Aus Flüchtlingen sind Nachbarn geworden

Von: Guido Jansen
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Ist nicht zur Problemzone geworden: Das Hotel „Alte Post“ in der Jülicher Innenstadt ist seit Anfang 2015 die Unterkunft von rund 70 Flüchtlingen. Bei einer Umfrage im Umfeld ist der Redaktion keine Beschwerde zu Ohren gekommen. Foto: Guido Jansen

Jülich. Das Hotel „Alte Post“ in Jülich war die erste große Flüchtlingsunterkunft im Jülicher Land. Ende 2014 hat die Stadt Jülich sie eingerichtet, noch bevor die Notunterkünfte in der alten Polizeischule Linnich und auf der Merscher Höhe entstanden sind.

Jülich mietete das ehemalige Hotel für 84.000 Euro pro Jahr an und schaffte so Platz für über 70 Menschen. Als die Pläne für die „Alte Post“ bekannt wurden, war vor allen in den Sozialen Netzwerken im Internet ein Aufschrei zu hören von bis heute in Jülich nicht mehr erlebter Lautstärke. Von bezahltem Urlaub mit Vollpension für die Flüchtlinge war die Rede, von einem Herunterkommen der Nachbarschaft und einem drastischen Anstieg der Kriminalität.

20 Monate später: Wolfgang Hommel von der Buchhandlung Fischer, die unmittelbar neben der Unterkunft ist, erzählt, dass sich etwas verändert hat. „Wir riechen hin und wieder mal den Duft von Essen, das wir nicht kennen. Aber das ist eher spannend, als dass es ein Problem ist.“ Klagen aus der Kundschaft oder aus eigener Anschauung – Fehlanzeige.

Am Anfang habe es ein paar Dinge aus der Kategorie ‚Das macht man hier nicht‘ gegeben. „Einige der Flüchtlinge kannten vorher offenbar einen anderen Tagesrhythmus. Sie waren wohl gewohnt, dass man abends zusammenkommt und Musik hört“, schildert Hommel die erste Zeit. Darüber sei geredet worden, dann sei die Sache erledigt gewesen. Und deshalb spricht Hommel von einer guten Nachbarschaft von Anfang an.

Das bestätigt auch Ingrid S., die Anwohnerin ist an der Kreuzung Kapuziner- und Baierstraße, da, wo das einstige Hotel steht und die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. „Natürlich hatten wir ein paar Befürchtungen, wie es wird, wenn hier 70 Flüchtlinge hinkommen“, sagt sie.

Doch anstelle von Menschen, die ein Problem für die Nachbarschaft darstellen, hat sie das Gegenteil beobachtet. Sie berichtet von einem älteren Mann, der neben der Unterkunft lebt und seine Geldbörse auf der Straße verloren hatte. Flüchtlinge haben sie gefunden und sie zurückgebracht – mit komplettem Inhalt. „Wir erleben sehr höfliche Menschen, die nicht frech oder blöd zu uns sind, sondern sich dankbar für jede Hilfe zeigen.“

Gerüchte über krumme Dinger im Flüchtlingsheim seien ihr einige zu Ohren gekommen. So hieß es, dass die Bewohner 50 Fahrräder geklaut haben sollen. „Dabei hatten sie genau zu dem Zeitpunkt 15 Fahrräder geschenkt bekommen“, sagt Ingrid S. Klaus Hildebrand betreibt in der Nachbarschaft einen Friseursalon. Weder aus seiner eigenen Anschauung noch aus den Erzählungen seiner Kundschaft kann er von einem negativen Vorfall berichten. „Hier ist alles ruhig. Ein Problem gibt es nicht und hat es auch nicht gegeben.“

Das bestätigt Doris Vogel, die Leiterin des Jülicher Sozialamtes und damit verantwortlich für die Unterbringung der Flüchtlinge, die der Stadt zugewiesen worden sind. „Bei mir liegt keine Beschwerde vor, die sich als berechtigt herausgestellt hat.“ Von Anfang an sei das so gewesen. „Ich bin am Anfang häufiger gefragt worden, wann Flüchtlinge in das Hotel einziehen“, berichtet Vogel. „Dabei waren die Flüchtlinge schon seit drei Monaten da drin. Das war vielen gar nicht aufgefallen.“

Im Sommer 2015 hatten die Flüchtlinge Tücher in die Fenster gehängt. Das habe einige Anwohner gestört. „Das lag daran, dass wir damals noch keine Gardinen hängen hatten und es draußen heiß war“, sagt Vogel. Heute ist das Problem behoben, so heiß wie im vergangenen Jahr war es bislang nicht, außerdem gibt es mittlerweile Gardinen.

Überhaupt nehme das Amt jeden Hinweis ernst, der aus der Bevölkerung komme. Die Flüchtlingsunterkunft werde regelmäßig kontrolliert. Sie könne nicht ausschließen, dass auch der eine oder andere Flüchtling seine Zigarettenkippe auf der Straße liegen lasse. Das täten Deutsche auch. Die neuen Bewohner der „Alten Post“ sorgen für Ordnung, sie enfernen Unkraut und halten sie Straße und den Bürgersteig im Umfeld sauber.

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