Boslarer Windkraft-Marathon ohne Entscheidung

Von: Otto Jonel
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Personell stark vertreten war die Bürgerinitiative für Windkraft mit Augenmaß Boslar/Mersch beim Erörterungsmarathon im Boslar Schützenhaus. Foto: Jonel

Boslar. „Schön wäre es, Konsens zu erzielen.“ Der fromme Wunsch von Claudia Schiewe zu Beginn des Sitzungsmarathons im Boslarer Schützenhaus erfüllte sich nicht. Nach rund achtstündiger Erörterung der Einwendungen gegen die geplante Einrichtung des Windparks Boslar deutete nichts auf eine Annäherung der Planer, Investoren, involvierten Behörden, eingeschalteten Gutachter einerseits und der Bürgerinitiative für Windkraft mit Augenmaß Boslar/Mersch hin.

Im Gegenteil, die Bürgerinitiative sah ihre Hauptargumente gegen die Einrichtung de Windparks weder durch die Stellungnahmen einer Vielzahl von Fachämtern noch der eingeladenen Gutachter widerlegt. Im Raum stand nach der Erörterung die von BI-Sprecher Robert Claßen erhobene Forderung, nach einer erneuten Offenlage des Planverfahrens und der Rückstellung des gesamten Windkraftplans Boslar, „bis Gereonsweiler realisiert ist“. Dieses Verfahren befindet sich derzeit noch in einem Frühstadium.

Auf Nachfrage hatte Moderatorin Claudia Schiewe, Sachgebietsleiterin Betrieblicher Umweltschutz beim Kreis Düren, den Anlass zu dieser Erörterung erläutert, die im abgeschlossenen Verfahren um die Windkraftzone Körrenzig-Kofferen-Hottorf nicht erfolgte.

Ohne Einwände keine Erörterung

Eine Erörterung sei vorgeschrieben, sobald im Rahmen des Bundesimmissionsschutzverfahrens (BIMSch) Einwendungen erhoben würden. Das BIMSch-Verfahren sei dabei völlig losgelöst von dem laufenden Planverfahren der Stadt Linnich zur Ausweisung des Flächennutzungsplans (FNP) und des Bebauungsplan (BBP) für den Windpark Boslar. Ohne die Einwendungen der BI wäre die Erörterung nicht anberaumt worden. Sie erfolgt automatisch erst ab einer Größenordnung ab 20 Windkraftanlagen, so Schiewe. Der Kreis werde zudem künftig darauf achten, dass die Erörterung im Rahmen des BIMSch-Verfahrens nicht mehr parallel zum FNP- beziehungsweise BBL-Verfahren der Kommune erfolgt.

Die Stadt Linnich war im Übrigen nicht vertreten bei dieser Erörterung. „Wir haben dazu eingeladen. Hat vielleicht terminlich nicht gepasst“, meinte Claudia Schiewe lapidar. Ein Gemeindevertreter war allerdings vor Ort: Christian Canzler, Beigeordneter der Gemeinde Titz. Die Landgemeinde hatte gegen die Einrichtung des Windparks eine Stellungnahme abgegeben, in der sie das Vorhaben als Eingriff in das Landschaftsbild bezeichnete.

Die Kritikpunkte der BI waren vielfältig und nicht allein auf die Windkraftanlagen bezogen. „Wenn das Planungsbüro für die Stadt gleichzeitig die Umweltverträglichkeitsstudie verfasst, ist das ein klarer Interessenkonflikt“, sagte Robert Claßen mit Blick auf das Büro von der Heide (VDH).

Keinen Konsens erzielten Einwender und Behörden, in diesem Fall die Bezirksregierung Düsseldorf, bei der Einschätzung des Flugplatzes für Ultraleichtflugzeuge in Nachbarschaft zu den geplanten Windrädern. Während für die BI ein eindeutiges Ausschlusskriterium von Windkraftanlagen, ist die Koexistenz von UL-Flugbetrieb und Windkraftanlagen nach Behördenansicht unter der Voraussetzung veränderter Routen bei Start- und Landeanflug möglich. Gegen diese neuen Routen hatte der Ultraleichtclub Linnich als Betreiber des „Sonderlandeplatzes“ keine Einwände erhoben.

Bei der Bewertung der Beeinträchtigung von Bodendenkmälern und Denkmälern durch Windkraftanlagen bemängelte die die BI eine eklatante Fehleinschätzung. „Das Gutachten ist für uns nicht akzeptabel“, forderte Claßen eine komplette Neuerstellung. Kritisiert wurde ausdrücklich, „dass Bodendenkmäler in der Umweltverträglichkeitsstudie nicht untersucht“ wurden.

Eines der Hauptargumente der Einwender gegen den Bau der Windkraftanlagen betrifft den Bereich Landschafts-, Natur- und Artenschutz. Claßen: „Allein der Landschaftsschutz ist geeignet, Boslar als Tabuzone für Windkraftanklagen auszuweisen.“ So lehnte die BI eine Beurteilung des Landschaftsbildes nach dem „veralteten“ Nohl-Verfahren ab. Claudia Schiewe dazu: „Es ist zu prüfen, ob wir mit anderen Verfahren zu anderen Ergebnissen kommen.“ Gänzlich in Ungnade fiel das Artenschutzgutachten, das nach Ansicht der BI, gestützt auf die Einschätzung des von ihr beauftragten Biologen Michael Straube, eklatante Lücken aufweise in Bezug auf Vorhandensein von Tierarten, die durch den Betrieb der Windkraftanlagen betroffen wären.

Aufgegriffen wurden im Rahmen der Erörterung unter anderm die mehrfach geäußerten Bedenken der Initiative an gutachterlichen Einschätzung im Bereich Immission und Schattenwurf, der Negierung von Einwirkungen von Infraschall und der Bewertung des Umgebungslärms.

Klärungsbedarf wird aufgegriffen

„Wir werden die klärungsbedürftigen Sachverhalte aufgreifen“, sagte Claudia Schiewe zum Abschluss des Erörterungstages zu. Die Einwendungen würden in das Genehmigungsverfahren einfließen. Völlig offen sei, ob noch „zusätzliche Gutachter ins Boot geholt werden“. Generell sei nun aber der Ablauf des FNP- und BBL-Verfahrens der Stadt abzuwarten, über das letztlich der Kreis als Genehmigungsbehörde zu entscheiden habe.

Die Forderung der BI, das gesamte Verfahren neu aufzurollen, dämpfte Claudia Schiewe: „Bei gravierenden Änderungen wäre eine erneute Offenlage notwendig.“

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