Jülich - Blick ins Gedächtnis des Forschungszentrums

Blick ins Gedächtnis des Forschungszentrums

Von: Volker Uerlings
Letzte Aktualisierung:
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Professor Bernd-A. Rusinek mit dem Gästebuch des Forschungszentrums: Bundeskanzler besuchten Jülich, Bundespräsidenten oder auch der Schah von Persien. Foto: Uerlings

Jülich. Die „Akte 1000“ ist das älteste Dokument im Archiv des Forschungszentrums. Das hat Bernd-A. Rusinek im Kopf, auch den groben Inhalt: „internationaler Kongress über Urananreicherung“. Der Historiker (62) ist quasi das wandelnde Gedächtnis der Einrichtung.

 „Ich mache hier das Archiv und habe wirklich viel ,gegraben‘.“ Er hat nämlich mit einem Team eine sehenswerte Ausstellung zum 60. Geburtstag zusammengetragen, die am „Tag der Neugier“ am Sonntag (10 bis 17 Uhr) ein Baustein des vielfältigen Programms auf dem Campus ist, der nach drei Jahren abermals seine Pforten öffnet. Die gezielte Sichtung der Akten wurde zu einem Ritt durch die Geschichte, die Professor Rusinek auch mit dem Antrieb konfrontierte, eine „Atomforschungsanlage“ zu gründen: der wachsende Energiebedarf in der Wirtschaftswunderzeit.

„Es gab eine regelrechte Atomeuphorie. Man dachte wirklich, dass bald in jeder Stadt so ein Kraftwerk stehen würde und hatte schon Standorte im Auge. Es war auch eine Tempo-Ideologie: Man wollte den Rückstand aufholen“, beschreibt Rusinek die Stimmung im Nachkriegsdeutschland, die die Gründung der Kernforschungsanlage Jülich mit dem Beschluss des Landtages im Dezember 1956 zur Folge hatte.

Der Historiker weiß eine Menge zu berichten und teilt sein Wissen. Er bietet am 5. Juni Führungen durch die Ausstellung in der Zentralbibliothek an, die aus 25 großformatigen Schautafeln und zwei Bildschirmen besteht. Außerdem werden auf einer Bühne im Foyer Fotografien aus 60 Jahren gezeigt.

Rusinek bringt die Schau auf einen kurzen Nenner: „Menschen und Highlights“. Sechs Jahrzehnte von der KFA zum FZJ wurden vom Archivar und seinem Team in sechs Phasen eingeteilt. Nach der Gründungszeit in Gummistiefeln sowie dem Bau der ersten Reaktoren (Merlin und Dido) bis 1966 folgte die Zeit der Meiler im Betrieb.

Schon in den 70er Jahren habe das Zentrum auf gesellschaftliche Entwicklungen reagiert und sich der Vielfalt und Offenheit zugewandt. Die 80er Jahre im Stetternicher Forst beschreibt der Historiker als Phase der „Systeme“: „Man beginnt, in Wechselwirkungen zu denken.“ Der Begriff „Vernetzung“ taucht auf. „Das Supercomputing“, was nichts anderes ist als eine Vernetzung leistungsstarker Rechner, wurde „vorgedacht“.

In den 90er Jahren wird der Paradigmenwechsel im Forschungszentrum offenkundig: Materie, Energie, Leben, Erde/Umwelt rücken in den Fokus. Die sechste Phase seit 2006 steht nach Bernd Rusineks Einteilung im Zeichen der großen Zukunftsaufgaben: der Energiewende und des demgraphischen Wandels mit all seinen Facetten.

In den sechs Jahrzehnten hat der Historiker zwei „Visionäre“ im Forschungszentrum ausgemacht: Leo Brandt, den ersten Leiter, und Rudolf Schulten, die charismatisch und/oder im festen Glauben an Ideen in Jülich gewirkt haben. Bei Rudolf Schulten war es der Glaube an den Hochtemperaturreaktor.

Bernd Rusinek hat bei seinen „Ausgrabungen“ im Vorstandsarchivs des Forschungszentrum nicht nur verstaubte Akten ans Tageslicht geholt oder das Gästebuch mit Eintragungen nationaler und internationaler Prominenz. Er hat auch Kuriositäten gefunden. Die Forschung an und mit Algen war und ist in Jülich in allen Phasen von großer Bedeutung gewesen.

Die Vielfalt der Forschungsansätze hat ihn verblüfft: „Algen schlabbern Uran auf – früher wollte man aus ihnen Uran gewinnen.“ Nach 1989 wurde untersucht, wie mit ihnen die zerstörte Umwelt gereinigt werden könnte. Aktuell spielen Algen eine tragende Rolle, um nachhaltige Treibstoffe zu entwickeln oder Menschen zu ernähren. Und so ein Algenteppich entspricht ja so ziemlich allem, was im Forschungszentrum wichtig ist: Er ist gleichermaßen Großgerät und Vernetzung.

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