„Attac“-Referent spricht über Gesellschaft nach der Wachstums-Ära

Von: ptj
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Politikwissenschaftler Alexis Passadakis von der Attac-Ortsgruppe IndeRur ruft zum wirtschaftlichen Umdenken auf. Foto: Jagodzinska

Broich. Man stelle sich vor, ein Vollzeitjob nähme 20 Wochenarbeitsstunden in Anspruch, um mehr Menschen Arbeit zu geben. Der öffentliche Personennahverkehr sei in öffentlicher Hand und für den Nutzer kostenlos. Die Europäische Zentralbank würde demokratisch kontrolliert, Steueroasen wären geschlossen.

Diese und andere Visionen präsentierte Politikwissenschaftler Alexis Passadakis aus dem globalisierungskritischen Netzwerk „Attac“ als mögliche Einstiegsprojekte hinaus aus der „imperialen Lebensweise“ des Nordens auf Kosten des Südens. Auf Einladung der Attac-Ortsgruppe IndeRur, die sich die „Gemeinwohlökonomie“ zum Schwerpunktthema ausgewählt hat, referierte Passadakis im Broicher Pfarrheim vor gut 30 Zuhörern. Thema war die „solidarische Postwachstumsökonomie statt Wachstumswahn“.

Zunächst skizzierte der Referent Krisenphänomene, begonnen mit hohen Wachstumsraten, einem „historisch sehr jungen Phänomen“. Was wächst? Der Stoffdurchsatz, also „alles, was abgepumpt wird“, und das Bruttoinlandsprodukt. Das System in allen frühindustriellen Staaten sei rein profitorientiert. In einer sich unendlich fortsetzenden Spirale ginge es lediglich darum, Geld zu investieren, um Waren zu verkaufen, um mehr Geld zu haben.

Die „Achse“ sei Anfang der 70er Jahre gewesen: Eine neue Produktionsweise ermöglichte relativ hohe Löhne, den Acht-Stunden-Tag und beginnende Formen sozialer Sicherung. Die hohe Kaufkraft führte zum Massenkonsum, bis die Umweltbewegung entstand und ökologische und soziale Ansprüche stiegen. Fortan sorgte eine neoliberale Politik für die „Umverteilung von unten nach oben und stabilisiert das Vermögen der (Super)Reichen“. Weil der Kuchen immer größer werde, sinke die Wachstumsrate. Als Reaktion darauf weiteten sich die Finanzmärkte massiv aus, eine Finanzialisierung der Ökonomie sei zu beobachten. Trotzdem sinke die Wachstumsrate weiter.

Zu der ökologischen Frage geselle sich die Doppelkrise des Energiesystems: Die Klimakrise durch die immer schneller ansteigende Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre und „Peak Oil“, das Fördermaximum von Erdöl. Seit 2008 sei in der Gesamtförderung ein „Plateau“ festzustellen, trotz Tiefseeöl oder Ölsanden, trotz Fracking „geht es nicht weiter: Das, was man an Energie investieren muss, um Öl zu fördern, wird immer größer.“ Die Perspektive sei ein „grüner Kapitalismus“. Laut dem US-amerikanischen „Center for American Progress“ gehe es darum, „den Schritt in die kohlenstoffarme Ökonomie zu vollziehen, um die größten Wachstumspotenziale der vergangenen Jahrhunderte zu erschließen“.

Der „Trick“ dieses Vorschlages sei es, „Ressourcenverbrauch und Wachstum durch energieeffiziente Strategien zu entkoppeln“, wie Passadakis es ausdrückte. Dabei plädierte er dafür, „eine Postwachstumsökonomie zu probieren und mit strategischen Ansätzen Konturen aufzuzeigen, in Kombination mit einer massiven Arbeitszeitverkürzung“.

Die „Logik der Produktion“ sei der entscheidende Punkt. Zu dieser „Makroökonomie“, die die Volkswirtschaft als Ganzes betrachtet, zähle der Wechsel von privaten zu höheren öffentlichen Investitionen anstelle von privatem Konsum. Öffentlich investiert werden solle in eine soziale Infrastruktur und in soziale und ökologische Güter. Hinzu kämen ambitionierte Reduktionsziele des Rohstoffverbrauchs. Zu der von Passadakis vorgeschlagenen solidarischen Lebensweise zählten kollektiv konsumierte regionale Produkte. Wichtige Punkte seien zudem die egalitäre Umverteilung und schrittweise Entmonetarisierung, das heißt, „ohne direkte Zahlung auszukommen“. So könnten etwa Menschen nicht die landwirtschaftlichen Produkte eines Hofes kaufen, sondern den Hof gemeinsam finanzieren, so dass „jeder bekommt, was er braucht“.

Als Beispiel für eine funktionierende lokale Energiedemokratie nannte der Referent ein Projekt im kalifornischen Sacramento: Nach einem Volksbegehren wurde die teure und unzuverlässige Stromversorgung von einem privaten Unternehmen in die öffentliche Hand übertragen. Bei den Kommunalwahlen wählen die Einwohner zusätzlich einen Verwaltungsrat des lokalen Stromversorgers. So stimmte 1989 die Mehrheit gegen Atomkraft und wenige Tage später wurde das SMUD-Atomkraft Rancho Seco vom Netz genommen. „Ganz spannende Dinge“ seien möglich, wenn man sich darauf einlasse. Denn eines sei klar: „Das Wachstum stößt an Grenzen.“

Auf das gut einstündige Referat folgte eine angeregte Diskussion mit vielen Fragen und Anregungen des interessierten Publikums.

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