„2000 Jahre und eine 1/125 Sekunde”: Fotokunst über die Via Belgica

Von: gep
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Antike Regionalgeschichte haut
Antike Regionalgeschichte hautnah: Museumsleiter Marcell Perse mit einem fränkischen Söldner. Foto: gep

Jülich. Auf der Heerstraße, die den Rhein quer durch Jülich und Aldenhoven mit der Atlantikküste verband, marschierten einst die Legionäre mit genagelten Sandalen, um ihre Adler-Standarten auch in den entlegensten Winkeln in den Boden zu rammen.

Über den gestampften Kies rollten die von Ochsen gezogenen Holzkarren der Händler, um die Truppen des Imperium Romanum in Gallien und Germanien zu bevorraten und die unterworfenen Stämme zu beliefern. Über die Fernstraße wurden etwa Olivenöl aus Italien, Wein von der Iberischen Halbinsel, Datteln und Feigen aus der Agäis, Purpur aus Kleinasien oder Bronze- und Glasgefäße herantransportiert, gen Süden wurden Felle, Schinken oder Bernstein geschafft. Jetzt soll die alte Trasse unter dem Neu-Namen Via Belgica (nach der römischen Provinz Gallia Belgica) als „Erlebnisraum Rämerstraße” touristisch erschlossen werden.

Die Stuttgarter Fotografen Kai Loges und Andreas Langen (Team „arge lola”) haben entlang der historischen Trasse Vergangenes und Gegenwärtiges gesammelt und künstlerisch ins Bild gesetzt. Die Fotokunstausstellung „2000 Jahre und eine 1/125 Sekunde”, die zuletzt in Aldenhoven Station gemacht hat, ist jetzt bis zum 23. November in Jülich in der Sparkassen-Filiale am Schwanenteich während der üblichen Geschäftszeiten zu sehen.

Die Verkehrsachse war, so unterstrich Sparkassen-Vorstandschef Dr. Udo Zimmermann als Gastherr bei der Eröffnung der Ausstellung, „eine Revolution in der Mobilität”. Und in Jülich entfaltete sich dank ihr städtische Zivilisation. „Das Leben fing an, als die Straße kam”, sagte der stellvertretende Bürgermeister Wolfgang Gunia, aber die Stadt war „kein Straßenkind”. Etwa um 310 wurde die Siedlung am militärisch bedeutsamen Rurübergang zu einem vierzehntürmiges Kastell ausgebaut.

70 Kilomter lang ist die Trasse der Via Belgica im Rheinland. Und diese will der Landschaftsverband Rheinland (LVR) „wieder in die Erinnerung zurückbringen”, sagte Prof. Dr. Jürgen Kunow, Direktor des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland. Und „es soll ein Erlebnis sein”. Kunow: „Bald können Sie die Via Belgica erradeln.” Ziel des Millionen-Projektes „Erlebnisraum Römerstraße” ist es, die ehemaligen römischen Staatsstraßen im Rheinland - die Straßen Köln-Boulogne-sur-Mer (Via Belgica) und Köln-Trier (Via Agrippa) - wieder „erfahrbar” zu machen.

Zugleich soll die touristische Anziehungskraft der Region verstärkt werden. Denn die 70 Kilometer lange Strecke wird als Rad- und Wanderweg ausgewiesen. Wo die Straße nicht mehr erkennbar ist, soll der Verlauf durch „Signalbäume” (Kunow) gekennzeichnet werden. Auch sollen die im Boden befindlichen Überreste der historischen Straße anschaulich hergerichtet werden. Informationstafeln an der Trasse enthalten populäre, wissenschaftlich fundierte Informationen zu Verlauf und Aufbau der Straße und zu den archäologischen Denkmälern an der Straße. Eine solche Mansio (lat. Rastplatz) nebst Parkplatz ist etwa bei Freialdenhoven an der B 56 geplant, unter anderem bei Gut Frauenrath verläuft noch ein Feldweg auf der Originaltrasse.

Außerdem wird an diesen Mansiones auch auf Denkmäler unterschiedlicher Epochen in der Umgebung hingewiesen, die einen Abstecher lohnen. Informations- und Dokumentationszentren zur Via Belgica entstehen im Römisch-Germanischen Museum der Stadt Köln und im Museum Zitadelle Jülich, sie sollen museal aufbereitet die Geschichte und Bedeutung der Römerstraßen vermitteln.

