Ab dem 2. Stock wird‘s rechtlich knifflig

Von: Otto Jonel
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Bei diesem Brand in Ederen hätte die Rettung von Menschen über die Steckleiter geschehen können. Im Vergleich zur Drehleiter ist ihre Reichweite aber nach oben erkennbar begrenzt. Foto: Horrig

Linnich. „Sie haben einen Zustand, der aus unserer Sicht Gefahr in Verzug darstellt.“ Mit dieser Einschätzung legte Dr. Holger de Vries die Messlatte auf. Der externe Berater in Sachen Brandschutz war bei einer „Überprüfung (zweiter) baulicher Rettungswege“ zu einem ernüchternden Ergebnis gekommen.

Im gesamten Stadtgebiet Linnich existieren Gebäude, die über keinen zweiten Rettungsweg verfügen und gleichzeitig so hoch sind, dass die Feuerwehr mit ihren Mitteln nicht in der Lage ist, Menschen aus den oberen Geschossen zu retten.

Sehr aufwändig

Der markanten Aussage des Fachmanns vom Büro Forplan Dr. Schmiedel GmbH, Bonn, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für „Qualitäts­management und öffentliche Aufgaben im Rettungswesen“, liegen praktische Erfahrung zugrunde.

Bereits vor einem Jahr waren 18 Objekte im Linnicher Bereich „sehr aufwändig und Personal-intensiv“ sowie mit Unterstützung der Drehleiter Jülich überprüft worden, ob bei einem Brand Menschen aus den oberen Geschossen vor den Flammen gerettet werden könnten.

Das Ergebnis: Mit der klassischen vierteiligen Steckleiter oder der dreiteiligen Schiebeleiter wären die obersten Fenster nicht erreichbar gewesen. Und selbst wenn, wäre die Rettung eine riskante Angelegenheit. 14 Meter hoch auf einer schwankenden Leiter – „Da wird selbst Feuerwehrleuten flau im Magen“, meinte ein Blaurock respektvoll. Und über diese Leiter müssten die zu Rettenden selbst absteigen, vom Greis bis zum Kind. Eine beängstigende Vorstellung.

Das Ergebnis des Praxistests: Fünf der 18 Objekte waren mit der dreiteiligen Schiebeleiter anleiterbar, zwei weitere nur bedingt. Aus diesen beiden Gebäuden wären Menschen über die Schiebeleiter nicht sicher zu retten gewesen. Aus elf Objekten wäre die Rettung auf diesem Weg überhaupt nicht möglich. Ein Trost: Bei fünf der 18 Objekte hätte die Rettung über die Drehleiter geklappt, wie de Vries bemerkte.

Die Zahl der überprüften Objekte ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Die Linnicher Feuerwehr hat insgesamt 230 Objekte ausgemacht, an denen der zweite Rettungsweg baulich nicht vorhanden ist, folglich durch Handleiter, Drehleiter oder Hubrettungswagen ersetzt werden muss.

Und hier steckt die Stadt in einem Dilemma. Eigentlich ist der zweite Rettungsweg bauliche Vorschrift. Ist er nicht vorhanden, müsste geprüft werden, ob die Baugenehmigung „eventuell unrechtmäßig erteilt“ wurde. Zu prüfen wäre ebenfalls, ob eine Nachrüstung nachträglich angeordnet werden könne.

Da aber der Ist-Zustand zählt, ist die Stadt in der Verantwortung. „Sie sind da von Landesgesetzen umzingelt“, meinte Dr. de Vries lapidar. Angesichts der hohen Risikoquote beim Praxistest hatte er nur eine Schlussfolgerung parat: „Sie kommen an einem Hubrettungswagen nicht vorbei.“

Der Linnicher Werksausschuss, dem diese Expertise eröffnet wurde und der mit Feuerwehrleuten, unter ihnen auch Stadtbrandmeister Theo Black, bestens bemannt ist, war von den Ausführungen des Brandschutz-Planers beeindruckt.

Wenn man die Feuerwehr betrachte wie eine Versicherung, zog Mark Dremel (PKL) einen Vergleich, müsse die Frage erlaubt sein: „Braucht man wirklich alles?“ Irgendwo müsse auch finanziell eine Grenzlinie gezogen werden. „Wenn Gefahr für Leben besteht“, nahm Hans-Friedrich Oetjen (SPD) eine unverrückbare Position ein, „dann stimme ich der Forderung nach einer Drehleiter zu.“

Alwin Dohmen (CDU) suchte nach dem Kompromiss: „Die Frage ist tatsächlich: Haben wir die Möglichkeit überprüft, ob wir ohne eigene Drehleiter auskommen können?“ Ähnlich kompromisslos wie Oetjen gab sich Dr. Klaus Selter (FDP) mit Seitenblick auf die Gesetzeslage. „Wir leben hier seit 30 Jahren mit einem illegalen Zustand, und jetzt müssen wir dem Gesetz Genüge leisten.“

Kooperationen mit anderen Wehren sind nicht der Weisheit letzter Schluss. Das Hochrettungsgerät der Werksfeuerwehr von SIG Combibloc „entspricht nicht mehr dem Stand der Technik“, schloss de Vries diesen Nothelfer aus. Außerdem dürften Privatunternehmen nicht im Rettungsplan als verfügbar berücksichtigt werden. Mark Dremel hatte gerüchteweise vernommen, dass die Werksfeuerwehr nur darauf warte, ihre Drehleiter außer Dienst zu stellen, sobald die Stadt eine eigene Drehleiter besitzt.

Ausnahme anmelden

In Linnich will man den Empfehlungen des Experten folgen. Der Neun-Punkte-Katalog an Maßnahmen reicht von der angesprochenen Überprüfung der bauordnungsrechtlichen Möglichkeiten zur Schaffung des zweiten Rettungswegs über die Anmeldung des Ausnahmezustands, dass die Drehleiter der Jülicher Feuerwehr sowie die der Werksfeuerwehr SIG Combilbloc im Notfall angefordert werden, bis hin zur Klärung der Anschaffung einer eigenen Drehleiter.

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