Brandschutz für Windräder: Idee aus Kofferen preisgekrönt

Von: Otto Jonel
Letzte Aktualisierung:
7371416.jpg
Jochen Schäfer: „Es hieß immer: Diese Anlagen brennen nicht.“ Das hat sich als falsch herausgestellt. Der Mann aus Kofferen und Partner haben nun für den Windrad-Brandschutz gesorgt. Foto: imago/teutopress
7362753.jpg
So klein, und doch so wirksam. DIe Ausrüstung, die eine Windkaftgondel vor Brand schützt, passt in einen Foto: Jonel
7362806.jpg
So klein, und doch so wirksam. DIe Ausrüstung, die eine Windkaftgondel vor Brand schützt, passt in einen Foto: Jonel

Kofferen. Windkraftanlagen sind derzeit brandaktuelles Gesprächsthema. „Brand“-aktuell sind die Giganten für Jochen Schäfer aus Kofferen und seinen Partner Sebastian Schönen aus einem ganz speziellen Grund. Die beiden haben jüngst in Nürnberg auf der größten Brandschutzmesse Deutschlands, der Feuer-Trutz, in der Kategorie Förderpreis die Auszeichnung „Brandschutz des Jahres“ erhalten.

Der Titel ihrer Arbeit ist etwas sperrig: „Betrachtung von Windenergieanlagen im Bestand und bei Neubauten im On- und Off-Shore-Bereich aus Sicht des Brandschutzes und der Sicherheitstechnik“. Aber die Schlüsselwörter Windenergieanlagen und Brandschutz sagen, worum es geht. Und das ist eine ganz heikle Sache, wenn Jochen Schäfer so richtig ins Fachsimpeln kommt.

„Brandschutzkonzepte für Windkraftanlagen gibt‘s nicht“, lautet seine verblüffende These. Zwar schreibt z.B. die Landesbauordnung NRW ein Brandschutzkonzept ab einer Höhe von über 30 Metern vor, das sei aber inhaltlich ohne Substanz. „Es hieß immer: Diese Anlage brennen nicht“, schnaubt er verächtlich. Fakt ist: Sie können‘s und sie tun‘s – wie jüngst in Niedersachsen. „Fakt ist: Keine Feuerwehr hat Möglichkeiten, die Anlagen zu löschen – und zur Menschenrettung viel zu spät oder gar nicht.“ Kontrolliertes Abbrennen der Gondel, Verletzte/Tote und Millionenschäden sind die Folge.

Aufgerüttelt durch zwei Todesopfer in den Niederlanden , als bei Wartungsarbeiten in der Gondel ein Brand ausbrach, haben Schäfer und Schönen diese Problematik zu ihrem Thema gemacht. Das Ergebnis klingt weit schlichter, aber nicht weniger aufregend als die Masterthese: „Wir haben jetzt ein brauchbares Brandschutz- und Sicherheitskonzept entwickelt – als Erste überhaupt!“

Die beiden Brandschutzexperten brauchen keine überdimensionalen Wasserpumpen und 200-Meter-Schläuche oder XXL-Feuerlöscher, um im Brandfall dem„roten Hahn“ den Garaus zu machen. Sie rüsten vielmehr die brandpotenziellen Bereiche der Gondel, wie die Schaltschränke, mit einem Aerosol- oder Wassernebelsystem aus.

Sensorgesteuert wird ein kleiner Treibersatz ausgelöst, der einen „Chemiekalien-Cocktail“ freisetzt. Dem Feuer geht buchstäblich der Atem aus, und die Löschaktion ist weder für Mensch noch Maschine oder die Umwelt schädlich. „Das ganze System muss autark von der Feuerwehr sein“, betont Schäfer. Denn an deren Einsatz am Brandherd ist nicht zu denken. Wie angedeutet, endet die Pumpleistung bei einer Höhe von 80 Metern.

Dass ihre Brandschutzidee nicht nur im Computer und auf dem Papier funktioniert, haben Schäfer und Schönen auch empirisch, also im Realversuch bewiesen – in einer echten Gondel. Aber auch im kleineren Rahmen sind die Ergebnisse beeindruckend. In einer Brandkiste entzündet er eine brennbare Flüssigkeit. Nach der Zündung des Aerosol-Trägers – es sieht aus wie ein kleines Bonbondöschen mit Lunte – erlöschen die Flammen unmittelbar in einer Qualmwolke.

Für eine komplette Gondel ist das Aerosolpaket schon etwas größer, passt aber immer noch in einen „Aktenkoffer“. Dass die Ausstattung einer Windkraftanlage mit dem Brandschutz- und Sicherheitssystem à la Schäfer/Schönen rechnet, zeigt der Kostenvergleich. Mit 500 bis 700 Euro liegt das System bei rund 1 Prozent der Investitionssumme einer Windkraftanlage. Ist es erst einmal installiert, empfiehlt Schäfer eine Kontrolle im Jahr. Die erfolgt per Laptop.

Der zweite Aspekt neben dem Brandschutz ist die Sicherheitstechnik. Heute, schildert Schäfer, müssen Verletzte aus eigener Kraft oder mit Hilfe anderer auf das Gondeldach klettern, um sich von dort abzuseilen. Schäfer und Schönen haben den naheliegendsten Weg gewählt und rüsten die Gondel so um, dass das Abseilen aus der Gondel direkt nach unten und zwar auch für Verletzte oder Bewusstlose in schonender Weise vonstatten gehen kann.

Die beiden Systementwickler sind in erster Linie für die Konzeption und Einrichtung ihres Komplettpakets verantwortlich. Für die Hardware und die Technik haben sie sich die Kooperation einer Fachfirma aus Ingolstadt und Hamburg gesichert.

Dass ihr Konzept bei der Feuer-Trutz derartig „einschlagen“ würde, kam für die beiden Tüftler aus der Region überraschend. „Damit haben wir nie gerechnet, zumal da ja große Brandschutzbüros, die 60 oder 80 Mitarbeiter beschäftigen, aufschlagen und sich auch mit ihren Brandschutzkonzepten für diesen Preis bewerben.“

Nach dieser zumindest in Fachkreisen bundesweit beachteten Konzeption sind Schäfer und Schönen nun gespannt, „wie sich die Sache weiterentwickelt“. Der Markt an Windkraftanlagen ist bestückt und wächst – das kann Schäfer beobachten, wenn er aus der Haustür seines Hauses in Kofferen tritt.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert