Auch bei Regen: Keine Gnade mit dem Jülicher Lazarus

Von: ptj
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Gerade hat die Strohpuppe ihre Flugstunde auf dem Marktplatz hinter sich. Vizepräsident David Ningelgen tanzt mit dem „Lazarus“. Foto: Jagodzinska
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Spalierbildung vor der Einkehr in die Wirtschaften – hier für Präsident Heinrich Ningelgen und Lazaruspolizist Wilfried Goresek.
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Bevor die Tuchgruppe den Lazarus aufwirft, tanzt die Besengruppe im Kreis.

Jülich. „Die Jülicher Bürjer sen en aussterbende Rasse, dat kütt bestimmt vom Kreis Düre on von de Krankenkasse. Seit die Kengerstation em Krankehus jeschlosse wurd, wisste nur jebürtige Jülicher durch en Hausjeburt.“ So lautete eines der mit Spannung erwarteten rund 20 Reimchen auf die Frage des Tuchführers „Was hat Lazarus mit zur Welt gebracht?“

Die Reimchen dürfen niemals „aus der Hand gegeben werden“, sie werden nur gerufen und verhallen dann wieder, wie Heinrich Ningelgen, Präsident der Historischen Gesellschaft Lazarus Strohmanus betonte. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde die Strohpuppe Lazarus Strohmanus am letzten Tag ihres kurzen Lebens frühmorgens vom Wehrturm des Hexenturms in das Wurftuch geworfen und dreimal gepreckt.

Dann setzte sich der Zug der Historischen Gesellschaft Lazarus Strohmanus in festgeschriebener Ordnung in Bewegung, angeführt vom Standartenträger in Begleitung von „Lazaruspolizist“ Wilfried Goresek in wilhelminischer Uniform. Es folgte der Träger des langen Besens, flankiert von zwei Männern mit gewöhnlichen Besen. Daran reihte sich die Musikkapelle an, dann der Präsident, der Zugführer und die übrigen Funktionäre. Ihnen schloss sich der Mannträger mit der Strohpuppe über seiner linken Schulter an, die Besen- und die Tuchgruppe.

Veilchendienstag ist der Tag des öffentlichen Brauchvollzugs, der höchste Feiertag der Gesellschaft. Im „christianisierten Volksbrauchtum mit germanischen Wurzeln“ muss die Strohpuppe „für die Sünden aller herhalten, deshalb soll sie auch nicht aus der Rur gerettet werden“, sagt Ningelgen. Die Lazarusbrüder traten traditionell in voller Montur in Erscheinung, mit weitgeschnittener weißer Hose, darüber einen blauen Fuhrmannskittel mit rot gemustertem Halstuch, mit schwarzen Ledergamaschen und -schuhen.

Die Stellung innerhalb der Gesellschaft ist an den gold- und silberfarbenen Tressen auf dem untereren Rand der Rundmütze zu erkennen. So tragen etwa der Präsident zwei goldene, der Vizepräsident eine goldene und eine silberne Tresse, der Senatspräsident drei goldene und Ehrenmitglieder und Mitglieder, die 25 Jahre der Gesellschaft die Treue halten, eine goldene.

Besen schwenkend zogen die Lazarusbrüder von einer der rund 20 Preckstellen zur nächsten, am Vormittag durch die Kernstadt, am Nachmittag durch die neueren Baugebiete. Vor jeder Einkehr in die Wirtschaften auf dem Weg bildeten die Funktionäre Spaliere für die Rundmützenträger mit Tresse. Gepreckt und Reimchen gerufen wurden unter anderem an Hexenturm und Marktplatz, vor Stadthalle und Sparkasse, vor dem Neuen Rathaus und dem Kreishaus, beim neuen Ordensträger Peter Schmitz und seinem Vorgänger Thomas Gissler-Weber.

„Jehste durch Jülich, watt e Malör, jedes zweide Jeschäff es en Pizzeria oder Friseur. Andere Jeschäfte hann et schwer zo bestonn, do moste schon en de Großstadt jonn...“, reimten die Brüder unter anderem. Nach einem gelungenen Umzugstag trotz trüber und regnerischer Witterung wurde der Lazarus am Abend entkleidet und unter großem Wehklagen feierlich an der Kirmesbrücke in der Rur ertränkt. Das anschließende Höhenfeuerwerk besiegelte den Akt, bevor die Gesellschaft zur Beerdigungsfeier ins „Top Ten“ einkehrte.

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