„Besuch der alten Dame” ist Höhepunkt des Theaterfestivals

Von: ptj
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Der Anfang vom Ende: Alfred wi
Der Anfang vom Ende: Alfred will abreisen, doch die Kleinstadtbewohner halten ihn davon ab. Foto: Jagodzinska

Jülich. Mit dem „Besuch der alten Dame” von Friedrich Dürrenmatt endete das viel beklatschte Theaterfestival der 12er Literaturkurse des Gymnasiums Zitadelle tiefsinnig/skurril.

Die letzten 50 der insgesamt 150 Akteure vor und hinter den Kulissen hatten ein zweites Stück zur Auswahl gehabt: „Zum Teufel mit der Vernunft”. Allerdings siegte die alte Dame gegen den Teufel, denn ersteres „fanden wir deutlich spannender”. Literaturkursleiter Pedro Obiera hätte die Dürrenmatt-Umsetzung „gerne noch schwärzer gehabt, musste aber Kompromisse machen”. Auf Schülerwunsch war die tragische Komödie aus der Zeit des Kalten Krieges mit Gags durchsetzt, die dem Publikum in der vollbesetzten Stadthalle sehr gefielen - gemessen an Zwischenapplaus und Lachern.

Gelungen war bereits der ungewöhnliche Einstieg der Aufführung: Die Vorgeschichte der Handlung, die Wurzel des Dramas, wurde auf Leinwand eingespielt. Zitadellenschüler zeigten vor der historischen Kulisse ihrer Schule, was sich 1910 in der fiktiven Kleinstadt mit dem plastischen Namen „Güllen” ereignet hatte: Klärchen Wäscher (Mara Galinski) und Alfred Ill (Kai Souschek) verlieben sich.

Ihre Liaison bleibt nicht ohne Folgen: Klärchen wird schwanger und wird mit Schimpf und Schande aus der Stadt gejagt, weil Alfred sich seiner Verantwortung entzieht. Was der Zuschauer erst im Laufe der Handlung erfährt: Die gemeinsame Tochter wird ihr weggenommen und landet im Bordell. Dort trifft sie auf einen milliardenschweren Magnaten, der sie durch Heirat zu einer der reichsten Frauen der Welt macht. Zeitgleich mit Güllens wirtschaftlichem Ruin wird aus Klärchen die Milliardärin Claire Zachanassian, die von Rachegelüsten getrieben ihrer Heimatstadt einen Besuch abstattet - mit einem Sarg und einem schwarzen Panther im Gepäck.

Mara Galinskis Leistung war herausragend. Ohne mit der Wimper zu zucken oder Textunsicherheiten zu zeigen, verkörperte sie durchgehend die verbiesterte alte Dame mit ihrer lauten monotonen Stimme. Von dem einen Gedanken getrieben, den „verkrachten Krämer” Alfred tot zu sehen, verspricht sie der Stadt eine Milliarde. Die Bürgermeisterin (Sandra Krause) lehnt das Angebot „im Namen der Menschlichkeit” ab, doch Alfred fühlt sein nahes Ende: „Die Stadt macht Schulden, der Wohlstand steigt”, und damit die Notwendigkeit, ihn zu töten.

Eine wichtige Parallele stellt auch der schwarze Panther (Julia Paschke) dar, der Alfred symbolisiert. Denn Claire nannte ihn früher „schwarzer Panther”. Das furchteinflößende Tier wird von der Kleinstadtbevölkerung gejagt und getötet. Die moralische Stärke der Bürger Güllens bröckelt fühlbar. Auch beim Pfarrer (Niklas Müller), der zunächst mit theologischen Phrasen ablenkt, ihm dann doch zur Flucht rät, findet Alfred keine Hilfe. Als er abreisen will, hält ihn die gesamte Bürgerschaft davon ab. Die Güllener können dem lukrativen Angebot nicht widerstehen. Sie töten Alfred, „aber nicht wegen des Geldes, sondern wegen der Gerechtigkeit” und lassen sich vom Geld betören.

Einige sehr gute Ideen würzten das ohnehin souveräne Spiel der Akteure. So traten „Koby und Loby” aus Claires Gefolge mit Kissen ausgepolstert und händchenhaltend auf die Bühne und sprachen mit Eunuchenstimmen. Sie hatten damals falsch gegen Claire ausgesagt und waren zur Strafe „kastriert und geblendet” worden.

Wie einst Alfred Hitchcock in seinen Filmen, spielte auch Regisseur Pedro Obiera eine kleine Nebenrolle als „dicke Überraschung”. Er stellte überdreht den Tod Alfreds fest und verdiente dafür wie alle anderen Akteure einen Riesenapplaus. Ein gelungenes Theaterfestival, deren Akteure den Mut hatten, große Schriftsteller auf der Bühne zu interpretieren, und dabei zeitweise über sich selbst hinausgewachsen sind.
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