Altpapier: Das Geld liegt auf der Straße

Von: Otto Jonel
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Dieter Latten und Ralf Schiffe
Dieter Latten und Ralf Schiffer (v.l.) laden für den SC Ederen Altpapier in den Presswagen. Ein lukratives Geschäft für den Verein, aber auch für den Entsorgungsbetrieb. Foto: O. Jonel

Jülich. Bücken, Packen aufnehmen, in die offene Ladeklappe wuchten. Dieter Latten trabt zum nächsten Stapel Altpapier. „Kollege” Ralf Schiffer ist derweil vorausgeeilt und hat sich eine blaue Tonne geschnappt.

Die zerrt er vom Bürgersteig auf die Straße und wartet kurz, dass das Müllfahrzeug so weit in Position rollt, dass er die schwere Tonne in die Hebevorrichtung klemmen kann. Latten schleppt einen Pappkarton voller Zeitungen und Werbeprospekten an. Ab in den „Schlucker” damit.

Freitagnachmittag auf der Bahnstraße in Ederen. Die beiden Papiersammler haben noch ein paar Stunden zu tun, bis sie durch sind. Sämtliche Straßen im Ort werden sie am Ende der Tour abgegrast, Papierbündel, Verpackungskartons und den Inhalt der blauen Tonnen in den Müllwagen gekippt haben. Rund acht Tonnen werden es am Ende sein.

„Wir sind seit 20 Jahren dabei”, überschlägt Schiffer und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Papier sammeln ist nicht sein eigentliches Metier. Das macht er in der Freizeit, wie Dieter Latten und fünf, sechs andere vom Vorstand des SC Ederen. Einmal im Monat gehen sie auf Tour. Jede Tonne Papier, die im Bauch des Presswagens verschwindet, bedeutet bare Münze. „Das Geld ist für unseren Verein überlebenswichtig”, erklären die beiden. „Davon können die Betriebskosten bestritten werden.”

Dieter Latten und Ralf Schiffer stehen stellvertretend für viele Vereinsmitglieder, die auf den Linnicher Dörfern regelmäßig die Sammelroute abfahren und aus Papier Geld für die Vereinskasse machen. Nur in Linnich selbst und in Rurdorf wird Altpapier nicht vereinsmäßig gesammelt. Dort fährt die RegioEntsorgung AöR gänzlich in Eigenregie ab. Dann sind die Lader nicht Freiwillige, sondern wie der Fahrer, mit dem Latten und Schiffer ihre Runde machen, Beschäftigte des kommunalen Entsorgungsbetriebs, dem im Jülicher Altkreis die Stadt Linnich und die Gemeinde Inden angehören.

„Bezahlt” werden die sammelnden Vereine über einen ausgehandelten Abschlag pro Tonne Altpapier. „Ein paar tausend Euro” kommen da im Falle Ederen schon zusammen. Neben der Sportwoche die wichtigste Einnahmequelle überhaupt und damit unverzichtbar.

Im Altpapier steckt also Geld. Und es wird immer mehr, ist Jürgen Schütz überzeugt. Der Weltmarkt reicht bis in die Region. „Gerade steigt der Export nach China wieder. Wir erwarten für die nächsten Monate wieder steigende Preise.”

Jürgen Schütz ist Leiter Beschaffung, Logistik und Verwertung bei der AWA Service GmbH, Eschweiler. Die Service GmbH ist eine 100-prozentige Tochter der AWA Entsorgung GmbH. Unter diesem Namen firmiert heute das als Abfallwirtschaft Kreis und Stadt Aachen gegründete, rein kommunale Unternehmen. Es betreibt die Entsorgung und die Verwertung von Abfällen im Einzugsgebiet Städteregion Aachen-Kreis Düren.

Im vergangenen Jahr brachte das Altpapier aus den zwölf Kommunen der RegioEntsorgung einen Erlös von 980 000 Euro. „Jetzt haben wir schon 730 000 Euro an Erlös”, blickt Schütz zufrieden auf die aktuelle Bilanz. Immerhin steht noch ein komplettes Quartal aus. 95 Euro bringt eine Tonne Altpapier gegenwärtig auf dem Markt, in dem sich die AWA als eher kleiner Anbieter tummelt. Für Papierindustrie ist das regionale Unternehmen als Lieferant „noch zu klein. Aber mit 24 000 Tonnen pro Jahr, die wir bewegen, haben wir schon eine für Händler interessante Größe”, rückt Schütz die Verhältnisse zurecht.

