Ausstellung: So lebten die Menschen um 1900 in Rödingen

Von: ptj
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Hans-Bert Cremer demonstriert den Stab des einstigen Kirchenschweizers, mit dem dieser während der Messe für Ruhe und Ordnung sorgte. Foto: Jagodzinska
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Schlafzimmer mit Bad und Toilette im alten Rödingen.

Rödingen. Die „Alte Weberei“ in Rödingen hat sich in den letzten 30 Jahren als Galerie für Kunstobjekte einen Namen gemacht. Bei der aktuellen Ausstellung erleben Besucher das Ambiente unter dem Titel „Leben und Arbeiten im alten Rödingen“ einmal im historischen Kontext.

Der veranstaltende Rödinger Historettenverein begann mit der Planung bereits vor einem Jahr. Beim Zusammentragen der Exponate, besonders durch Hans-Bert Cremer und Franz Felix Schüller, zeigten sich aber so viele Ortsbewohner spendabel oder stellten seltene Stücke als (Dauer)Leihgabe zur Verfügung, dass die Mitglieder beschlossen, diese „nicht irgendwo im Dunkeln stehen zu lassen“. So wird entgegen des ursprünglichen Konzepts nicht nur das Alltagsleben um 1900 skizziert, sondern sowohl im Zeitrahmen als auch thematisch der Rahmen gesprengt.

Das älteste Exponat ist ein kunstvoll verzierter, metallener Pferdemaulkorb aus dem 18. Jahrhundert. Zeitübergreifend werden beispielsweise drei Generationen von Kochstellen gezeigt. Weitere erwähnenswerte Stücke sind ein Reff (eine Spezialsense für die Getreideernte), multifunktionsfähige „Rheinische Hundspflüge“ oder heute verbotene Beerenpflücker.

Der Besucher darf also in die Rödinger Geschichte abtauchen, die in der anschaulich dargestellten Ausstellung mit viel Bild- und Textmaterial in vier Großbereiche unterteilt ist: Küche und Haushalt, Handwerk und Handel, Landwirtschaft, Leben und Tod. In letzteren Bereich fallen etwa auch Apotheke, Kirche, Kirmes, Krankenhaus und Schule. Abgedeckt ist also der gesamte menschliche Lebenslauf, von der Babywaage aus dem ehemaligen Rödinger Krankenhaus, auf der Schüller noch als Baby lag, bis hin zur Totenleuchte.

Für den Betrachter ergibt sich ein kompaktes Bild, wie Menschen um 1900 in Rödingen gelebt haben: Die Großfamilie war meist auf sich gestellt, sie lebte von Selbstversorgung und Tausch und war gleichzeitig Produktionsgemeinschaft und soziales Netz. Es gab keine Sozialversicherung, krankenversichert waren nur fest angestellte Arbeiter bei der Amelner Zuckerfabrik oder bei „Lederwaren Kauff“ in Rödingen. Eine Rente gab es für ehemals Erwerbstätige ab dem 70. Lebensjahr, für Landwirte aber erst ab 1957. Über elektrischen Strom verfügte Rödingen erst ab 1911.

So hatten mehr als 80 Prozent der Bevölkerung selbst ein kleines Stück Land, auf dem alles angebaut wurde, was man das Jahr über brauchte, und einige leicht aufzuziehende Nutztiere. „Am Praktischsten waren hier übrigens die Ziegen, die am Wegrand angepflockt wurden, um sie dort fressen zu lassen, denn die damals breiten Wegränder wurden an kleine Leute verpachtet“, weiß Michaela Schuh. Damit entflohene Ziegen ihrem Besitzer wieder zugeführt werden konnten, wurden sie gebrandmarkt. In diesem Zusammenhang präsentiert sie ein Ziegenbrenneisen.

Die Männer waren auf dem Feld, die Frauen in der Küche? „Nein, so einfach ist das nicht“, betont Schuh. „Die Arbeit wurde Hand in Hand getan, oft genug mussten die Frauen auch die Männer ersetzen.“ Beim immens wichtigen Haltbarmachen von Lebensmitteln halfen auch die Männer mit. Kindererziehung bedeutete damals das Vermitteln althergebrachter Regeln von Anstand und Moral und das Heranführen an die Arbeit.

Auf Wunsch erläutern Vereinsmitglieder gerne Exponate, führen durch die Ausstellung und haben kleine Handwerksdemonstration wie Gerstenrösten und das Aufbrühen von Gerstenkaffee oder Buttermachen geplant. Authentische Nahrungsmittel runden die Schau ab. Dazu zählen ehemalige Kartoffelsorten wie „Hörnchen“ oder die nussig schmeckende „Rheinische Blaumölle“, die sich beim Kochen blau verfärbt und heute als Delikatesse gilt.

„Wir haben selber so viel dazugelernt, die Ausstellung hat sich auf jeden Fall gelohnt, egal, wie sie angenommen wird“, resümiert Franz Felix Schüller.

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