Angemerkt: Digitale Lynchjustiz

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Angemerkt: Digitale Lynchjustiz

Ein Kommentar von Volker Uerlings

Wenn die Welt so wäre, wie manche Vorurteile und Vorhersagen uns glauben machen, dann könnte es im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft immer noch zum Aufeinandertreffen von Spanien und England kommen. Leider, leider aber sind die „Unbesiegbaren“ raus und die „drei Löwen“ so gut wie.

Da haben es die Fans des Bundesadlers deutlich besser und dürfen sich auf mindestens zwei bewegende Public-Viewing-Ereignisse im Jülicher Land freuen. Wahrscheinlich werden es noch einige mehr, sofern Italien ausgeschaltet wird, aber das warten wir geduldig ab, denn das ist auch nur eine Spekulation.

Vorverurteilungen, Tatsachenbehauptungen und Schuldzuweisungen in ungewöhnlich hoher Zahl und ungewöhnlicher Deutlichkeit rief das tragischste Ereignis dieser Woche in Jülich hervor: der Unfall auf den Rurtalbahngleisen nahe des neuen Baumarktes. Ein Autofahrer missachtet die Schranken, der Wagen wird vom Zug erfasst. Selbstverständlich hätte noch weitaus mehr passieren können. Und bislang kann sich das niemand erklären.

Aber zwei Informationen reichen, um zum Beispiel in den sozialen Medien, die in diesem Fall eher asoziale Medien heißen sollten, einen „Shitstorm“ auszulösen: die Altersangabe des Verursachers (75) und der Begriff „Senior“. Und eins-zwei-drei werden die Forderungen nach Fahrtüchtigkeitsprüfungen „ab einem bestimmten Alter“ wieder laut. Ruck zuck gibt es solche, die wissen wollen, dass das der soundsovielte Unfall mit einem „Alten“ am Steuer sei. Mitleid hat man „mit dem nicht“.

Woher stammt das Wissen, das diese Urteile untermauern müsste? Hätte der Mann nicht auch ein gesundheitliches Problem am Steuer gehabt haben können? Das soll selbst bei 55-Jährigen (m/w!) schon vorgekommen sein. War er wirklich unerfahren, wie unterstellt wird? Gilt das nicht für 18- bis 22-Jährige grundsätzlich oder manche 40-Jährige (m/w!), die eben nicht oft oder gar nur sonntags fahren?

Betroffenheit: Ja. Ursachen hinterfragen: Na klar. Mitleid mit Zugführer, Fahrgästen und dem Schwerverletzten: Logisch. Aber die nachlesbare digitale Lynchjustiz ist schwer zu ertragen.

Apropos Vorurteile: Wenn alle Expertenmeinungen und Untersuchungen stimmen, ist der überwiegende Teil der Kinder bis zum – sagen wir mal – mindestens 14. Lebensjahr konsolenspielsüchtig, vom täglichen Fernseh-„Genuss“ verdorben und verblödet, falsch ernährt, demnach übergewichtig und nahezu bewegungsunfähig, weil ja kein Kind mehr zum Spielen vor die Tür geht. Der erste Sportcheck in Jülich mit allen Zweitklässlern hat diese gern verbreiteten Thesen nicht untermauern können – und zwar nicht im Ansatz. Es gibt ein paar Auffälligkeiten, mehr nicht. Gut, dass das jetzt einmal nachzulesen ist!

Vorurteile gehören maximal „auf‘n Platz“: heute zum Beispiel das von „den Deutschen“, die eine „Turniermannschaft“ sind. Hoffentlich. In diesem Sinne: Schönes (WM-)Wochenende!

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