Das Papiergeschäft hat sich nicht linear entwickelt, sondern unterliegt Schwankungen. Wie schnell sich das Blatt wenden kann, erfuhren die Altpapierentsorger schon häufiger. Vor zwei Jahren etwa sackte der Preis von 120 Euro pro Tonne auf 0 bis 20 Euro ab.

Einen solchen Tiefstand bekommen nicht nur die sammelnden Vereine zu spüren. Als rein kommunales Unternehmen ist die AWA dem Prinzip der Kostendeckung verpflichtet, zielt also nicht auf Gewinn ab. Wenn Erlöse erzielt werden, fließen sie ein in weniger ergiebige oder solche Entsorgungsbereiche, die nur Kosten produzieren. Restmüll ist klassischer Nur-Kosten-Verursacher. „Da fließen die 980.000 Euro aus dem Altpapier in die Gebühren ein”, verdeutlicht AWA-Geschäftsführer Ulrich Koch. Die blaue Tonne macht in diesem Fall die graue billiger.

Koch ist Vorstandsmitglied des Verbandes Kommunaler Unternehmen (VKU). Der Verband ist besorgt über die Haltung der Bundesregierung, privaten Unternehmen den Zugriff auf die werthaltigen Stoffe aus privaten Abfällen zu erlauben. Die Liberalisierung des Hausmülls gehe zu Lasten des Verbrauchers, beklagt der Verband, Das Wort vom Rosinenpicken macht die Runde. Was Geld bringt, dürfe privatwirtschaftlich abgeschöpft werden. Alles, was kostet, bliebe bei den Kommunen hängen. Gebührenerhöhungen würden die Folge sein, sagt der Verband voraus. Letztendlich werde die Allgemeinheit belastet, während private Unternehmen den Rahm abschöpfen.

Diese wirtschaftlichen Veränderungen im Bereich der Abfallentsorgung haben noch keinen Einfluss auf die Sammelpraxis in Ederen oder anderen Orten. „Dass die Vereine sammeln, tut uns nicht weh”, versichert Ulrich Koch, und AWA-Sprecher Michael Uhr schwärmt: „Im Bereich der Euregio ist das erstklassig organisiert.” In manchen Kommunen, die mit anderen Unternehmen als der RegioEntsorgung zusammenarbeiten, ist das vereinsmäßige Papiersammeln eingestellt worden - weil der Entsorger das nicht wollte, schildert Uhr.

Die Ederener bekommen ihre Vergütung, und die abgestellten Müllpressfahrzeug den „Bauch voll”. Einmal durchs Dorf bringt eine komplette Acht-Tonnen-Ladung Papier. Die wandert zum Wertstoff- und Logistikcenter (ELC) Warden. Bis 2005 war das eine Mülldeponie. Seither laufen die Vorbereitungen zur Rekultivierung. Ein Teilbereich des Geländes wird noch für abfallwirtschaftliche Tätigkeit genutzt. Etwa für den Umschlag des Altpapiers.

Seit Juli 2010 unterhält die AWA dort eine eigene versetzbare Papierhalle. Unter einer Zeltkonstruktion können auf einer Fläche von 62 mal 30 Metern maximal 33.000 Jahrestonnen Altpapier gelagert werden. Theoretisch, denn was rein kommt, wird fast sofort wieder auf die Container-Lastwagen, meist mit belgischem Kennzeichen, der Vertragshändler verladen.

Nicht ausgeschlossen ist, dass manches von dem Papier, das die Baggerkralle in den Container Richtung Belgien geschaufelt hat, irgendwann bei einem Großabnehmer der Papierindustrie in Köln wieder auftaucht, dort verarbeitet wird und schließlich wieder an einem Bordstein in Ederen landet. Und der Kreislauf beginnt aufs Neue.
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