Linnich/Köln/Berlin - Aus Körrenzig in den Deutschen Ethikrat

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Aus Körrenzig in den Deutschen Ethikrat

Von: Guido Jansen
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Prof. Dr. Wolfram Höfling aus Körrenzig ist seit 2012 Mitglied im Deutschen Ethikrat. Foto: Guido Jansen
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Katrin Amunts vom Forschungszentrum Jülich ist die neue stellvertretende Vorsitzende des Ethikrates. Foto: Deutscher Ethikrat, Reiner Zensen

Linnich/Köln/Berlin. In Körrenzig ist Wolfram Höfling (61) Familienvater und Fußballspieler in der Altherren-Mannschaft des SSV. In Köln steht Prof. Dr. auf dem Schild an seiner Bürotür. Höfling ist Jurist und Direktor des Instituts für Staatsrecht der Universität zu Köln und Leiter der Forschungsstelle für das Recht des Gesundheitswesens. Unter anderem.

Ein langer Titel, der eine Art Eintrittskarte ist in ein Gremium, das so etwas ist wie das Gewissen der großen Politik in vielen moralischen Fragen. Zweimal im Monat ist Höfling deswegen in Berlin, weil ihn der Bundestag dazu berufen hat. Der Mann aus Körrenzig ist eines von 26 Mitgliedern des Deutschen Ethikrates. Im April ist Höfling erneut in den Rat berufen worden für eine zweite und letzte Amtszeit von vier Jahren. Im Ethikrat werden die ganz grundlegenden Themen besprochen. Leben, Sterben, Menschenwürde, Stammzellenforschung, Organtransplantation.

Was der Ethikrat macht, wurde beispielsweise vor vier Jahren deutlich, als das Gremium eine Stellungnahme zum Thema Beschneidung minderjähriger Jungen aus religiösen und weltanschaulichen Gründen abgegeben hat. Die Diskussion war hochgekocht, nachdem das Kölner Landgericht die Beschneidung als Körperverletzung eingestuft hatte, was einen Aufschrei zur Folge hatte bei vielen Juden und Muslimen in Deutschland.

„Unsere Empfehlungen sind weitgehend in das Gesetz übernommen worden“, sagt Höfling, der direkt zu Beginn seiner Ratszugehörigkeit als einer der Referenten an der Stellungnahme mitgewirkt hat. „Wir haben das sehr kontrovers diskutiert“, erinnert sich Höfling. Der Ethikrat hatte anschließend unter anderem empfohlen, dass die Eltern vor einer Beschneidung über die medizinischen Aspekte aufgeklärt werden müssen, dass eine Schmerzbehandlung stattfinden und dass der Eingriff von einem Arzt durchgeführt werden muss.

Normalerweise äußert sich der Ethikrat nicht so schnell wie 2012 in der sogenannten Ad-hoc-Empfehlung. Große Themen werden monate- oder jahrelang diskutiert. Die Bundesregierung kann dem Rat Themen geben. „Wie wir dann über das Thema diskutieren und welche Stellungnahmen wir abgeben – da sind wir völlig frei“, erklärt Höfling. Meistens sucht der Ethikrat sich seine Themen ohnehin selbst. In der vergangenen Woche haben die 26 Mitglieder an ihrem neuen Programm gearbeitet.

„Big data“ heißt eines der großen Themen – also die große Datenmenge, die beispielsweise Krankenkassen über ihren Kunden sammeln. Wo liegen die Vorteile und wo die Nachteile darin, dass immer mehr Daten rund um die Gesundheit des Einzelnen gesammelt werden, zum Beispiel über Fitness-Programme auf dem Mobiltelefon? Führen diese neuen Daten zu einer bevorzugten oder im Umkehrschluss weniger guten Behandlung bei Krankenkassen?

Aus Höflings Sicht ist der Rat auch eine Art Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Forschung auf der einen und der Gesellschaft auf der anderen Seite. „Als Jurist bin ich dazu verurteilt, Entscheidungen zu treffen. Die Tätigkeit im Rat ist da so etwas wie eine Rückbindung an die Realität.“ Sie erinnere daran, dass es bei vielen medizinischen Themen nicht nur eine fachliche und rechtliche Ebene gebe, sondern auch eine emotionale, persönliche mit vielen Einzelschicksalen. Zum Beispiel bei einem der großen Dauerthemen der vergangenen Jahre, der Organtransplantation.

„Im Gesetz ist nicht geregelt, wie Organe verteilt werden sollen“, sagt Höfling. „Nach Erfolgsaussicht oder Dringlichkeit? Ist die Dringlichkeit hoch, dann kann es sein, dass die Erfolgsaussicht gering ist.“ Und wer habe das Recht, festzulegen, ob ein Alkoholiker, der seine Leber ruiniert hat, ein dringender Fall ist oder eben nicht?

Die fehlende Transparenz bei der Verteilung der Organe hat den Rat lange beschäftigt. „Die Bundesärztekammer entscheidet und nicht der Gesetzgeber. Das ist ein privatrechtlicher Verein. In ein solches System ohne hinreichende öffentliche Kontrolle kann es kein Vertrauen geben“, schildert der 61-Jährige.

Höfling schätzt den Gegensatz zwischen der Arbeit in Köln, den großen Themen in Berlin und der Heimat Körrenzig. „Für mich ist Körrenzig eine Art Gegenwelt“, sagt er.

Hier ist seine Heimat, ein Gegenpol, der ihn erdet. „Ich bin durch und durch linksrheinisch geprägt“, betont er. Aufgewachsen in Geilenkirchen, der Vater war Lehrer in Immendorf. An der Uni Bonn hat er Rechtswissenschaft, Politikwissenschaft und Ägyptologie studiert. Es folgten die Promotion in Köln, Rufe als Professor nach Heidelberg und Gießen.

Als er 1998 den Ruf an die Uni Köln erhielt, sprachen sich seine Kinder dafür aus, in Körrenzig zu bleiben. „Wir haben hier richtig Wurzeln geschlagen“, sagt er. Fußball ist eine Leidenschaft. „Früher habe ich im Mittelfeld gespielt“, erzählt Höfling. „Aber heute, in den Alten Herren, da spielt jeder alles.“ Außerdem ist er der stellvertretende Vorsitzende des Vereins „Rettet die Alte Kirche Körrenzig“.

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