Welch ein „gewaltiges” Infrastruktur-Bauwerk die Via Belgica seinerzeit war, erläuterte Marcell Perse, Leiter des Museums Zitadelle Jülich. Es war eine „vierspurige Autobahn”, die insgesamt 25 Meter breit war. Die Forschung stützt sich dabei insbesondere auf die archaöogischen Ausgrabungen an dem Zehn-Kilometer-Teilstück, das durch den Tagebau Hambach verschwunden ist. „Es sind”, so Kunow, „die zehn bestuntersuchten Straßenkilometer im Römischen Reich.” Danach befand sich, so Perse, in der Mitte ein sieben bis zehn breiter Damm aus gestampftem Kies.

Diese Bauweise gebot sich wegen der reichlichen Niederschläge, über die schon der römische Geschichtsschreiber Tacitus in seiner „Germania” lamentierte. Über die Kiesstraße rollte der „Schwerlastverkehr”, so Perse, von Ochsen oder Maultieren gezogene Karren, links und rechts befanden sich noch unbefestige Sommerwege. Auf die Eingeborenen muss die Verkehrsachse, die von Köln bis Stetternich „wie mit dem Lineal gezogen” errichtet wurde, großen Eindruck gemacht worden, so der Museumsleiter. Es war eine Technik, die die Unterworfenen für die Besatzer auch begeistern konnte.

„Unter dem Asphalt lauern die Römer” bis heute, führte Perse weiter aus. So stehen der Hexenturm und ein Teilstück der Kleinen Rurstraße, „ein Fossil” im Stadtplan, exakt auf der Orginalachse der römischen Staatsstraße, die noch Jahrhunderte nach dem Zerfall des Imperium Romanum eine zentrale Verkehrsachse blieb, bis das napoleonische Frankreich und das köngliche Preußen den Chausseenbau systematisch vorantrieben. So wurde im 16. Jahrhundert die Renaissance-Festung Zitadelle nach italienischem Muster an dieser Fernstraße errichtet.

Die Geschichte der (Spät-) Antike hautnah präsentierte Perse mit einem fränkischen Söldner in römischen Diensten, den ein Aktiver der regionalen Reenactment-Truppe Contubernium Primum (lat. 1. Zeltkameradschaft). Das Besondere: Bewaffnung, Bekleidung und Ausstatttung sind Replika archaölogischer Funde in Jülich. Ausgerüstet war der Nachmach-Krieger im Dienst der experimentellen Archäologie neben Schwert, Schild und Wurflanze, wie sie für die römischen Legionen typisch waren, auch eine Franziska, die berühmte Wurfaxt der Franken. Und er zeigte auch einen Angelhaken vor, ebenfalls rekonstruiert nach einem Jülicher Fund. Denn Angeln, so Perse, war „sein Hobby”. Dabei beließen es seine Nachfahren nicht: 460 vertrieben die Franken die Römer und übernahmen das Regiment an der Rur.

Längstes Bodendenkmal des Kreises Düren

Die rund 400 Kilometer lange Römerstraße führte von Köln (Colonia Claudia Ara Agrippinensium) über die „Raststätten” Jülich (Iuliacum), Heerlen (Coriovallum), Maastricht (Trejectum ad Mosam) und Tongeren (Aduatuca Tungrorum) nach Bavay (Bagacum) an der belgisch französischen Grenze, wo sie nach Boulogne-sur-Mer (Bononia) im Department Pas-de-Calais abzweigte. Dort befand sich das Hauptquartier der römischen Kanalflotte).

Heute wird die Trasse - die Originalbezeichnung ist unbekannt - Via Belgica geheißen - und ist das längste Bodendenkmal im Kreis Düren. Von Elsdorf kommend verläuft sie durch den Tagebau Hambach, über die Kölner Landstraße in Stetternich durch Jülich und Aldenhoven weiter nach Baesweiler, bis sie bei Rimburg, einem Stadtteil von Übach-Palenberg, das Grenzflüsschen Wurm überquert.

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