25. Forum Medizin: Der Rücken aus vier Perspektiven

Von: ptj
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Das Podium im 25. Forum Medizin: (v.l.) Christopher Wolf (AOK), Chefarzt Dr. Rudolf Jegen, Facharzt für Orthopädie Dr. Jochen Kolouch, Moderator Otto Jonel, der physiotherapeutische Heilpraktiker Lutz Offermanns und Chefarzt Dr. Klaus Hindrichs. Foto: Jagodzinska
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Schmerztherapeut Dr. Rudolf Jegen ist Verfechter der multimodularen Zusammenarbeit. Foto: Jagodzinska
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Orthopäde Dr. Jochen Kolouch stellte Behandlungsmethoden mit der langen Nadel vor. Foto: Jagodzinska

Jülich. „Vier hochkarätige Referenten und ein dickes Thema, das jeden angeht“, gab es zum 25. „Forum Medizin“ in der überfüllten Schlosskapelle, veranstaltet von der Lokalredaktion in Kooperation mit dem St.-Elisabeth-Krankenhaus und unterstützt von der AOK – moderiert von unserem Redakteur Otto Jonel.

Mehr denn je betonte das „illustre Podium“ aus dem St. Elisabeth-Krankenhaus die Notwendigkeit der interdisziplinären Behandlung und sparte nicht mit Selbstkritik, denn: „80 Prozent der Rückenschmerzen sind harmlos, und wir müssen den Patienten über die Harmlosigkeit aufklären.“ Mit dem manchmal saloppen ärztlichen Fachjargon „können wir den Patienten auch krank machen“. So drückte es Dr. Rudolf Jegen in seinem Referat „Das Kreuz mit dem Kreuz“ aus.

Der Chefarzt der Anästhesie sprach bei der Jubiläumsveranstaltung aber vor allem als Schmerztherapeut, der die „Epidemie“ Rückenschmerz zunächst in spezifischen und unspezifischen Schmerz einteilte. Ersterer wird durch ernsthafte körperliche Erkrankungen wie Bandscheibenvorfälle, Instabilität, Infektionen oder Tumore ausgelöst. Letzterer entsteht durch Fehlbelastung, Verschleiß, Muskelschwäche, Haltungsfehler und psychische Komponenten.

Nur zehn Prozent der Rückenschmerzen chronifizieren, verursachen aber 80 Prozent der Kosten. Werden bei akuten Kreuzschmerzen gefährliche Verläufe ausgeschlossen, soll der Patient „in Bewegung bleiben“, notfalls mit Hilfe von Physiotherapie und Schmerzmitteln. Bei der Vorstellung der langen Palette verfügbarer Schmerzmittel und Opiate betonte Jegen die vielfältigen Nebenwirkungen. Antidepressiva helfen hingegen „sehr gut bei Rückenschmerzen“.

Dr. Klaus Hindrichs, Chefarzt der Allgemein-, Unfall- und Viszeralchirurgie, befasste sich mit Ursache und Therapie von Hals-Wirbelsäulen-Beschwerden unter der Überschrift „Wer sitzt mir im Nacken?“. Zum besseren Verständnis begann er mit einer Anatomiestunde über Zusammenhänge von Knochen, Bändern, Muskeln, Blut- und Nervengefäßen und definierte insgesamt zwölf Bewegungsmöglichkeiten der Wirbelsäule.

Denn viele akute und chronische Schmerzen des Bewegungsapparates haben ihren Ursprung in der Muskulatur. Die durch Überlastung und/oder Überdehnung ausgelösten „Triggerpunkte“ können durch Druck einen wiederholbaren Schmerz auslösen, der oft in andere Körperregionen übertragen wird. Als Therapieformen stellte Hindrichs unter anderem manuelle Triggerpunkt-Massagen und spezielle Laser-Akupunktur-Therapien vor.

„Mit spitzen Nadeln gegen den Schmerz“ war das Referat von Dr. Jochen Kolouch aus der orthopädischen Praxis am St.-Elisabeth-Krankenhaus überschrieben. „Wenn im Haus jemand auf dem Schlauch steht, komm im Garten hinten nichts mehr an“, solchermaßen bildhaft verglich der Facharzt das Nervensystem. Er stellte die unter computertomographischer Kontrolle erfolgende Injektionstechniken „Facetteninfiltration“ und „periradikuläre Therapie“ (PRT) vor. Bei Ersterer wird ein Betäubungsmittel oder Kortison per Injektionsnadel direkt an die kleinen Wirbelgelenke, bei Letzterer nah an die Nervenwurzel gespritzt. In beiden Fällen sind die „Nadeln lang und spitz, aber total harmlos“.

Zuhörer sprachen später noch die „Epidurale Injektion“ in den Rückenmarkkanal an, der speziell für Patienten mit Problemen innerhalb des Wirbelkanals gedacht ist.

Kolouch ging besonders auf die Selbstkritik der Ärzte ein, die die „sprechende Medizin“ und das „genauere Hinsehen“ wieder stärker in den Blickpunkt rücken sollten.

Der physiotherapeutische Heilpraktiker Lutz Offermanns, Leiter der Praxis Physioness, beleuchtete die Therapie funktioneller Rückenbeschwerden aus fachspezifischer Sicht. In Bezug auf funktionale Störungen an der Wirbelsäulenachse verglich er die Gelenke mit einem Zug, Muskeln und Faszien (elastische Bindegewebshüllen) mit Schienen. „Wenn im Schienensystem eine Störung vorliegt, ist der Zug gezwungen zu kompensieren, eine Umleitung zu fahren.“ Offermanns hat sich auf die innovative Faszientherapie spezialisiert, obwohl dazu keine Studien vorliegen. Aber: „Wer heilt, hat Recht.“

Sein Highlight war ein Heilerfolg in der ersten und einzigen Behandlung, nachdem sich seine Patientin jahrelang nicht mehr schmerzlos vorbeugen konnte. Er sei „ganz tief mit dem Daumen ins Gewebe reingegangen, habe das Gewebe ausgestrichen und die Gelenke manualtherapeutisch mobilisiert“ – und die Patientin war schmerzfrei. Weil „im Fitnessstudio die Tiefenmuskulatur, die die Wirbelsäule schützt uns stüzt, meistens nicht trainiert wird“, empfahl er Balanceübungen oder Reha-Sportgruppen.

„Was haben diese hoch interessanten Referate mit der Realität in der kassenärztlichen Praxis zu tun?“, fragte ein Zuhörer, der mit einem Witz zu Lasten der Orthopäden abschloss. Sofort lobte Offermanns hingegen die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Dr. Kolouch. Dieser räumte ein: Die „sprechende Medizin“ werde allgemein unterbewertet, das Generationsdenken habe sich sehr in Richtung Gerätemedizin entwickelt, natürlich spiele auch die begrenzte Zeit eine Rolle. Es seien „vielfältige Ansätze“ und eine „multimodale Herangehensweise“ nötig. „Keiner von uns ist Konkurrent. Wir können alle zusammen etwas für Sie leisten“, setzte er nach.

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