Außergewöhnliche OP: Knochen eines Toten in Linnich verpflanzt

Von: Otto Jonel
Letzte Aktualisierung:
11235162.jpg
Zum zweite Mal hat Chefarzt Dr. Arjan Mullahi im Linnicher St.-Josef-Krankenhaus erfolgreich Spenderknochen verwendet, um einen Oberschenkelbruch um eine Hüftgelenksprothese herum (Röntgenaufnahme im Hintergrund) zu stabilisieren. Foto: Jonel

Linnich. „Ich habe keine Beschwerden; ich kann auftreten, aber noch nicht belasten. Das kommt nächste Woche.“ Der munteren 61-jährigen Patientin im Linnicher St.-Josef-Krankenhaus merkt man nicht an, dass sie sich erst vor anderthalb Wochen einer außergewöhnlichen Operation unterziehen musste.

Um ihren gebrochenen Oberschenkel zu stabilisieren, verwendete Dr. Arjan Mullahi, Chefarzt der Orthopädie im Linnicher Krankenhaus, den Oberschenkelknochen eines Toten.

Organbänke sind jedem ein Begriff. Aber Knochenbank? Tatsächlich gibt es auch die, und sie haben ihre Berechtigung. Eigenknochenentnahmen, um Schäden am eigenen Skelett zu reparieren, sind allein vom Massenumfang begrenzt.

Im vorliegenden Fall standen Arzt und Patientin vor einer ernsten Wahl: „Wir hatten die Alternative: Entweder den Oberschenkelknochen entfernen und durch eine lange Prothese ersetzen, oder eine Knochentransplantation vornehmen.“

Eine besondere Ausgangslage

Die Ausgangslage war eine besondere. Die Patientin hatte ein künstliches Hüftgelenk erhalten, dessen Schaft im Oberschenkelknochen verankert wird. Bei einem Sturz zog sie sich einen Oberschenkelbruch zu. Sie erhielt nun eine Prothese mit längerem Schaft – und stürzte ein zweites Mal mit erneutem Bruch des Oberschenkels. Die Stabilisierung von Knochen und Schaft durch Metallplatten versagte letztlich, was sich auf die angesprochene Alternative zuspitzte.

Nach Absprache mit der Patientin – „Mir war ein bisschen mulmig. Aber es war für mich auch die letzte Möglichkeit“ – bereitete Dr. Mullahi die Operation vor. „Man misst die ganze Länge und bestellt bei der Knochenbank einen Oberschenkelknochen“, schildert der erfahrene Chirurg. Das Transplantat aus Brüssel traf am Tag vor der Operation eisgekühlt in Linnich ein.

Tatsächlich wurde dieser Knochen nicht „in einem Stück“ verarbeitet. Vielmehr wurden aus dem Spenderknochen drei Längsleisten geschnitten. Diese Leisten wurden wie eine Schale um den Oberschenkelknochen der Patientin geschmiegt. „Etwa 60 bis knapp 70 Prozent des alten Knochens werden mit dem Ersatzknochen abgedeckt“, erklärt Dr. Mullahi.

Auch die Köpfe des Spenderknochens wurden verwendet. Sie sind etwas „weicher“ und wurden in zerkleinertem Zustand wie „Kitt“ zwischen den Knochenleisten und dem Patientenknochen eingebracht. Fixiert wurden die Knochenleisten mit Metalldrähten, die dem ummantelten Knochen Stabilität verleihen. Rund fünf Stunden dauerte diese Operation.

Das Verfahren hat, so Dr. Mullahi, einen nicht unerheblichen Vorteil: „Es kann jetzt wieder eine Prothese mit einem kürzeren Schaft eingebaut werden. Sollte diese entfernt werden müssen, ist das unter geringerem Knochenverlust möglich.“

Im Laufe des Heilungsprozesses vollzieht sich ein kleines Wunder. „Nach einigen Jahren sind Originalknochen und Spenderknochen eins.“ Aus Sicht des Operateurs bietet dieses Verfahren unschätzbare Vorteile: „Der Patient ist beschwerdefrei, er hat einen Knochen, und die Muskeln haben Anschluss.“ Letzteres ist bei der Prothese als Knochenersatz nicht möglich.

Rückgewinn an Lebensqualität

Wenn der Heilungsprozess gut verläuft und die Rehamaßnahmen erfolgreich abgewickelt werden, gewinnt der Patient seine Lebensqualität zurück. „Das ist fast so, als ob da nichts gewesen wäre.“

Natürlich unterliegt das Spendermaterial strengen Kriterien, um das Übertragungsrisiko von Krankheiten so gering wie möglich zu halten. Ebenso selbstverständlich ist eine sorgsame Aufbereitung und Lagerung des Spenderknochenmaterials. Gleichwohl ist nicht jegliches Risiko auszuschließen. Der menschliche Körper heißt nicht jedes Implantat „willkommen“. Die Abstoßung eines Knochens kann nie völlig ausgeschlossen werden – ebenso wie bei der Transplantation von Organen.

Die „biologische Reparatur“ hat ihren Preis. Rund 3000 Euro kostet ein Oberschenkelknochen. Ein Stück weit auch der Preis für ein Mehr an Lebensqualität.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert