, so Peter Hintzen. Nun findet das Lazarusgeschehen in etwas abgewandeltem Rahmen statt. Im Anschluss an den karnevalistischen Wortgottesdienst am Rosenmontag, um 11 Uhr, wird der Lazarus auf dem Vorplatz der Feuerwehr der Bevölkerung vorgestellt und von seinem Paten, einem Mitglied der Broicher Formation „Stöchelsbröder”, getauft. „Aber bei uns hat der Lazarus keine 15 lateinischen Namen”, so Hintzen.

Der Name bleibt indes bis Rosenmontag geheim. „Jepreck” wird der „Mann” in diesem Jahr aber noch nicht. „Wir lassen ihn hochleben und ziehen dann mit Musik und Trara ins Vereinslokal”, so Iris Pauli. „Wir wollen das schrittchenweise wieder aufbauen”, so soll im nächsten Jahr weiter an die Tradition angeknüpft werden.

Für die aktuelle Session sehen sich die Broicher nur einer kleinen Problematik gegenüber: Der Mühlenteich, in dem der Strohmann bislang sein „kühles Grab” fand, existiert nicht mehr. „Wir werden dafür bis Rosenmontag eine Lösung finden”, sind sich Iris Pauli und Peter Hintzen sicher.
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