Jülich - Ausstellung des Kunstvereins mit reichlich Federvieh

Ausstellung des Kunstvereins mit reichlich Federvieh

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Jülich. „Eine deutsche Romantik“ heißt die Ausstellung von Marcus Günther im Jülicher Hexenturm und wirklich, wenn man sich bei Mondschein vom Walramplatz her dem Tore nähert, dann mag es scheinen, dass Uhus in den Nischen hocken und Fledermäuse aus den Schießscharten steigen. Der Besucher hingegen mag irritiert sein.

Überall Federvieh an den Wänden. Und das sind nicht die Gänse des Kapitols, keine Eulen von Athen oder die Kraniche des Ibikus, nein, schlichtes Federvieh aus der Nutztierhaltung. Ob artgerecht, ist den Bildern nicht zu entnehmen, aber man sieht sie schon am Spieße drehen.

Seit das Moorhuhnschießen über unsere Rechner flimmerte, gelten diese Tiere nicht als übermäßig intelligent, doch ihre große Zahl in der Ausstellung macht sie demokratisch relevant – Stimmvieh. Der 1967 in Solingen geborenen Marcus Günther hat da wohl noch ein Hühnchen zu rupfen. Die deutsche Romantik steht einerseits für die Befreiung von der napoleonischen Fremdherrschaft, auch durch Partisanen wie die Lützowschen Jäger. Diese trugen mangels Uniform schwarz gefärbtes Zivil mit roter Paspelierung und goldenen Knöpfen, und zeitgleich entstehen die ersten Salons und mit ihnen beginnt die Emanzipation der Frauen und der Juden. Eine seltsame Liaison? 150 Jahre später findet sich diese Melange aufs Neue – als schwarze Bürgerrechtler und women‘s lib in den USA.

Günthers Malerei nimmt einen Stil auf, der in den 70er und 80er Jahren als kritischer Realismus bekannt wurde und über Grosz und Dix, Daumier und Goya tief in die Kunstgeschichte zurückführt. Doch es gibt auch die Romantik als Realitätsflucht, die verklärt auf Burgruine und Erlösungsgestalten blickt. Günther malt sie als Karikaturen des postmodernen Esoterikbooms. Do it heißt die Zauberformel unbegrenzter Wunscherfüllung. Tu es einfach, das aufmunternde anything goes und der Goldhamster als Guru hilft einem Adepten fernöstlicher Erlösungslehren beim letzten Vollzug der Entleibung. Trachtenmädels bringen im finsteren Wald im Angesicht einer erleuchteten oder auch nur beleuchteten Klause ein Hosianna dar, die Weitsicht zeigt sich bei geschlossenen Augen. Die Summe all dessen findet sich im Environment Wappeninstallation. Es ist gleichsam eine touch screen unserer geistigen Schubladen, mittels derer wir uns durch eine längst nicht mehr erfassbare Realität hindurchhangeln. Piktografische Gemeinplätze, Module für Sinn- und Wertebaukästen – do it yourself.

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