Adoptivsohn acht Jahre lang missbraucht?

Von: hfs.
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Einem 56-jährigen Mann aus Merzenhausen wird Missbrauch in über 150 Fällen vorgeworfen.

Merzenhausen. Jahrzehntelang führte Dieter D. in dem 400-Seelen-Ort Merzenhausen ein unbescholtenes Leben. „Aus seiner homosexuellen Neigung hat er nie ein Geheimnis gemacht“, sagt ein Bewohner, der ihn aus seiner Jugendzeit kennt. Der 35-Jährige ist jetzt aber genauso bestürzt wie viele seiner Mitbewohner.

Denn an den Gerüchten, die seit Monaten im Ort die Runde machen, ist offenbar mehr dran, als manche glauben wollten. Dieter D. (56) wird wegen sexuellen Missbrauchs, schweren sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung von Kindern vor der 5. Großen Strafkammer am Landgericht Aachen der Prozess gemacht. Das Verfahren beginnt am Dienstag, vier weitere Termine sind im Februar anberaumt. Bei einer Verurteilung drohen dem Angeklagten, der seit dem 28. Juli in Untersuchungshaft sitzt, bis zu 15 Jahre Haft.

„Bei Dieter D. (Anm: Name v. d. Red. geändert) waren immer viele Jugendliche auf dem Hof. Er hatte als Erster im Dorf ein Schwimmbad, wir haben Fußball gespielt, wir haben viel mit ihm unternommen.“ Sagt der jetzt 35-Jährige, der als Jugendlicher wie viele andere aus dem Dorf mit dem nun angeklagten Dieter D. Kontakt hatte. Dass der 56-Jährige homosexuell sei, habe er nie verhehlt. „Daran hat sich nie einer gestört, er ist ja auch nie irgendwie auffällig geworden“, erzählt man.

Der 35-jährige Merzenhausener, der mit unserer Zeitung gesprochen hat, aber anonym bleiben will: „Wir haben uns schon gewundert, als es vor sieben Jahren hieß, der Dieter heiratet. Denn bis dato hatten wir ihn nur in Begleitung von Männern gesehen.“ Dass die Heirat von Dieter mit Doris am Silvestertag 2007 für viele überraschend war, belegen auch Einträge im Gästebuch des Angeklagten auf seiner Homepage. „Soeben haben wir von Deiner für uns überraschenden Hochzeit erfahren“, lautet am 5. Januar 2008 zum Beispiel ein Eintrag von Kollegen.

Ihr Ehemann habe sich aber schon bald nach den Flitterwochen „von mir zurückgezogen. Er schuf sich eine eigene Welt“, berichtet die Ex-Frau. Seine Welt, so liest man es in der Anklageschrift, sei seine Werkstatt im Untergeschoss des Wohnhauses gewesen. Jener Ort, in dem sich laut Anklage in den Folgejahren „Vergehen und Verbrechen des sexuellen Missbrauchs und schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern sowie des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen und der Vergewaltigung“ ereigneten. Die Straftaten sollen an dem jetzt 15-jährigen Sohn von Doris begangen worden sein, den der Angeschuldigte im Oktober 2010 adoptierte. Die Zeit des Missbrauchs soll am 2. Dezember 2006 begonnen und am 11. Juli 2014 geendet haben.

So steht es in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Aachen, die von 152 Fällen ausgeht. Sie listet unter anderem 85 Fälle auf, „mit dem Kind den Beischlaf vollzogen zu haben“. Inklusive einer Vergewaltigung muss das für das Opfer ein Martyrium gewesen sein, das Dieter D. selbst beendet haben soll.

„Mein Mandant ist in Düren im Landeskrankenhaus, in das er sich begeben hatte, in der Psychiatrie zwar verhaftet worden, aber er wollte sich selbst der Polizei stellen“, sagt Rechtsanwalt Walter Strüder aus Herzogenrath. Er vertritt Dieter D., der nach seiner Verhaftung am 28. Juli in die Justizvollzugsanstalt Aachen gebracht wurde. Im Rahmen seiner Vorführung gab Verteidiger Strüder im Namen seines Mandanten an, der Vorwurf, dass es zu sexuellen Handlungen zwischen ihm und seinem Sohn gekommen ist, „sei grundsätzlich richtig“. Laut Anwalt hatte der Angeschuldigte bereits eine Selbstanzeige geplant, der die Strafverfolgungsbehörden allerdings zuvor gekommen seien.

Der Ex-Frau fällt es schwer, sich über ihr Schicksal und das des Sohnes zu äußern. Aber sie spricht trotzdem, „damit die Menschen mobilisiert werden, hellhörig werden“, sagt Doris. Sie will nicht , dass noch weiter geschwiegen wird. Die aufgelisteten 152 Fälle dürften an den vier bereits terminierten Verhandlungstagen am 27. Januar, am 2., 4. und 9. Februar jeweils ab 9 Uhr vor der 5. Großen Strafkammer die Kammer voll und ganz in Anspruch nehmen. „Zweifel an dem Erlebnisgehalt der Schilderungen des Jungen haben wir nicht“, sagt Jost Schützeberg als Sprecher der Staatsanwaltschaft Aachen.

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