Autor Dietmar Krug und die dörflich-katholische Welt der 60er

Von: ptj
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Autor Dietmar Krug befreit sich in seinem Roman „Risspuren“ von einengenden Kindheitserinnerungen an ein katholisches Dorf im Jülicher Land. Foto: Jagodzinska

Barmen. Mit seiner Lesereise zum „Overbacher Special“ tauchte der aus Wien angereiste Autor Dietmar Krug gleichzeitig in die Vergangenheit ein. Neun Jahre lang hat er das Gymnasium Haus Overbach besucht und dort 1983 sein Abitur abgelegt.

So hat die Schule in seinem Roman „Rissspuren“ auch Spuren hinterlassen. Deshalb sprach Krug vor der eigentlichen Lesung vor dem Publikum einige erklärende Worte. So hat er etwa den ehemaligen Direktor Erwin Hoffmann „genauso zwiespältig in Erinnerung wie die Schule selbst“. Dem Philosophie-Kurs des „autoritären“ Schulleiters verdanke er aber viel. Unter anderem wurde er „geimpft gegen den Allmachtsanspruch der Naturwissenschaften, im weitesten Sinne auch gegen den Materialismus“. Krug studierte im Anschluss Philosophie.

Seine Lesepassagen standen in Verbindung „mit Schule und mit Katholizismus, wofür diese Schule steht“. Protagonist seines Romans ist Burkhard Van der Waiden, der in einem vermeintlich idyllischen katholischen Dorf lebt, das Krug im anschließenden Austausch mit dem Publikum aber als „eng und bedrückend“ beschrieb. Burkhard ist Messdiener, der „zum großen Hoffnungsträger des Dorfpfarrers avanciert“. In perfektem Sprachaufbau beschreibt Krug einfühlsam die Themenbereiche Angst, Tod, das Dorf, einen als befreiend empfundenen Sommertag oder Sex, ein Thema, das gleich in zwei Kapiteln aufgegriffen wird.

Pater Hohwald etwa bezeichnet Darwins Evolutionstheorie im Religionsunterricht als „ungeheuerliche Blasphemie“. Pater Spelthahn schlägt seinem Schulkollegen Günther sogar „völlig überraschend ins Gesicht“. Eine große Belastung ist die Tatsache, dass seine Mutter ihre Rolle im Grunde ablehnt. So hat Burkhards „Eintritt in die Welt seiner Mutter eine schwere Verletzung zugefügt, sie trug eine Narbe davon“.

Ihren Körper hat der Junge nie berührt, also betreibt er in pubertierender Neugier „kindlichen Voyeurismus“ bei seiner Großmutter. Sein Vater ertränkt seinen Kummer im Alkohol, die elterliche Ehe scheitert. Lichtblicke sind die gemeinsame Fantasiewelt mit dem Nachbarjungen Matthias oder ein frühreifes Mädchen, das das Blut des unaufgeklärten Jungen in Wallung bringt. Und allmählich tastet sich Burkhard heraus aus der Bedrückung durch Eltern, Kirche und Dorfgemeinschaft.

„Warum haben Sie das Buch geschrieben?“, lautete die erste Frage aus dem Publikum. Der Tod seines Vaters habe bei Krug „einen Reflektionsprozess über die dörfliche katholische Welt in den 1960er und 70er Jahren in Gang gesetzt, eine enge, raue Welt. Wenn man etwas in Sprache fasst und dabei eine gewisse Fairness aufbringt, wird der Blick auf die eigene Vergangenheit ein anderer“, sagte der Autor.

„Sie haben sich befreit, Dinge verarbeitet, Sie merken, dass die Risse noch nicht verklebt sind“, stieg das Publikum gleich in die Interpretation mit ein. Eine Zuhörerin bezeichnete den Roman gar als „Offenbarung“, das schönste Kompliment für Krug. Dieser hatte sich „beim Schreiben keine Gedanken darüber gemacht, welchen Markt er bedienen will“ und bestätigte den Befreiungsgedanken des Publikums als „große Chance“.

Auf die abschließend persönlich gestellte Frage, ob sein Roman autobiografisch sei, antwortete Krug allerdings ausweichend: „Um die Antwort drücke ich mich gerne herum.“

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